Wenn der Wald sich öffnet: Wie Störungsflächen Europas Großwild anziehen
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Einleitung: Warum diese Frage relevant ist

Waldstörungen durch Stürme, Brände, Borkenkäfer und Trockenheit haben in Europa in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen. Gleichzeitig stehen viele Waldökosysteme unter steigendem Druck durch die wachsenden Populationen großer Pflanzenfresser wie Rothirsch, Reh, Elch und Europäischer Wisent. Welche Wechselwirkungen zwischen diesen beiden Dynamiken bestehen, war bislang erstaunlich wenig erforscht. Klar ist, dass beide Faktoren die Waldstruktur und die Artenvielfalt verändern — unklar war hingegen, ob und wie Störungen die Lebensraumeignung für Schalenwild langfristig beeinflussen.

Ein internationales Forscherteam unter Federführung des norwegischen NILU-Instituts und der Universität für Bodenkultur Wien hat diese Frage nun mit einer der bislang umfangreichsten kontinentalen Wildtierstudien beantwortet. Im Zentrum stand die Hypothese, dass gestörte Waldflächen für große Pflanzenfresser attraktiver werden — etwa weil dort die Krautschicht, junge Triebe und Sträucher nach der Störung üppiger nachwachsen. Bestätigt sich diese Hypothese, hätte das weitreichende Konsequenzen für das Wildtiermanagement, die forstliche Planung und die politischen Debatten über die Rolle wiederkäuender Großtiere in europäischen Waldlandschaften.

So wurde geforscht

Die Studie kombiniert drei Datenquellen, die in dieser Form bisher einzigartig sind. Erstens: GPS-Telemetriedaten von 3.069 individuell erfassten Tieren aus vier europäischen Pflanzenfresserarten — Europäischer Wisent, Elch, Rothirsch und Reh. Die Tiere wurden zwischen 2000 und 2023 in insgesamt 18 Studienregionen quer durch Europa besendert, von Skandinavien über Mitteleuropa bis zu den Karpaten und dem Balkan. Zweitens: hochaufgelöste Satellitenkarten zu Waldstörungen, die zwischen 1986 und 2023 Störungsereignisse ab einer Fläche von 0,2 Hektar abbilden. Drittens: präzise Landnutzungsdaten, die Auskunft darüber geben, in welchem Umfang Grünland, Ackerflächen und Offenlandstrukturen als alternative Nahrungs- und Rückzugsräume zur Verfügung stehen.

Aus diesen Daten berechneten die Forscherinnen und Forscher für jedes einzelne Tier sogenannte Habitat-Selektions-Indizes. Diese geben an, ob ein Tier eine Fläche überproportional häufig aufsucht (positiver Wert) oder eher meidet (negativer Wert). Anschließend verknüpften sie diese Indizes mit der zeitlichen Distanz zur jeweils letzten dokumentierten Störung. So ließ sich prüfen, wie sich die Lebensraumeignung in den Tagen, Monaten und Jahrzehnten nach einer Störung verändert. Die statistischen Modelle berücksichtigten dabei die Verfügbarkeit alternativer Nahrungsflächen, die Tageszeit, das saisonale Wanderverhalten und artspezifische Unterschiede in der Nahrungswahl.

Die wichtigsten Ergebnisse

1. Alle vier Arten bevorzugen gestörte Waldflächen — und zwar langfristig. Über alle 3.069 Tiere hinweg zeigte sich, dass gestörte Waldpartien über mindestens 35 Jahre nach dem Störungsereignis signifikant häufiger aufgesucht werden als ungestörte Referenzflächen. Das gilt für Wisent, Elch, Rothirsch und Reh gleichermaßen. Besonders ausgeprägt ist der Effekt in den ersten fünf Jahren nach einer Störung, aber selbst nach drei Jahrzehnten ist die Bevorzugung noch messbar — und damit sehr viel längerhaltender als die Forstpraxis bislang angenommen hatte.

2. Die Ursache liegt in der Vegetationsdynamik. Nach Stürmen, Bränden oder Borkenkäferbefall schießt auf den freigestellten Flächen die Bodenvegetation in die Höhe. Gräser, Kräuter, Sträucher und junge Laubbäume bieten in dieser Phase ein vielfältiges und energiereiches Nahrungsangebot. Große Pflanzenfresser folgen diesem Nahrungsangebot — und zwar in einem Muster, das sehr genau den artspezifischen Äsungsstrategien entspricht: Wisent und Elch, die auf Grasland und junge Triebe angewiesen sind, zeigen die stärkste Bindung an Störungsflächen mit hohem Kraut- und Grasanteil. Rothirsch und Reh reagieren stärker auf die Verjüngung verbissempfindlicher Baumarten wie Eberesche, Birke und Weide.

3. Kleinere Störungsflächen wirken stärker — wenn es Alternativen gibt. Ein zunächst überraschender Befund: Die Tiere bevorzugen kleinere Störungsflächen gegenüber großen, sofern in der Umgebung ausreichend Grünland, Wiesen oder Ackerland als Rückzugs- und Ausweichflächen vorhanden sind. Große zusammenhängende Störungsareale werden tendenziell gemieden, vermutlich weil dort die Deckung fehlt und die Tiere sich stärker dem Prädationsrisiko aussetzen würden. In Landschaften ohne nennenswerte Offenlandanteile kippt dieses Muster: Dann werden auch größere Störungsflächen verstärkt angenommen.

4. Der Effekt verstärkt sich seit 2000 messbar. Die Modellprojektionen über den gesamten Verbreitungsraum der vier Arten zeigen, dass die Lebensraumeignung zwischen 2000 und 2023 in weiten Teilen Europas gestiegen ist — als direkte Folge der zunehmenden Waldstörungen. Besonders stark war der Anstieg in Regionen, in denen Störungen traditionell selten waren, etwa in den tieferen Lagen Mitteleuropas und in den baltischen Staaten. In einigen Regionen Skandinaviens und der höheren Mittelgebirge war der Effekt hingegen schwächer, da die Lebensraumeignung bereits auf hohem Niveau lag.

5. Konfliktpotenzial mit der Forstwirtschaft steigt. Die Studienautorinnen und -autoren weisen ausdrücklich darauf hin, dass die wachsende Attraktivität gestörter Flächen für große Pflanzenfresser den Verbissdruck in angrenzenden Wirtschaftswäldern erhöhen kann. Insbesondere auf Verjüngungsflächen, die in der Nähe älterer Störungen liegen, ist mit verstärktem Wildverbiss zu rechnen — was die ohnehin schwierige Waldverjüngung in vielen Regionen zusätzlich erschwert.

Was das für die Praxis bedeutet

Die Ergebnisse haben mehrere konkrete Implikationen für Forstbetriebe, Jagdbehörden und Wildtiermanager. Erstens: Verbissgutachten, die im Rahmen der forstlichen Planung erstellt werden, sollten die räumliche Nähe zu historischen Störungsflächen stärker gewichten. Wo sich in den vergangenen Jahrzehnten Sturm-, Feuer- oder Borkenkäferflächen befunden haben, ist der Wildeinfluss auf die Verjüngung tendenziell höher. Zweitens: Die Anlage von Äsungsflächen und Bejagungsschwerpunkten sollte gezielt dort erfolgen, wo Störungen stattgefunden haben oder gerade stattfinden — entweder um die Tiere von empfindlichen Verjüngungsflächen abzulenken oder um den Populationsdruck besser zu regulieren.

Für die forstpolitische Diskussion in Deutschland ist die Studie besonders relevant, weil hierzulande die Schalenwildbestände in vielen Regionen seit Jahren über den waldverträglichen Dichten liegen und der Verbiss als eines der zentralen Hemmnisse für den Waldumbau hin zu klimastabilen Mischwäldern gilt. Die Ergebnisse stützen die These, dass zunehmende Waldstörungen diese Problematik regional verschärfen werden — und unterstreichen die Notwendigkeit, Wildtiermanagement als integralen Bestandteil der Klimaanpassungsstrategie zu behandeln, nicht als nachgelagertes Thema.

Gleichzeitig eröffnen die Befunde neue Perspektiven für den Naturschutz: Die spontane Waldverjüngung auf Störungsflächen, die in den ersten Jahren nach dem Ereignis besonders üppig ausfällt, kann aktiv für die Förderung seltener Baumarten und die Schaffung strukturreicher Bestände genutzt werden — vorausgesetzt, der Wildeinfluss wird gezielt gelenkt. In Schutzgebieten, in denen die Wildregulation ohnehin eine untergeordnete Rolle spielt, ist die neue Erkenntnis besonders wertvoll: Störungen sind hier nicht nur ein Risiko, sondern auch eine Chance für die biologische Vielfalt.

Limitations & offene Fragen

Die Studie konzentriert sich auf vier große Pflanzenfresserarten. Welche Effekte Störungen auf mittelgroße und kleine Wildtiere haben — etwa auf Gämse, Muffelwild, Wildschweine oder Rehpopulationen in den Mittelgebirgen — bleibt offen. Auch die Frage, wie sich der beschriebene Effekt bei einer gleichzeitigen Zunahme der Prädatoren (Wolf, Luchs) verändert, ist noch nicht abschließend geklärt. Es ist plausibel, dass eine stärkere Prädation die Bevorzugung kleiner Störungsflächen dämpfen könnte, da diese weniger Deckung bieten — aber empirische Daten dazu fehlen bislang.

Eine weitere Einschränkung betrifft den Betrachtungszeitraum: Die Analyse endet 2023. Ob und wie sich die Lebensraumeignung nach den großen Sturm- und Borkenkäferereignissen der Jahre 2024 bis 2026 weiterentwickelt hat, ist eine wichtige Anschlussfrage. Hier wären Aktualisierungen der Datenbasis wünschenswert, um die Dynamik auch unter den veränderten klimatischen Bedingungen zu verfolgen. Die vorliegende Studie liefert damit einen methodisch soliden und empirisch breit abgestützten Ausgangspunkt — sie markiert jedoch erst den Beginn eines umfassenderen Verständnisses der Wechselwirkungen zwischen Waldstörungen und großen Pflanzenfressern in Europa.


Quelle: Increasing forest disturbance enhances habitat suitability for Europe’s large herbivores. Nature Ecology & Evolution (2026). DOI: 10.1002/ecy.2443 | PMID: 42362926


Dieser Artikel wurde mit Hilfe von KI erstellt und dient der allgemeinen Information. Keine Rechts- oder Beratungsempfehlung.