Italiens Waldsenke: Wie sich die Kohlenstoff-Speicherung Italiens Wälder bis 2070 verändern könnte
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Wie viel Kohlenstoff speichern die europäischen Wälder tatsächlich — und wie verändert sich diese Leistung, wenn mehr Holz geerntet wird? Eine neue Modellierungsstudie aus Italien hat diese Frage nun mit einer bottom-up Waldinventur für den Zeitraum 2005 bis 2070 beantwortet und kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Die historische Unsicherheit bei den Einschlagsraten schlägt sich mit etwa ±23 % auf den Gesamtkohlenstoff-Senkenbeitrag der italienischen Wälder nieder — eine Größenordnung, die in den nationalen Treibhausgasinventaren bislang kaum abgebildet wird. Die Studie liefert damit einen methodischen Rahmen, der sich auf andere europäische Länder übertragen lässt.

Einleitung: Warum die italienische Wald-C-Senke politisch relevant ist

Im Jahr 2023 haben die Wälder der EU-27 etwa 9 % der gesamten Treibhausgasemissionen der Union kompensiert. Italien allein trägt rund 20 % dieser Senkenleistung — ein erheblicher Anteil, der in den nationalen Klimaschutzberichten direkt angerechnet wird. Umso problematischer ist es, dass die historischen Einschlagsraten in Italien mit einer Schwankungsbreite von ±50 % angegeben werden: Niemand weiß genau, wie viel Holz in den vergangenen Jahrzehnten tatsächlich aus den Wäldern entnommen wurde. Diese Unsicherheit pflanzt sich direkt in die Berechnung der Kohlenstoffbilanz fort — und damit in die Grundlage politischer Entscheidungen zu Klimaschutz, Holzmobilisierung und Forstpolitik.

Die neue Studie, veröffentlicht in „Carbon Balance and Management“, greift dieses Problem systematisch auf. Sie kombiniert ein regionales Waldinventurmodell mit einer umfassenden Literaturauswertung und ergänzt diese um eine separate Bewertung des Senkenbeitrags geernteter Holzprodukte. Ziel war es, die tatsächliche Senkenleistung der italienischen Wälder über die vergangenen zwei Jahrzehnte zu rekonstruieren und für verschiedene Nutzungsszenarien bis 2070 zu projizieren.

So wurde geforscht

Das Forscherteam nutzte ein skalenbasiertes Waldinventurmodell (forest carbon inventory model), das auf italienischen Forstinventurdaten (Inventario Nazionale delle Foreste e dei Serbatoi Forestali di Carbonio, INFSC) aufsetzt und auf regionaler Ebene operiert. Die Modellierung bezog alle wesentlichen Kohlenstoffpools ein: oberirdische Biomasse, unterirdische Biomasse, Totholz, Streu und Boden organische Substanz. Ergänzend wurde der Senkenbeitrag geernteter Holzprodukte (Harvested Wood Products, HWP) auf Basis nationaler Statistiken modelliert, wobei explizit zwischen stofflicher und energetischer Nutzung des Holzes differenziert wurde.

Für die historische Rekonstruktion der Senkenleistung wurde der Zeitraum 2005–2023 modelliert und mit den offiziellen Daten des italienischen Treibhausgasinventars (GHGI) abgeglichen. Für die Zukunftsprojektionen wurden Szenarien mit unterschiedlichen Einschlagsintensitäten definiert, ausgedrückt als Verhältnis von Holzeinschlag zum jährlichen Zuwachs (Harvest-to-Increment-Ratio, H/I). Die Spanne reichte von einem sehr konservativen Szenario mit H/I = 0,10 bis zu einem intensiven Nutzungsszenario mit H/I = 0,90. Klimawandel-Effekte auf das Wachstum wurden in dieser Modellierung explizit ausgeschlossen, um den reinen Effekt der Bewirtschaftungsentscheidung isoliert betrachten zu können.

Die wichtigsten Ergebnisse

1. Italienische Wälder: Senkenleistung steigt von -40 auf -55 Tg CO2 pro Jahr. Im Modellzeitraum 2005–2023 wuchs die Netto-Senke der italienischen Wälder von rund 40 Teragramm CO2 pro Jahr auf etwa 55 Teragramm CO2 pro Jahr. Das entspricht einer durchschnittlichen Steigerung von etwa 2 % pro Jahr — getragen vor allem vom steigenden Holzvorrat in den seit Jahrzehnten aufgebauten Wäldern.

2. Historische Einschlagsunsicherheit schlägt mit ±23 % auf die Gesamtsenke durch. Die Bandbreite der historischen Einschlagsannahmen wirkte sich mit etwa ±11 Tg CO2 pro Jahr auf die Gesamtsenke aus — das entspricht rund einem Viertel der mittleren historischen Senkenleistung. Diese Unsicherheit ist in den offiziellen Berichten bislang kaum ausgewiesen, hat aber unmittelbare Konsequenzen für die Zurechnung von Klimaschutzleistungen.

3. Die Modellergebnisse stimmen mit den offiziellen Daten für lebende Biomasse gut überein, weichen aber bei Totholz deutlich ab. Im Vergleich mit dem italienischen Treibhausgasinventar zeigte das Modell eine insgesamt gute Übereinstimmung für den Pool der lebenden Biomasse, berechnete jedoch signifikant höhere Kohlenstoffflüsse im Totholz- und Streupool. Dies deutet darauf hin, dass diese Pools in den offiziellen Berichten möglicherweise unterschätzt werden.

4. Zukunftsszenarien 2070: Spanne von -76 bis -16 Tg CO2 pro Jahr. Bei sehr niedriger Einschlagsintensität (H/I = 0,10) würde die italienische Waldsenke bis 2070 auf -76 Tg CO2 pro Jahr anwachsen — eine Steigerung um etwa 38 % gegenüber 2023. Bei intensiver Nutzung (H/I = 0,90) würde sie dagegen auf -16 Tg CO2 pro Jahr schrumpfen — ein Rückgang um etwa 71 %. Die mittlere Einschlagsvariante landet in der Größenordnung von -45 bis -50 Tg CO2 pro Jahr.

5. Holzprodukte tragen kaum zur Senke bei. Der Beitrag geernteter Holzprodukte zur Gesamtsenke ist im italienischen Fall vernachlässigbar. Der Grund: Italienische Holzernte wird überwiegend energetisch verwertet (78 %), wodurch der Kohlenstoff kurzfristig wieder freigesetzt wird. Eine stoffliche Kaskadennutzung, die in Ländern wie Deutschland oder Österreich eine wichtigere Rolle spielt, ist in Italien strukturell unterentwickelt.

Was das für die Praxis bedeutet

Für die deutsche und europäische Forstpraxis liefert die Studie vor allem methodische Impulse. Die zentrale Botschaft: Die Senkenleistung von Wäldern ist keine Naturkonstante, sondern das Ergebnis konkreter Bewirtschaftungsentscheidungen — und sie reagiert empfindlich auf Einschlagsveränderungen. Wer in der Klimaschutzpolitik auf die Senkenleistung der Wälder setzt, muss transparent machen, unter welcher Bewirtschaftungsannahme diese Leistung erbracht wird und wie groß die Unsicherheitsspanne ist.

Für deutsche Forstbetriebe ist außerdem der Befund zur energetischen versus stofflichen Holzverwendung relevant: Länder mit einem höheren Anteil stofflicher Holzkaskadennutzung (Möbel, Bauholz, Papier) verlängern die Kohlenstofffestlegung im Produktspeicher deutlich. Die italienische Erfahrung zeigt, dass eine energetische Dominanz der Holzverwendung den Senkenbeitrag aus Holzprodukten faktisch zunichtemacht — ein Argument für die in Deutschland ohnehin verfolgte Kaskadenstrategie. Für Forstbetriebe, die in Holz-Heizkraftwerke oder Pelletproduktion investieren wollen, lohnt sich ein genauer Blick auf die Klimabilanz im Vergleich zu stofflichen Verwendungswegen.

Was das für die Politik bedeutet

Die Studie positioniert sich explizit als methodischer Rahmen für die EU-Waldstrategie 2030 (New EU Forest Strategy). Sie zeigt, dass eine bottom-up-Modellierung, die auf nationalen Inventurdaten aufsetzt und Harvest-Unsicherheiten explizit ausweist, politisch belastbarere Aussagen liefern kann als globale Mittelwerte. Für andere europäische Länder — einschließlich Deutschlands — wäre eine vergleichbare Modellierung mit höherer räumlicher Auflösung (Bundesländer, Wuchsgebiete) ein wichtiger nächster Schritt, um die Klimaschutzbeiträge der heimischen Wälder präziser zu bilanzieren und damit auch politisch besser zu verteidigen.

Limitations & offene Fragen

Die Studie blendet Klimaeffekte auf das Wachstum bewusst aus — das ist methodisch sinnvoll, um den Bewirtschaftungseffekt zu isolieren, lässt aber die Frage offen, wie sich die Senke bei prognostizierten Wachstumseinbrüchen durch Trockenheit und Borkenkäfer entwickeln würde. Eine gekoppelte Modellierung mit dynamischen Wachstums- und Mortalitätsszenarien wäre der natürliche nächste Schritt. Außerdem basiert die HWP-Bewertung auf nationalen Mittelwerten, die regionale Besonderheiten (z.B. strukturelle Unterschiede zwischen Süd- und Norditalien) nur grob abbilden. Schließlich ist Italien in seiner Waldstruktur (Mediterranwald, geringere Nadelholzanteile) nicht direkt mit mitteleuropäischen Wäldern vergleichbar — eine Übertragung der quantitativen Ergebnisse erfordert daher eigene Kalibrierungen.


Originaltitel: „The Italian forest carbon sink: historical evolution and future projections under alternative harvest scenarios“. Veröffentlicht in: Carbon Balance and Management (2026). DOI: 10.1186/s13021-026-00486-6


Dieser Artikel wurde mit Hilfe von KI erstellt und dient der allgemeinen Information. Keine Rechts- oder Beratungsempfehlung.