
Einleitung: Warum diese Frage relevant ist
Die europäischen Wälder stehen unter einem sich verändernden Druck. Stürme, Schädlingskalamitäten, Brände und illegale Nutzung verändern die Risikolage regional sehr unterschiedlich, und die Antworten der Forstpolitik müssen diese Unterschiede berücksichtigen, wenn sie wirksam sein sollen. Eine aktuelle Studie im Journal of Environmental Management hat nun erstmals systematisch die Sichtweisen von Waldakteuren in fünf europäischen Regionen von Finnland bis Griechenland erhoben und verglichen. Für Forstbetriebe in Mitteleuropa liefert sie damit eine seltene empirische Grundlage, um die eigene Anpassungsstrategie im europäischen Kontext einzuordnen.
Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass es die eine europäische Wald-Klimapolitik nicht geben kann. Was in Finnland als Sturm- und Borkenkäfer-Risiko diskutiert wird, ist in Litauen, Rumänien und Serbien vor allem eine Frage der Rechtsdurchsetzung gegen illegale Holznutzung, während in Griechenland Brände und nicht nachhaltige Beweidung im Vordergrund stehen. Wer aus diesen Befunden Schlüsse für den eigenen Betrieb ziehen will, muss zunächst verstehen, wo die eigene Region im europäischen Spektrum der Risiken und Antworten steht.
So wurde geforscht
Das Forschungsteam hat 129 Stakeholder aus fünf europäischen Regionen befragt: Finnland, Litauen, Rumänien, Serbien und Griechenland. Die Auswahl der Regionen folgt einem Nord-Süd-Gradienten, der die klimatischen, ökologischen und institutionellen Unterschiede in Europa abbildet. Befragt wurden Vertreter verschiedener Gruppen, darunter Waldeigentümer, Forstpraktiker, Umweltverbände, Behördenvertreter sowie Erholungssuchende, um ein breites Spektrum an Perspektiven zu erfassen.
Die Befragungsmethodik kombinierte qualitative Interviews mit standardisierten Bewertungen. Die Stakeholder sollten lokale Bedrohungen identifizieren, aktuelle Anpassungsstrategien bewerten und zukünftige Politiken einschätzen. Ergänzend erfassten die Forschenden demographische Daten und institutionelle Hintergründe der Befragten, um regionsspezifische Antwortmuster erkennen zu können. Insgesamt bietet die Studie damit einen der wenigen direkten Vergleiche der Wahrnehmung von Waldakteuren zwischen nord- und südeuropäischen Forstsystemen.
Die wichtigsten Ergebnisse
Als zentrale Sorgen identifizierten die Befragten Bodenqualität, Biodiversität, Kohlenstoffspeicherung und Holzproduktion. Diese vier Themen ziehen sich durch alle fünf Regionen, wenn auch in unterschiedlicher Gewichtung. Bemerkenswert ist, dass selbst in den südeuropäischen Regionen, in denen akute Brände als wichtigste Bedrohung gelten, die langfristigen Themen Biodiversität und Kohlenstoffspeicherung als zentrale Anliegen genannt werden.
Die regionalen Bedrohungsprofile unterscheiden sich erheblich. In Finnland dominieren Stürme und Schädlingskalamitäten, insbesondere der europäische Borkenkäfer, der nach den Stürmen der vergangenen Jahre in den finnischen Fichtenwäldern zu massiven Schäden geführt hat. In Litauen, Rumänien und Serbien steht illegale Holznutzung im Vordergrund, ein strukturelles Problem, das unmittelbar mit Rechtsdurchsetzung und institutioneller Kapazität verknüpft ist. In Griechenland sind es vor allem Waldbrände und nicht nachhaltige Beweidung, die als größte Risiken gelten.
Bei den vorgeschlagenen Lösungen betonen die Befragten in allen Regionen die Notwendigkeit aktiver Waldbewirtschaftung, stärkerer Einbindung der Stakeholder und politischer Reformen. Die aktive Waldbewirtschaftung wird dabei nicht im Sinne einer klassischen ertragsmaximierenden Forstwirtschaft verstanden, sondern als gezielte Steuerung der Waldentwicklung zur Risikominderung. Genannt werden unter anderem der Aufbau resilienter Mischwälder, die Pflege von Waldrändern als Brandschutzpuffer und die Verbesserung der Datengrundlagen für die Waldbewirtschaftung.
Der Optimismus in Bezug auf die künftige Resilienz der Wälder ist regional sehr unterschiedlich. Finnland und Serbien zeigen sich grundsätzlich optimistisch, während Litauen und Rumänien eine neutrale Haltung einnehmen. Griechenland fällt durch gemischte Reaktionen auf, was vor allem auf Zweifel an der politischen Umsetzungsbereitschaft für eine wirksame Forstpolitik zurückzuführen ist. Diese Differenzen verweisen auf die zentrale Rolle institutioneller Kapazität für die Wirksamkeit forstpolitischer Maßnahmen.
Was das für die Praxis bedeutet
Für mitteleuropäische Forstbetriebe sind die finnischen Befunde besonders relevant, da die klimatischen und waldbaulichen Rahmenbedingungen den mitteleuropäischen ähnlicher sind als die der übrigen untersuchten Regionen. Die dominante Rolle von Sturm- und Schädlingsrisiken in Finnland unterstreicht die Bedeutung stabiler Mischwälder und einer kontinuierlichen Bestandespflege als wirksame Anpassungsstrategie. Wer in Deutschland, Österreich oder der Schweiz Fichtenreinbestände bewirtschaftet, sollte die finnischen Erfahrungen mit Borkenkäfer-Massenvermehrungen nach Sturmereignissen als direkten Warnhinweis lesen.
Die südeuropäischen Befunde zu Bränden und Beweidung sind für mitteleuropäische Betriebe zwar weniger direkt relevant, gewinnen aber im Zuge des Klimawandels an Bedeutung. In den letzten Sommern waren auch Regionen in Süddeutschland und der Schweiz von schweren Waldbränden betroffen. Die griechischen Erfahrungen mit der Integration von Waldbrand-Prävention in aktive Bewirtschaftungskonzepte liefern hier wertvolle Hinweise.
Für Forstpolitiker und Interessenvertretungen in Mitteleuropa zeigt die Studie, dass pauschale europäische Lösungen an der regionalen Realität vorbeigehen. Eine künftige EU-Waldstrategie sollte den unterschiedlichen Bedrohungslagen Rechnung tragen und regional differenzierte Anpassungspfade ermöglichen, statt europaweit einheitliche Standards durchzusetzen. Dies entspricht auch dem in der EU-Waldstrategie 2030 angelegten Subsidiaritätsprinzip.
Vertiefung: Was die institutionelle Dimension für deutsche Forstbetriebe bedeutet
Ein besonders aufschlussreicher Befund der Studie ist die starke Korrelation zwischen dem Optimismus der Stakeholder und der wahrgenommenen politischen Umsetzungsbereitschaft. In Griechenland, wo Zweifel an der politischen Umsetzung bestehen, ist der Optimismus am geringsten, während in Finnland, wo die forstlichen Institutionen als handlungsfähig gelten, der Optimismus hoch ist. Für deutsche Forstbetriebe bedeutet dies, dass die eigene Resilienz nicht nur eine Frage der waldbaulichen Praxis ist, sondern auch der institutionellen Rahmenbedingungen, in die der Betrieb eingebettet ist.
Die in der Studie hervorgehobene Rolle der Stakeholder-Einbindung unterstreicht die Bedeutung partizipativer Waldplanung. In Deutschland wurden in den letzten Jahren verschiedene Formate der Beteiligung von Waldeigentümern, Jägern, Naturschutzverbänden und Erholungssuchenden erprobt, etwa im Rahmen von Waldnaturschutzkonzepten und der Waldprämie. Die europäische Vergleichsstudie bestätigt, dass solche Beteiligungsformate die Akzeptanz und Wirksamkeit von Anpassungsmaßnahmen erhöhen können.
Schließlich verweist die starke Betonung aktiver Waldbewirtschaftung als Anpassungsstrategie auf eine politisch sensible Frage: In Teilen der europäischen Forstpolitik wird derzeit eine stärkere Trennung von Schutz und Nutzung diskutiert. Die empirischen Befunde dieser Studie sprechen eher für eine integrierte Betrachtung, in der aktive Bewirtschaftung als Mittel zur Risikominderung verstanden wird, etwa bei der Reduktion von Brennstofflasten in brandgefährdeten Beständen.
Limitations & offene Fragen
Eine wesentliche Einschränkung der Studie liegt in der Stichprobengröße von 129 Befragten, verteilt auf fünf Regionen. Pro Region bedeutet dies eine vergleichsweise kleine Gruppe, die nicht in jedem Fall repräsentativ für die jeweilige Stakeholder-Landschaft ist. Insbesondere bei der Frage, ob die Befunde die tatsächlichen Sichtweisen der breiten Forstpraxis widerspiegeln, ist Vorsicht geboten.
Die Studie vergleicht sehr unterschiedliche forstliche Systeme miteinander. Während Finnland durch großflächige Privat- und Staatswälder mit industrieller Holznutzung geprägt ist, dominieren in Litauen und Rumänien kleinere Privatwälder und in Griechenland kommunale Waldstrukturen mit starker Beweidungstradition. Diese strukturellen Unterschiede überlagern die rein klimatischen Risiken und erschweren direkte Vergleiche.
Eine offene Forschungsfrage betrifft die zeitliche Stabilität der Befunde. Die Studie spiegelt die Wahrnehmungen zu einem bestimmten Zeitpunkt wider, nicht aber die Dynamik der Anpassung. Es wäre wertvoll zu wissen, wie sich die Einschätzungen nach konkreten Extremereignissen, etwa einem schweren Sturm oder einer Borkenkäfer-Kalamität, verändern. Hier sind Längsschnittstudien erforderlich, die die Stakeholder-Perspektive über mehrere Jahre hinweg verfolgen.
Quelle: 10.1016/j.jenvman.2025.125903
Dieser Artikel wurde mit Hilfe von KI erstellt und dient der allgemeinen Information. Keine Rechts- oder Beratungsempfehlung.