
Einleitung: Wenn das Klima diktiert, welche Bäume künftig wachsen können
Wie schnell wächst eine Fichte in Niederösterreich in den nächsten achtzig Jahren noch? Wie reagiert eine alte Buche im Wienerwald auf den nächsten heißen Sommer? Welche Baumart in einem mitteleuropäischen Mischwald ist in drei Generationen überhaupt noch in der Lage, am selben Standort durchzuhalten? Diese Fragen beschäftigen die Forstwirtschaft seit Jahren, und sie lassen sich nur beantworten, wenn man historische Wachstumsdaten mit den Klimaprojektionen der nächsten Jahrzehnte verschneidet. Genau das hat ein Forschungsteam der Universität für Bodenkultur Wien getan, mit einer Studie, die in der Fachzeitschrift Forest Ecology and Management erschienen ist und die Daten von 63 Waldflächen im Wienerwald über den Zeitraum von 1933 bis 2023 auswertet.
Die zentrale Erkenntnis: Für die meisten der acht untersuchten Baumarten ist unter den projizierten Klimaverhältnissen mit deutlich weniger Radialzuwachs zu rechnen. Besonders betroffen sind die Nadelhölzer Europäische Lärche, Fichte, Schwarzkiefer und Waldkiefer; die Laubhölzer Bergahorn, Buche und Traubeneiche zeigen moderate Rückgänge, während die Zerreiche als einzige Art mit deutlich besseren Wachstumsbedingungen rechnen kann. Das hat unmittelbare Folgen für die waldbauliche Praxis in Ostösterreich und in vergleichbaren Lagen Mitteleuropas.
So wurde geforscht
Die Untersuchung basiert auf dendrochronologischen Daten, also auf der Vermessung jährlicher Baumringe, von insgesamt 63 Waldflächen im Wienerwald, einem der größten geschlossenen Laubwaldgebiete Mitteleuropas. Für acht Hauptbaumarten wurden die Breiten der Jahresringe über den Zeitraum 1933 bis 2023 erfasst: Europäische Lärche (Larix decidua), Fichte (Picea abies), Schwarzkiefer (Pinus nigra), Waldkiefer (Pinus sylvestris), Bergahorn (Acer pseudoplatanus), Buche (Fagus sylvatica), Traubeneiche (Quercus petraea) und Zerreiche (Quercus cerris). Mithilfe historischer Klimadaten wurde ein Wasserbilanzmodell aufgebaut, aus dem die saisonalen Wachstumsfaktoren abgeleitet wurden. Lineare gemischte Modelle quantifizierten die artspezifischen Beziehungen zwischen Jahrringbreite und den klimatischen Bedingungen während der aktuellen Vegetationsperiode sowie der beiden Vorjahre.
Aus den regionalen Klimatrends und den projizierten Lufttemperaturen und Niederschlägen für Mitteleuropa unter den RCP4.5- und RCP8.5-Szenarien wurden dann die erwarteten Wachstumsbedingungen für die nächsten Jahrzehnte modelliert. RCP4.5 entspricht einem moderaten Emissionspfad mit globaler Erwärmung von etwa zwei Grad bis zum Ende des Jahrhunderts; RCP8.5 ist der ungünstigere Pfad mit etwa vier Grad Erwärmung. Beide Pfade wurden im Wienerwald bereits als realistische Bandbreite für die forstliche Planung akzeptiert.
Die wichtigsten Ergebnisse
Die statistische Auswertung zeigt eine erstaunlich konsistente Reihenfolge: Bodenfeuchte wirkt positiv auf den Radialzuwachs, Lufttemperatur wirkt negativ. Der stärkste Einfluss geht von den klimatischen Bedingungen im Juni und Juli des aktuellen Jahres aus. Der Wachstumsfaktor des Vorjahres hat aber einen fast ebenso großen Effekt: Bäume, die im Vorjahr bereits unter Hitzestress standen, bilden im aktuellen Jahr weniger Holz. Diese Legacy-Effekte sind ein zentraler Befund und erklären, warum trockene Sommer oft noch zwei bis drei Jahre später nachwirken.
Für die Zukunftsprojektion zeigt sich ein klares Bild. Bei beiden RCP-Szenarien rechnen die Modelle für den Wienerwald mit einer verlängerten Vegetationsperiode, höherer Transpirationsnachfrage und einem deutlich erhöhten Dürrerisiko. Die erwarteten Niederschlagszunahmen können dieses Risiko teilweise kompensieren, aber nicht vollständig ausgleichen. Die Folge: Für die meisten Baumarten werden moderate Rückgänge im Radialzuwachs projiziert, mit Werten zwischen etwa zehn und dreißig Prozent gegenüber dem historischen Mittel.
Am stärksten betroffen sind die vier Nadelhölzer. Europäische Lärche, Fichte, Schwarzkiefer und Waldkiefer verlieren unter RCP8.5 am Ende des Jahrhunderts zwischen dreißig und fünfzig Prozent ihres Radialzuwachses. Das ist waldbaulich relevant: In Österreich und in vergleichbaren Lagen Süddeutschlands wird die Fichte in der Tieflage und in den unteren Mittelgebirgslagen damit endgültig zur Problemart. Laubhölzer wie Bergahorn, Buche und Traubeneiche zeigen moderate Rückgänge um zehn bis zwanzig Prozent und bleiben damit waldbaulich nutzbar. Die Zerreiche ist die einzige Art, deren Wachstum unter den projizierten Bedingungen leicht zunimmt, weil sie als submediterrane Art von höheren Sommertemperaturen profitiert und gleichzeitig mit periodischer Sommertrockenheit gut zurechtkommt.
Was das für die Praxis bedeutet
Für die waldbauliche Praxis in Wien und Umgebung, im Wienerwald, im nördlichen Burgenland und in vergleichbaren Lagen in Niederbayern, Oberösterreich oder im böhmisch-mährischen Übergangsgebiet ist die direkte Handlungsempfehlung eindeutig: Die Förderung trockenheits- und wärmetoleranter Baumarten, insbesondere der Zerreiche, sollte deutlich verstärkt werden. Die traditionelle Fichten- und Lärchen-Wirtschaft in den unteren Lagen ist unter den projizierten Klimabedingungen nicht mehr zukunftsfähig.
Die Studie stützt damit auch den bereits in mehreren Landeswaldinventuren und im Österreichischen Waldbericht eingeschlagenen Weg hin zu mehr Laubholz und zu mehr struktureller Vielfalt. Die Zerreiche, die in Mitteleuropa bisher eher als Randbaumart wahrgenommen wurde, rückt damit in den Fokus. In den nächsten Pflanzgenerationen sollte sie in den tieferen Lagen der Alpenränder und im pannonisch geprägten Osten Österreichs deutlich häufiger ausgebracht werden, einzeln oder in Trupps, und mit ausreichend Überschirmung, damit sie die ersten trockenen Jahre übersteht.
Für die Forsteinrichtung und die mittelfristige Betriebsplanung bedeutet das zudem, dass die in den letzten Jahrzehnten etablierten Ertragswerte für Fichte und Lärche neu kalibriert werden müssen. Eine realistische Ertragstafel unterstellt heute noch oft Wachstumsraten, die in dreißig Jahren nur noch in den höheren Lagen erreicht werden. Wer heute in Fichten-Nachfolgebestockungen investiert, sollte diese Annahmen kritisch prüfen und standortsbezogen differenzieren.
Was das für die Praxis bedeutet — Vertiefung
Eine wichtige sekundäre Erkenntnis ist die Rolle der Vorjahreseffekte. Wenn Bäume, die im Vorjahr unter Hitzestress standen, im aktuellen Jahr weniger Holz bilden, hat das zwei forstliche Konsequenzen. Erstens: Die einzelne Dürreperiode wirkt länger nach, als es die unmittelbaren Schäden vermuten lassen. Trockenjahre 2018, 2019 und 2020 wirkten daher bis weit in die 2020er Jahre nach, auch in Jahren, die nominell wieder normale Niederschläge brachten. Zweitens: Wiederholte Trockenjahre, wie sie in den Klimaprojektionen mit höherer Wahrscheinlichkeit auftreten, kumulieren in ihrer Wirkung. Mehrere schwache Wachstumsjahre in Folge können das Wurzelwachstum und die Reservestoffbildung so stark reduzieren, dass die Bäume in eine Erholungsphase eintreten, die mehrere Jahre dauert oder gar nicht mehr stattfindet. Für die Praxis heißt das: Monitoringprogramme, die nur das aktuelle Jahr betrachten, unterschätzen das Ausmaß der Schäden. Es braucht mehrjährige Wachstumsvergleiche und ein konsequentes Tracking der Kronenzustände, um die tatsächlichen Risiken zu erfassen.
Limitations und offene Fragen
Die Studie konzentriert sich auf den Wienerwald und ist in dieser Spezifität nur bedingt auf andere mitteleuropäische Regionen übertragbar. Die klimatischen Bedingungen des Wiener Randes, geprägt vom pannonischen Klima im Osten und den alpennahen Niederschlägen im Westen, bilden einen Sonderfall, der nicht repräsentativ für den Schwarzwald, den Harz oder die Lüneburger Heide ist. Auch die Übertragbarkeit auf sehr trockene inneralpine Lagen oder auf die Fichten-Tieflagen Nordostdeutschlands ist nur eingeschränkt gegeben. Eine vergleichbare dendrochronologische Studie für deutsche Mittelgebirge und Tieflagen wäre der logische nächste Schritt, um die hier vorgestellten Ergebnisse zu verallgemeinern. Schließlich beruhen die Projektionen auf deterministischen Klimamodellen, die die reale Variabilität des Klimas nur eingeschränkt abbilden. In Jahren mit ungewöhnlich feuchten Sommern oder mit Spätfrösten können die projizierten Rückgänge deutlich geringer ausfallen als im Mittel. Die grundsätzliche Tendenz, weg von der Fichte in den Tieflagen und hin zu mehr Laubholz, wird durch diese Unsicherheiten aber nicht in Frage gestellt.
Quelle: Grabner, M. et al. (2026). Climate drivers of historic tree growth in the Vienna Woods and prediction of future performance of eight selected tree species. Forest Ecology and Management, 579, 123674. DOI: 10.1016/j.foreco.2026.123674
Quelle: 10.1016/j.foreco.2026.123674
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