Wald-Klimaschutz rechnet sich schöner als er ist: Warum Buffer Pools das Risiko um den Faktor 6,3 unterschätzen
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Einleitung: Warum die Rechnung der Wälder nicht aufgeht

Wälder gelten in der internationalen Klimapolitik als einer der wirksamsten Hebel, um Kohlendioxid aus der Atmosphäre zu binden. Weltweit investieren Regierungen, Unternehmen und Stiftungen Milliardenbeträge in Projekte, die den Walderhalt, die Wiederaufforstung und die nachhaltige Waldbewirtschaftung fördern. Die zugrunde liegende Annahme ist bestechend einfach: Solange ein Wald steht, bleibt der in ihm gespeicherte Kohlenstoff gebunden. Wird er durch Brand, Sturm oder Schädlingsbefall zerstört, geht diese Senke jedoch wieder verloren – und das in einem Ausmaß, das die ursprüngliche Klimaschutzleistung zunichtemacht. Genau hier setzt das Konzept der sogenannten „Buffer Pools“ an, also der Risikopuffer, die in den großen Waldklimaschutzprogrammen vorgehalten werden, um solche Verluste auszugleichen.

Ein Forscherteam um Chao Wu von der Stanford University hat nun in einer Studie, die im Juni 2026 in der Fachzeitschrift Nature erschienen ist, systematisch untersucht, wie groß diese Buffer Pools tatsächlich sein müssten, um die Risiken abzudecken. Das Ergebnis ist beunruhigend: Die gängigen Standards unterschätzen die Risiken um ein Vielfaches, mit potenziell weitreichenden Konsequenzen für die Glaubwürdigkeit der freiwilligen Kohlenstoffmärkte und für die Zielerreichung der nationalen Klimaschutzbeiträge.

So wurde geforscht

Die Studie kombiniert drei bislang weitgehend getrennte Datenquellen miteinander. Erstens: die nationale Waldinventur der Vereinigten Staaten, die flächendeckend Informationen zu Baumarten, Bestandesdichte und Wachstum liefert. Zweitens: Satellitendaten, mit denen Veränderungen der Waldbedeckung über die Zeit verfolgt werden können. Drittens: Störungsmodelle, die auf Basis von Klima- und Wetterdaten das Risiko verschiedener Waldbrand- und Schädlingsereignisse prognostizieren. Diese drei Datenströme wurden mit Verfahren des maschinellen Lernens zusammengeführt, um für jeden Punkt der kontinentalen USA eine Karte des sogenannten Reversal-Risikos zu erstellen – also der Wahrscheinlichkeit, mit der ein heute als Kohlenstoffsenke bilanzierter Wald in den nächsten 100 Jahren wieder zur Kohlenstoffquelle wird.

Der Untersuchungsraum umfasst die zusammenhängenden Waldgebiete der unteren 48 US-Bundesstaaten (CONUS – Contiguous United States). Der Zeithorizont der Risikoanalyse beträgt 100 Jahre. Anschließend verglichen die Forschenden ihre modellierten Risiken mit den tatsächlichen Buffer-Pool-Größen des größten US-Waldklimaschutzprogramms, das vom California Air Resources Board im Rahmen des Cap-and-Trade-Systems betrieben wird. Auf diese Weise ließ sich quantifizieren, in welchem Verhältnis der vorhandene Puffer zum modellierten Bedarf steht.

Die wichtigsten Ergebnisse

1. Klimaveränderungen erhöhen das Risiko deutlich. Die Modelle zeigen, dass der Klimawandel das 100-jährige Risiko von Kohlenstoffverlusten durch natürliche Störungen in den Wäldern der USA signifikant erhöht. Besonders betroffen sind Kalifornien und die Bergregionen des Intermountain West – also genau jene Gebiete, in denen Dürreperioden, Waldbrände und Borkenkäferbefall in den vergangenen Jahren die Wälder am stärksten verändert haben.

2. Buffer Pool um Faktor 6,3 zu klein. Die zentrale Zahl der Studie: Der bestehende Buffer Pool des größten US-Waldklimaschutzprogramms ist im Durchschnitt um den Faktor 6,3 zu klein, um die modellierten Risiken abzudecken. Das bedeutet, dass im Falle tatsächlicher klimabedingter Verluste nur ein Sechstel der entstandenen Schäden ausgeglichen werden könnte. Der Rest müsste entweder aus anderen Quellen kompensiert werden oder bliebe als realer Verlust in der Klimabilanz stehen.

3. Schwankungsbreite Faktor 2,2 bis 8,0. Je nach zugrunde gelegten Annahmen zu Klimaentwicklung, Störungsintensität und Berücksichtigung weiterer Kohlenstoffpools reicht die Unterschätzung von Faktor 2,2 bis Faktor 8,0. Das heißt: Unter ungünstigen Annahmen ist der vorhandene Puffer sogar nur ein Achtel des benötigten Volumens. Diese Spannweite zeigt, wie stark die Ergebnisse von der konkreten Wahl der Modellannahmen abhängen – und macht zugleich deutlich, dass die tatsächlichen Risiken in allen Szenarien deutlich unterschätzt werden.

4. Räumlich sehr ungleich verteilt. Die Risiken konzentrieren sich auf bestimmte Regionen. Während die pazifischen Bundesstaaten und die Rocky-Mountain-Region die höchsten Verlustrisiken aufweisen, sind die Wälder im Nordosten der USA und im pazifischen Nordwesten weniger stark betroffen. Diese räumliche Differenzierung ist eine direkte Entscheidungshilfe für die Allokation von Buffer-Pool-Mitteln.

5. Methodische Schwächen der gängigen Standards. Die Studie identifiziert mehrere konkrete Schwachstellen der bisherigen Methoden zur Bemessung von Buffer Pools. Dazu gehören die unzureichende Berücksichtigung künftiger Klimaveränderungen, die fehlende Einbeziehung von Störungsdynamiken und die zu grobe räumliche Auflösung. Die Autorinnen und Autoren plädieren für eine grundlegende Revision der internationalen Standards, die derzeit unter dem Dach des Verra-Registers und anderer Zertifizierungssysteme Anwendung finden.

Was das für die Praxis bedeutet

Auch wenn sich die Studie auf die USA konzentriert, ist die Botschaft für die internationale Wald- und Klimapolitik unmittelbar relevant. Die Bewertungslogik von Buffer Pools, die Verra, der Gold Standard und andere Zertifizierer verwenden, findet weltweit Anwendung – auch in Projekten, an denen sich deutsche Forstbetriebe, deutsche Kommunen oder deutsche Waldbesitzer über Programme wie die Waldklimafonds oder internationale Kompensationsprojekte beteiligen. Wenn die zugrunde liegenden Risikomodelle die tatsächlichen Risiken systematisch unterschätzen, dann ist auch die Klimaschutzleistung dieser Projekte geringer als ausgewiesen.

Für Forstbetriebe und Waldbesitzer in Mitteleuropa heißt das konkret: Wer sich an internationalen Kohlenstoffzertifikate-Programmen beteiligt oder beteiligen will, sollte die Risikoabschätzung der jeweiligen Projekte kritisch hinterfragen. Insbesondere in Regionen, die wie Süddeutschland, der Alpenraum oder Teile Sachsens zunehmend von Trockenheit und Borkenkäferbefall betroffen sind, ist die Frage berechtigt, ob die zugrunde gelegten Risikoannahmen noch realistisch sind. Die kalifornische Studie liefert das methodische Rüstzeug, um diese Fragen mit eigenen Daten zu prüfen.

Auf politischer Ebene unterstreichen die Ergebnisse die Notwendigkeit, die europäischen und internationalen Standards für Waldklimaschutzprojekte zu überarbeiten. Die EU-Verordnung zur Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft (LULUCF) und die freiwilligen Kohlenstoffmärkte, die im Rahmen des EU-Klimaziels 2040 diskutiert werden, sollten sich an den methodischen Erkenntnissen dieser Studie orientieren. Andernfalls besteht die Gefahr, dass die bilanzierte Klimaschutzleistung systematisch überschätzt wird.

Limitations und offene Fragen

Die Studie modelliert ausschließlich natürliche Störungen – Waldbrände, Schädlingskalamitäten, Stürme. Anthropogene Risiken wie Holzernte, Flächenumwidmung oder illegaler Einschlag sind nicht Gegenstand der Analyse. Zudem basiert die Modellierung auf Daten der USA; eine direkte Übertragung auf europäische Wälder erfordert zusätzliche Anpassungen. Schließlich hängen die Ergebnisse sensitiv von der Wahl der Klimaszenarien ab. Vergleichbare Studien aus Kanada und Australien gelangen jedoch zu ähnlichen Richtungsbefunden, was die grundsätzliche Übertragbarkeit der Methodik stützt. Die hier vorgestellten Ergebnisse passen damit in einen breiteren Forschungsstand, der die Notwendigkeit einer Revision der bestehenden Standards international untermauert.


Quelle: Wu, C. et al. (2026). Forest carbon protocols underestimate climate-driven carbon loss risks. Nature, 654, 107–113. DOI: 10.1038/s41586-026-10571-y


Dieser Artikel wurde mit Hilfe von KI erstellt und dient der allgemeinen Information. Keine Rechts- oder Beratungsempfehlung.