Baumarten der Zukunft: Neue Europa-Karten zeigen Eignung und Wuchsleistung bis 2100
KI-generiert | Nur zur Veranschaulichung

Einleitung: Warum diese Frage relevant ist

Welche Baumart wird in 50 oder 80 Jahren noch an meinem Standort wachsen können? Diese Frage stellen sich Forstwirtinnen und Forstwirte in Mitteleuropa derzeit täglich — denn die Klimaveränderungen verändern die Eignungsräume europäischer Baumarten mit einer Geschwindigkeit, die das traditionelle Erfahrungswissen der Forstwirtschaft an seine Grenzen bringt. Bisherige Anbauempfehlungen beruhen auf mittleren Klimadaten der Vergangenheit; was aber, wenn die klimatischen Bedingungen in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts so deutlich verschoben sind, dass die etablierten Empfehlungen nicht mehr passen? Genau an diesem Punkt setzt eine neue, im Jahr 2026 veröffentlichte Studie an, die einen beispiellos umfassenden Datensatz zu Baumarten-Vorkommen und Wuchsleistung in Europa der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt.

Die Arbeit kombiniert Artverbreitungsmodelle (Species Distribution Models) und Wuchsleistungsmodelle (Site Index Models) für insgesamt 55 europäische Baumarten — und projiziert deren Eignung in 1×1-Kilometer-Auflösung bis zum Ende des Jahrhunderts. Das ist die größte offene Datenbasis dieser Art, die es Forstleuten, Beratern und Waldbesitzern aktuell ermöglicht, ihre waldbaulichen Entscheidungen an soliden quantitativen Grundlagen auszurichten.

So wurde geforscht

Die Forschungsgruppe hat vorhandene Datenbestände aus nationalen Forstinventuren, regionalen Bewirtschaftungsplänen und dem ICP-Forests-Messnetz zusammengeführt. Das Ergebnis ist ein Datensatz mit über sechs Millionen einzelnen Bäumen an rund 860.000 Waldstandorten in ganz Europa. Diese Stichprobe übertrifft alle bisherigen Inventuren deutlich — die meisten europäischen Forstinventuren werden auf höchstens 10.000 bis 30.000 Stichprobenpunkten durchgeführt, hier ist die Datenmenge also um ein Vielfaches größer.

Aus diesem Datenpool wurden für 30 Baumarten sogenannte Species Distribution Models (SDM) kalibriert. Diese Modelle schätzen, unter welchen Standortbedingungen (Klima, Boden, Gelände) eine Art aktuell vorkommt, und übertragen diese Beziehung auf prognostizierte Klimaszenarien. Für 25 dieser Arten wurden zusätzlich Site Index Models (SIM) berechnet, die das Wachstumspotenzial in Form der Oberhöhenentwicklung vorhersagen. Hier limitierte die Datenverfügbarkeit den vollständigen 30-Arten-Satz auf 25 baumarten.

Die räumlichen Vorhersagen erfolgten in 1×1-Kilometer-Auflösung — also fein genug, um regionale Unterschiede innerhalb Deutschlands abzubilden. Die Projektionen erstrecken sich auf drei Zeiträume: 2011–2040, 2041–2070 und 2071–2100. Als Klimaszenarien wurden die bekannten RCP-Pfade (Representative Concentration Pathways) RCP2.6, RCP4.5 und RCP8.5 verwendet, die vom strengen Klimaschutz (RCP2.6) bis zum ungebremsten Weiter-so-Szenario (RCP8.5) reichen. Die Modelle und Vorhersageergebnisse stehen zusammen mit den unterstützenden Hintergrundinformationen öffentlich zur Verfügung — die zugrundeliegenden Mikrodaten allerdings sind durch Datenschutzvereinbarungen geschützt.

Die wichtigsten Ergebnisse

1. Verbreitungsgebiete aller 30 modellierten Arten werden sich verschieben. Die Projektionen zeigen für sämtliche untersuchten Baumarten zum Teil erhebliche Verschiebungen der klimatischen Eignungsgebiete. Während wärmeliebende Arten wie die Edelkastanie, die Zerreiche oder die Flaumeiche ihr Areal in Europa ausweiten können, schrumpfen die klimatischen Eignungsflächen für heute weit verbreitete Hauptbaumarten wie die Fichte, die Gemeine Kiefer und teilweise auch die Rotbuche in den südlichen Verbreitungsgebieten. Diese Verschiebungen sind im RCP8.5-Szenario am stärksten ausgeprägt, aber bereits im moderateren RCP4.5-Szenario klar messbar.

2. Die Wuchsleistung reagiert artspezifisch sehr unterschiedlich. Die Site Index Models offenbaren, dass die Veränderungen in der Wuchsleistung nicht pauschal negativ ausfallen. Einige Arten, etwa die Douglasie, die Roteiche und verschiedene Kiefernarten, können in Teilen Europas höhere Wuchsleistungen erzielen, weil längere Vegetationsperioden und höhere CO₂-Konzentrationen kurativ wirken. Für die Fichte hingegen prognostizieren die Modelle in weiten Teilen Mittel- und Südeuropas teils drastische Einbußen — sowohl in der Eignung als auch in der Wuchsleistung. Die Buche zeigt sich differenzierter: in höheren Lagen oft mit Gewinnen, in Tieflagen und auf sommertrockenen Standorten mit deutlichen Verlusten.

3. Auch in Deutschland zeigen sich regional deutliche Veränderungen. Für die deutsche Forstpraxis besonders relevant: Die Eignungsgebiete der Fichte ziehen sich nach den RCP8.5-Projektionen in den Mittelgebirgen (Schwarzwald, Harz, Erzgebirge, Bayerischer Wald) teils massiv zurück, während sie sich in den höheren Lagen der Alpen und Voralpen noch halten können. Tanne und Douglasie gewinnen in vielen Regionen an Eignung, die Eiche in ihren verschiedenen Artenarten erweist sich als vergleichsweise klimastabil. Die Traubeneiche, Stieleiche und auch die Roteiche profitieren in den mittel- und süddeutschen Tieflagen tendenziell.

4. Die Modellauflösung erlaubt standortkonkrete Entscheidungen. Mit der 1×1-Kilometer-Auflösung wird es erstmals möglich, für einen konkreten Waldort — etwa ein Revier im Pfälzerwald oder im Solling — die klimatische Eignung jeder einzelnen Baumart in den verschiedenen Zeiträumen direkt zu prüfen. Die Modelle sind ausdrücklich als Entscheidungsunterstützungssystem (DSS) gedacht und sollen in bestehende Beratungstools eingebunden werden.

Was das für die Praxis bedeutet

Die Ergebnisse haben unmittelbare Konsequenzen für die waldbauliche Planung in den nächsten Jahren. Wer jetzt eine Kultur begründet oder eine Naturverjüngung lenkt, sollte wissen, welche Baumarten unter den projizierten Klimaveränderungen am Standort voraussichtlich noch wachsen können. Die Studie liefert dafür die quantitative Grundlage — und sie macht deutlich, dass die wichtigste Phase der waldbaulichen Anpassung jetzt beginnt.

Konkret lassen sich aus den Modellen mehrere Handlungslinien ableiten. Erstens: Der Erhalt und die Förderung klimastabiler Baumartenmischungen sollte Vorrang vor Reinbeständen jeglicher Art haben. Reinbestände aus Fichte oder Kiefer werden in den Tieflagen und mittleren Lagen zunehmend zum Risiko. Mehrschichtige Mischwälder mit Buche, Tanne, Douglasie, Eiche, Hainbuche und Bergahorn bieten eine höhere Anpassungsfähigkeit.

Zweitens: Die Wahl des Pflanzmaterials sollte sich an Herkunftsempfehlungen orientieren, die bereits Klimawandel-Aspekte berücksichtigen. Die in Deutschland bewährten Herkunftsempfehlungen der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) basieren bisher auf historischen Klimadaten und können mittelfristig durch die neuen Modellergebnisse ergänzt werden. Saatgut aus südlicheren, wärmeren Herkünften wird voraussichtlich in vielen Regionen Mitteleuropas an Bedeutung gewinnen.

Drittens: Die Modelle eignen sich auch dafür, in der Waldumlageplanung kritische Fragen zu priorisieren. Wo liegen die Flächen, auf denen in 30 Jahren voraussichtlich kaum mehr Fichtenwirtschaft möglich sein wird? Welche Wälder sind dann noch produktiv, welche werden zu Schutzwäldern umzubauen sein? Diese Fragen können mit der neuen Datenbasis erstmals systematisch bearbeitet werden.

Für die Forstberatung in den Landesforstverwaltungen, bei den Kammern und in den privaten Beratungsunternehmen bedeutet das: Die neuen Modellvorhersagen sollten in die Beratungstools integriert werden, die schon jetzt für die waldbauliche Planung genutzt werden. In Baden-Württemberg und Bayern gibt es bereits Pilotanwendungen, die auf ähnlichen Eingangsdaten aufbauen.

Was das für die Praxis bedeutet — Vertiefung

Bei aller Begeisterung für die neuen Möglichkeiten sollte jedoch auch bedacht werden, dass die Modelle nicht alles abbilden können. Schaderreger wie der Borkenkäfer, die Kieferntriebwespe oder die Eschentriebsterbens-Pilzkrankheit werden in den Modellen nicht direkt berücksichtigt. Auch Wirkungen von Extremereignissen — Dürre, Sturm, Waldbrand — sind nur indirekt in den RCP-Klimaszenarien enthalten. Wer die Modellergebnisse also nutzt, sollte sie als eine notwendige, aber nicht hinreichende Grundlage der waldbaulichen Entscheidung verstehen. Die endgültige Auswahl der Baumarten und Waldbautechniken muss auch die biotischen Risiken, die betrieblichen Möglichkeiten, die jeweiligen Eigentümerziele und den Stand der aktuellen Bestandesdynamik einbeziehen.

Wichtig ist ferner, dass die Modelle nur die klimatische Eignung abbilden — nicht die Standortseignung im klassischen forstlichen Sinn. Ein Standort im Bayerischen Wald kann klimatisch für die Edelkastanie noch geeignet sein, aber bodenkundlich völlig ungeeignet. Die Interpretation der Ergebnisse erfordert daher forstliche Sachkunde und kann nicht maschinell erfolgen. Ein Entscheidungsunterstützungssystem ersetzt die fachliche Beurteilung, es ergänzt sie.

Schließlich ist die öffentliche Verfügbarkeit der Modelle und Vorhersageergebnisse ein nicht zu unterschätzender Fortschritt. Früher waren solche Daten entweder proprietär bei Forschungseinrichtungen eingeschlossen oder nur gegen hohe Lizenzgebühren erhältlich. Die neuen Modelloutputs stehen frei zur Verfügung — und können damit ohne größere Hürden auch von Forstbetriebsgemeinschaften, kommunalen Waldbesitzern und Naturschutzorganisationen genutzt werden. Das ist ein entscheidender Schritt in Richtung einer evidenzbasierten Forstwirtschaft in Zeiten des Klimawandels.

Limitations & offene Fragen

Die Studie hat mehrere unausweichliche Einschränkungen. Erstens: Die Modelle basieren auf Korrelationen zwischen aktuellem Baumarten-Vorkommen und Klimavariablen. Sie können keine kausalen Wirkungsmechanismen abbilden und übersehen zwangsläufig langfristige Anpassungsprozesse, die über reine Akklimatisierung hinausgehen. Zweitens: Die RCP-Klimaszenarien sind selbst mit Unsicherheiten behaftet, die sich in den Vorhersagen fortsetzen. Drittens: Baumartenverteilungen werden nicht nur durch Klima, sondern auch durch Boden, Wasserverfügbarkeit, biotische Interaktionen und menschliche Eingriffe bestimmt — alle diese Faktoren werden in den Modellen vereinfacht oder gar nicht berücksichtigt.

Wichtige offene Fragen betreffen die Rolle der genetischen Anpassung einzelner Populationen an veränderte Klimabedingungen. Wenn lokale Herkünfte sich genetisch nicht schnell genug anpassen können, müssten die Modelle dies berücksichtigen — bisher tun sie das nicht. Auch die Frage, welche Wirkungen invasive Schaderreger und neue Pathogene auf die klimatische Eignung haben, ist offen und könnte die Ergebnisse in den nächsten Jahrzehnten deutlich relativieren.

Die vorliegende Arbeit reiht sich ein in eine ganze Reihe neuerer europäischer Modellierungsstudien, die ähnliche Verschiebungsmuster der Baumarteneignung zeigen. Was diese Studie jedoch besonders macht, ist die außergewöhnlich breite Datenbasis, die Verbindung von Artverbreitung und Wuchsleistung in einem Modellpaket und die explizite Ausrichtung auf die Anwendung als Entscheidungsunterstützungssystem. Wer in den nächsten Jahren waldbaulich klimaneutral entscheiden will, kommt an dieser Datenbasis nicht mehr vorbei.


Quelle: Pan-European maps and models of current and future tree species distributions and their growth potential. Data in Brief, 2026. DOI: 10.1016/j.dib.2026.113027


Dieser Artikel wurde mit Hilfe von KI erstellt und dient der allgemeinen Information. Keine Rechts- oder Beratungsempfehlung.