
Die Korkeiche zählt zu den Charakterbäumen des westlichen Mittelmeerraums und prägt mit ihren lichten, weidegeprägten Wäldern – den sogenannten Dehesas und Montados – weite Teile der Iberischen Halbinsel. Doch die Verjüngung dieser traditionsreichen Waldform stockt seit Jahrzehnten. Eine neue Langzeitstudie aus Spanien zeigt nun mit einer für dieses Thema beispiellosen Datenfülle, warum hoher und anhaltender Viehbesatz die natürliche Regeneration nicht nur bremst, sondern in vielen Fällen unmöglich macht – und unter welchen Bedingungen eine Erholung möglich bleibt.
Hintergrund
In den mittelmeerischen Eichenwäldern verjüngen sich die Bestände seit langem schlecht. Viele Flächen bestehen nur noch aus alten, oft isolierten Bäumen, deren Nachwuchs fehlt. Da Weidewirtschaft in diesen Ökosystemen eine zentrale Einkommensquelle ist, sind einfache Verbotslösungen politisch wie wirtschaftlich kaum durchsetzbar. Die Forschungsfrage war daher: Unter welchen Weidedruck-Bedingungen können sich junge Korkeichen überhaupt noch erfolgreich etablieren – und welche Rolle spielen dabei Beweidungsintensität, zeitlicher Abstand zur letzten Beweidung und die Fähigkeit der Sämlinge, nach Verbiss aus dem Stock auszutreiben?
Methodik
Das Forscherteam kombinierte über zwölf Jahre dokumentierte Weidedaten auf Paddock-Ebene mit der individuellen Verfolung von 8431 jungen Korkeichen-Sämlingen in 24 Paddocks. Pro Paddock erfassten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Beweidungsintensität (gemiddelt in Großvieheinheiten pro Hektar und Tag pro Jahr), Beweidungs-Historie und zentrale Standortfaktoren wie Sämling-Höhe, Austriebsstatus, Abstand zum nächsten Strauch, Anzahl Rinderdunghaufen als Proxy für sehr aktuelle Beweidung sowie den SPEI-Index (Standardized Precipitation Evapotranspiration Index) für den vorangegangenen Monat als Maß für die aktuelle Wasserversorgung. Mittels bayesianischer Mixed-Effects-Überlebensmodelle und logistischer Modelle wurde der Einfluss dieser Faktoren auf Sämling-Überlebensdauer und Austriebswahrscheinlichkeit quantifiziert.
Ergebnisse
Die mittlere Überlebensdauer der Sämlinge lag in moderat beweideten Paddocks bei 460 Tagen. Unter hohem Weidedruck – mehr als 150 Großvieheinheiten pro Hektar und Tag im Jahresmittel – halbierte sie sich auf 256 Tage. Noch deutlicher wurde der Effekt, wenn man die Aktualität der Beweidung betrachtete: Auf Paddocks mit zwei-jähriger Beweidungspause lag die Überlebensdauer ebenfalls bei 460 Tagen, fiel jedoch auf nur 199 Tage, wenn die Beweidung erst kürzlich stattfand. Eine zwei-jährige Beweidungspause verbesserte die Überlebenschancen unter moderatem Druck, reichte aber unter hoem Druck nicht aus, um die Überlebensdauer auf das Niveau unbeweideter Flächen zu heben – ein klarer Hinweis auf längerfristige Legacy-Effekte.
Die Fähigkeit zum Stockausschlag erwies sich als entscheidender Überlebensfaktor. Sämlinge, die nach Verprob austrieben, lebten im Mittel mehr als fünfmal so lange wie nicht austreibende Sämlinge – 2351 Tage gegenüber 460 Tagen. Höhere Sämlinge lebten generell länger, ein gewisser Abstand zu Sträuchern verbesserte die Überlebenschancen leicht, und feuchtere Witterung im Vormonat steigerte die Überlebensraten deutlich. Rinder verringerten die Austriebswahrscheinlichkeit, am stärksten unter aktueller Beweidung.
Praxisrelevanz
Die Ergebnisse haben unmittelbare Konsequenzen für die mittelmeerische Waldweide-Praxis. Wer die Verjüngung der Korkeiche sichern will, muss die Beweidungsintensität moderat halten und mehrjährige Ruhephasen einplanen. Eine zwei-jährige Beweidungspause kann unter moderate Beweidung bereits zu einer deutlichen Verbesserung führen, unter hoem Druck reicht sie allein jedoch nicht aus. Hier sind entweder deutlich längere Ruhezeiten oder eine dauerhafte Reduktion der Besatzdichte erforderlich.
Für die Praxis bedeutet das konkret: Umtriebsweide statt Standweide, eine Koppelung der Beweidungszeiten an Dürreprognosen und ein gezieltes Monitoring der Sämlinge auf Austriebsstatus und -höhe. Die Forschenden empfehlen ausdrücklich, einfache Feldindikator (Sämling-Höhe, kürzlicher Austrieb) zu nutzen, um lokale Entscheidungen zu treffen, statt sich auf pauschale Vorgaben zu verlassen.
Übertragbarkeit auf Mitteleuropa
Auch wenn die Studie in iberischen Verhältnissen durchgeführt wurde, ist sie für die deutsche Forstpraxis durchaus relevant. In deutschen Mittelwäldern und Niederwäldern, etwa in den Eichen-Schälwäldern des Spreewalds, in den Hutichen Wäldern Süddeutschlands oder in den traditionellen Waldweide-Formen des Schwarzwalds, stehen Forstverantwortliche vor ähnlichen Fragen. Die Kombination aus Eichen-Verjüngung, Weidetier-Einfluss und sich veränderndem Klima ist auch hier aktuell – die Trockenjahre 2018 bis 2022 haben gezeigt, wie schnell sich Regeneration unter Stressbedingungen verschlechtert.
Die zentrale Botschaft lässt sich direkt übertragen: Eine hohe und aktuelle Weidebelastung reduziert die Überlebenschancen junger Eichen drastisch. Eine mehrjährige Pause wirkt nur, wenn der Gesamtdruck nicht zu hoch ist. Die Kombination aus moderater Bestossung und gezielter Ruhepause ist daher auch für deutsche Eichen-Verjüngungsprogramme ein vielversprechender Ansatz.
Vertiefung
Stockausschlag ist evolutionär eine Anpassung an wiederholten Verprob und Feuer. Für die Korkeiche ist diese Fähigkeit überlebenswichtig. Die Spanne zwischen 460 und 2351 Tagen mittlerer Überlebensdauer macht deutlich, dass nicht das einzelne Sämling-Schicksal zählt, sondern die Fähigkeit des Systems, aus einem Reservoir austreibender Individuen über Jahrzehnte hinweg neue Bäume zu rekrutieren. Wird dieses Reservoir durch anhaltend hohe Beweidung aufgebraucht, bricht die Verjüngungskaskade zusammen.
Eine wichtige Sekundärerkenntnis betrifft die Rolle des Mikroklimas. Der positive Effekt eines gewissen Strauchabstands auf das Sämling-Überleben deutet darauf hin, dass eine leichte Beschattung und ein gepuffertes Mikroklima die Trockenheitsanpassung der jungen Bäume verbessern. In der Praxis könnte das bedeuten, junge Eichen nicht vollständig freizustellen, sondern in einem Mosaik aus Strauchinseln zu belassen. In deutschen Niederwäldern wäre zu prüfen, ob ein ähnliches Mosaik-Management den Eichen-Nachwuchs stabilisiert.
Ausblick
Die Studie legt nahe, dass politische Weidesubventionen in Verjüngungs-Notstandsgebieten stärker an konkrete Ruhephasen und Besatzobergrenzen gebunden werden sollten. In Spanien und Portugal gibt es erste Ansätze, bei denen Ausgleichszahlungen an die Einhaltung von Weideruheplänen geknüpft sind. Für Mitteleuropa wäre zu prüfen, ob vergleichbare Modelle auch in den verbleibenden Eichen-Mittelwäldern oder in neuen Beweidungsprojekten zur Offenland-Pflege Anwendung finden können.
Limitations und offene Fragen
Die Ergebnisse stammen aus einem spezifischen mediterranen Kontext und lassen sich nicht ohne weiteres auf andere Klimazonen oder Eichenarten übertragen. Die sehr hohe Weideintensität in den untersuchten spanischen Paddocks wird in deutschen Mittelwäldern in dieser Form selten erreicht. Zudem erfasst die Studie nur zwölf Jahre – für die Beantwortung der Frage, ob und wie schnell sich die Verjüngung nach mehrjähriger Pause vollständig erholt, wäre eine längere Zeitreihe nötig. Schließlich fehlt eine direkte Quantifizierung des Effekts einzelner Witterungsextreme wie Hitze oder Trockenheit, die in den letzten Jahren in Südeuropa deutlich zugenommen haben und deren Wechselwirkung mit Beweidung in zukünftigen Studien gezielt untersucht werden sollte.
Quelle: Pulido F. et al. (2026): Recent and high grazing pressure limit cork oak seedling resprouting and survival. Journal of Environmental Management. DOI: 10.1016/j.jenvman.2026.129888
Quelle: Recent and high grazing pressure limit cork oak seedling resprouting and survival.. Journal of environmental management (2026). DOI: 10.1016/j.jenvman.2026.129888
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