Mitteleuropas Wälder erholen sich nach den Störungen — aber mit den falschen Bäumen
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Einleitung: Warum die Frage nach der Verjüngung nach Störungen jetzt drängender ist denn je

Die Jahre 2018 bis 2020 markieren einen Wendepunkt in der mitteleuropäischen Forstgeschichte. Eine beispiellose Abfolge von Dürren und Hitze, kombiniert mit nachfolgenden Massenvermehrungen des Borkenkäfers, führte in weiten Teilen Deutschlands, Österreichs, Tschechiens und der Slowakei zu großflächigem Waldverlust. In den Fichtenbeständen des Bayerischen Waldes, im Erzgebirge, in Nieder- und Oberösterreich sowie im tschechischen Böhmerwald verschwanden binnen weniger Monate Bestände, die teils noch auf den Sturm Kyrill 2007 oder die Trockenjahre 2003 zurückgingen. Was nach den flächigen Kalamitäten folgte, war für die betroffenen Forstbetriebe und Revierleiter lange Zeit eine Blackbox: Keimt die Naturverjüngung zuverlässig nach? Kommt die Fichte zurück, die in diesen Lagen über Jahrzehnte das waldbauliche Rückgrat bildete? Oder haben wir es mit einer stillen, aber folgenreichen Fehlentwicklung zu tun, die erst in dreißig oder fünfzig Jahren sichtbar wird?

Eine neue Studie in der Fachzeitschrift Global Change Biology aus dem Jahr 2026 hat diese Frage erstmals mit einer Datengrundlage beantwortet, die in Mitteleuropa in dieser Breite einmalig ist. Das Forschungsteam untersuchte 849 Aufnahmeflächen in zehn mitteleuropäischen Ländern und kombinierte die Ergebnisse mit Modellrechnungen zu den klimatischen Nischen der heute nachwachsenden Bäume. Die zentrale Erkenntnis: Die Wälder erholen sich durchaus, doch sie tun es mit den falschen Baumarten.

So wurde geforscht

Die Studie konzentrierte sich auf Regionen, die in den Jahren 2018 bis 2020 die höchsten Waldschäden erlitten hatten. Auf 849 festen Beobachtungsflächen wurde drei bis fünf Jahre nach dem jeweiligen Störungsereignis die natürliche Verjüngung erfasst: Stammzahlen pro Hektar, Baumartenverteilung, Höhenstruktur und Vitalität. Parallel dazu wurde für jeden Standort die Störungsintensität (Anteil abgestorbener Bäume, Schadfläche) und die klimatische Wasserbilanz modelliert. Anschließend übertrug das Team die aktuelle Baumartenverteilung in ein Klimanischen-Modell und projizierte, ob die jeweils nachwachsende Art am Ende des Jahrhunderts unter dem RCP4.5-Szenario noch im passenden Klima liegen würde.

Die zehn beteiligten Länder decken dabei die gesamte mitteleuropäische Spanne der betroffenen Regionen ab, von den Tieflagen Norddeutschlands über die Mittelgebirge Deutschlands und Tschechiens bis in die österreichischen Alpenränder. Die mittlere Niederschlagsspanne reicht von etwa 500 mm in den trockensten Lagen bis über 1100 mm in den höheren Lagen der Sudeten und des Böhmerwalds. Diese Breite erlaubt es erstmals, regional differenzierte Aussagen zu treffen, statt nur einen pauschalen mitteleuropäischen Trend zu beschreiben.

Die wichtigsten Ergebnisse

Die Verjüngung läuft — und sie läuft dichter als vielfach erwartet. Im Median wachsen 4.750 junge Bäume pro Hektar auf den untersuchten Flächen nach, was den Werten intakter mitteleuropäischer Wirtschaftswälder nahekommt. Nur sieben Prozent der Flächen waren ohne jegliche Verjüngung, ein Befund, der Hoffnung macht: Die Natur reagiert auf das plötzliche Lichtangebot mit einer kräftigen Keimungs- und Etablierungswelle, und die Samenbänke in den Böden, der stehende Samenvorrat in den Restbeständen und die zufliegenden Samen aus Nachbarbeständen liefern offenbar ausreichend Pflanzenmaterial.

Doch die Zusammensetzung dieser Verjüngung ist das eigentliche Problem. Auf 48 Prozent der Flächen dominiert die Fichte (Picea abies) als Hauptverjüngungsbaumart, obwohl sie in vielen dieser Lagen nachweislich nicht mehr zukunftsfähig ist. Die Fichte leidet besonders unter Sommertrockenheit und Hitze, sie ist anfällig gegen den Borkenkäfer, und ihre Klimanische verschiebt sich in den mitteleuropäischen Tieflagen und unteren Mittelgebirgslagen erkennbar nach Norden und in höhere Lagen. Modelliert man das auf Basis der RCP4.5-Klimaprojektion, liegen am Ende des Jahrhunderts 75 Prozent der heute etablierten Verjüngungsbäume außerhalb ihrer klimatischen Nische. Das bedeutet: Drei von vier der jetzt nachwachsenden Bäume werden mit dem Klima ihrer Kindheit und Jugend nicht zurechtkommen.

Die Treiber der Verjüngungsdichte sind klar identifizierbar. Höhere Niederschläge, besonders in warmen Lagen, fördern die Etablierung. Hohe Störungsintensität und große zusammenhängende Schadflächen reduzieren die Dichte, weil entweder die Samenquellen fehlen oder die Konkurrenz durch Gräser und Sträucher auf den Freiflächen zu stark wird. Im Umkehrschluss heißt das: Wo die Naturverjüngung gut läuft, profitieren vor allem die wuchskräftigen, aber klimasensiblen Lichtbaumarten. Wo die Störungslücken zu groß wurden, fehlt schlicht das Saatgut.

Was das für die Praxis bedeutet

Für Forstbetriebe in den betroffenen Regionen ist die zentrale Botschaft eindeutig: Die Natur allein wird die Wälder der Zukunft nicht im gewünschten Sinn zusammenbauen. Eine aktive waldbauliche Steuerung der Verjüngung ist zwingend nötig, sonst entstehen jetzt Bestände, die in 30 bis 50 Jahren erneut kollabieren. In der Praxis bedeutet das konkret: In den Fichten-Verjüngungsflächen sollte rechtzeitig, also in den ersten drei bis fünf Jahren nach Etablierung, eine Mischungsregulierung zugunsten trockenheitstoleranter Baumarten wie Traubeneiche, Roteiche, Edelkastanie, Walnuss, Vogelkirsche oder Elsbeere erfolgen. Wo die Fichte in niedrigen Lagen weiterhin dominiert, muss die Risikolage neu bewertet werden.

Eine weitere Konsequenz betrifft die Wahl der Pflanzverbände und Kulturmethoden. In den trockenen Tieflagen Nordostdeutschlands und im östlichen Niederösterreich reicht eine reine Fichten-Kultur nicht mehr aus; dort sind Trupppflanzungen mit mehreren tausend Eichen, Kiefern und sonstigen Laubhölzern pro Hektar die einzig zukunftsfähige Option. In den höheren Lagen der Mittelgebirge und der Alpenränder, wo Niederschlag und Bodenfrische noch passen, kann die Fichte weiterhin eine Rolle spielen, dann aber konsequent in Mischung mit Tanne, Buche und Douglasie. Auch die Förderung der Bodenvegetation und des Strauchunterwuchses, der die Bodenfeuchte puffert und Mikroklimaeffekte erzeugt, sollte in den kommenden Jahrzehnten deutlich mehr Aufmerksamkeit erhalten.

Für die Forstpolitik und die Förderkulissen ergeben sich ebenfalls Folgerungen. Die bisherige Förderlogik, die vor allem auf Pflanzung und Bestandespflege einzelner Hauptbaumarten ausgerichtet war, sollte stärker auf resilienzfördernde Mischbestände und auf die aktive Lenkung der Naturverjüngung umgestellt werden. Waldbauliche Beratung, Pflanzgutbereitstellung und Finanzierungsmodelle müssen sich an der Frage orientieren, ob eine Verjüngungsfläche in 30 Jahren noch in ihrem klimatischen Fenster liegt, nicht nur an der Frage, ob in den ersten fünf Jahren etwas Grünes auf der Fläche steht.

Was das für die Praxis bedeutet — Vertiefung

Die Studie liefert auch eine indirekte Antwort auf eine in der Forstpraxis viel diskutierte Frage: Wie viel Naturverjüngung darf man überhaupt noch zulassen? Die Antwort differenziert. In Lagen, in denen die natürliche Samenproduktion stabil und die Baumartenpalette bereits klimafit ist, ist Naturverjüngung das wirtschaftlichste und ökologisch sinnvollste Verfahren. In den Fichtenkalamitätsflächen der Trockenregionen jedoch verschiebt die Naturverjüngung das Baumartenverhältnis weiter in Richtung der falschen Art. Hier ist aktive Lenkung waldbauliche Pflicht, nicht wahlweise. Wo die Störungslücken größer als drei bis fünf Hektar sind, sollte zudem erwogen werden, ob gezielte Saatguteinbringung mit klimatoleranten Herkünften die natürlich aufkommende Fichte nicht nur ergänzen, sondern auch teilweise ersetzen kann. Auch die Anlage von Saatgutbeständen und die Förderung der Erntetechnik für trockenheitstolerante Baumarten sind Investitionen, die sich angesichts dieser Datenlage klar rechnen.

Limitations und offene Fragen

Die Aussagen der Studie beziehen sich auf den Beobachtungszeitraum von drei bis fünf Jahren nach der Störung. Wie sich die Verjüngung in den folgenden zehn bis zwanzig Jahren entwickelt, ob es zu einem starken Selbstausdünnungsprozess kommt oder ob die Fichten-Jungbestände stabil bleiben, ist aus dieser Datengrundlage nicht abzuleiten. Auch die Rolle des Wildverbisses, der in vielen deutschen Mittelgebirgen die Etablierung von Laubholz erheblich erschwert, wurde in der Studie nicht systematisch erfasst. In Revieren mit hohen Schalenwildbeständen kann der reale Verjüngungserfolg deutlich unter den hier berichteten 4.750 Stämmen pro Hektar liegen. Schließlich basiert die Projektion auf das RCP4.5-Szenario; unter dem deutlich schärferen RCP8.5-Szenario wäre der Anteil der Verjüngung außerhalb der klimatischen Nische noch höher. Für die forstliche Praxis in Mitteleuropa bedeutet das: Die heute nötigen Entscheidungen über Baumartenmischung, Pflanzverbände und Jagdmanagement sollten sich am pessimistischeren Szenario orientieren, nicht am moderaten Mittelweg.


Quelle: Seidl, R. et al. (2026). Tree Regeneration After Unprecedented Forest Disturbances in Central Europe Is Robust but Maladapted to Future Climate Change. Global Change Biology, 32(4), e70734. DOI: 10.1111/gcb.70734

Quelle: 10.1111/gcb.70734


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