
Warum alte Wälder in Europa unter Druck stehen
In Europa machen Primärwälder und alte Wälder mit Naturentwicklung (sogenannte Old-Growth Forests) heute nur noch etwa drei Prozent der gesamten Waldfläche der EU aus. Diese Restbestände sind jedoch von herausragender Bedeutung für die Biodiversität, für die Erbringung von Ökosystemleistungen und auch für die kulturelle Identität vieler Regionen – sie galten lange Zeit als die Referenz, an der sich die nachhaltige Bewirtschaftung anderer Wälder messen lassen musste. Sowohl die EU-Biodiversitätsstrategie als auch die EU-Waldstrategie für 2030 sehen deshalb einen strikten Schutz dieser Flächen vor. Die praktische Umsetzung dieses Schutzes stockt allerdings, weil bislang konsistente, wissenschaftlich fundierte Kriterien fehlen, mit denen sich alte Wälder in der borealen und hemiborealen Zone Nordeuropas zuverlässig erkennen und von bewirtschafteten Beständen abgrenzen lassen. Genau diese Lücke adressiert eine neue Studie, die 2026 im Fachjournal Ambio erschienen ist.
Die zentrale Botschaft der Autorinnen und Autoren: Es gibt mittlerweile zwar Leitlinien der EU-Kommission, die drei Hauptindikatoren nennen – einheimische Baumarten, Totholz sowie große und alte Bäume – ergänzt um vier weitere Indikatoren. Was fehlt, sind jedoch operationalisierte Schwellenwerte und Kombinationsregeln, die für die Waldpraxis, die Forstinventur und die Naturschutzbehörden rechtssicher anwendbar sind. Die Studie schlägt nun konkrete Kriterien vor, mit denen sich alte Wälder Nordeuropas künftig mit vertretbarem Aufwand und mit hoher Treffsicherheit ausweisen lassen – ohne dass ganze Bestände aufwendig neu kartiert werden müssen.
So wurde geforscht
Das internationale Autorenteam hat in einem mehrstufigen Verfahren die bestehenden Leitlinien der EU-Kommission mit der aktuellen borealen und hemiborealen Waldliteratur Nordeuropas abgeglichen. Dazu wurden einerseits publizierte Inventurdaten ausgewertet, die Aufschluss über Totholzmengen, Stammdurchmesser und Baumartenanteile in unterschiedlichen Bewirtschaftungsregimen geben. Andererseits flossen Erkenntnisse aus langjährigen Forschungsflächen in Skandinavien und im Baltikum ein, in denen sowohl unbewirtschaftete Referenzflächen als auch unterschiedlich intensiv bewirtschaftete Vergleichsbestände dauerhaft beobachtet werden.
Aus diesen Datenquellen wurden Schwellenwerte abgeleitet, die nach Einschätzung des Autorenteams rechtssicher im Sinne der EU-Vorgaben angewendet werden können. Zusätzlich formuliert die Studie Empfehlungen für ergänzende Indikatoren, etwa zu Verjüngungsmustern, zur strukturellen Komplexität, zu Habitatbäumen sowie zu typischen Zeigerarten. Die Autorinnen und Autoren betonen, dass die Indikatoren stets gemeinsam angewendet werden müssen – ein einzelner Totholz-Schwellenwert allein würde zu Fehlklassifikationen führen. Das Ergebnis ist ein Kriterienkatalog, der in bestehende nationale Waldinventuren integriert werden kann.
Die wichtigsten Ergebnisse
Die Studie definiert drei Hauptkriterien, deren Erfüllung für die Ausweisung als alter Wald entscheidend ist. Erstens: Der Bestand muss von einheimischen Baumarten dominiert sein, also von Arten, die ohne menschliches Zutun in der jeweiligen biogeografischen Region natürlich vorkommen. Eingeführte oder standortfremde Arten können in alten Wäldern zwar geduldet werden, dürfen aber nicht dominant auftreten, weil sonst die ökologische Kontinuität des Bestands in Frage steht. Zweitens: Der Totholzanteil muss mindestens fünf Prozent des gesamten Holzvolumens betragen. Dieser Schwellenwert wurde auf Grundlage von Inventurdaten aus borealen Referenzflächen abgeleitet und entspricht etwa dem Doppelten dessen, was in intensiv bewirtschafteten Wäldern üblicherweise vorgefunden wird.
Drittens: Mindestens zwanzig große oder alte Bäume pro Hektar müssen vorhanden sein. Als groß oder alt gelten Bäume, die das 1,5- bis 2-fache des durchschnittlichen Brusthöhendurchmessers eines erwachsenen Baums der jeweiligen Art erreichen – in der Praxis also Bäume mit Stammdurchmessern deutlich oberhalb des nutzungsüblichen Sortiments. Zwanzig solcher Bäume pro Hektar entsprechen einer Dichte, die nur in Wäldern mit langer Nutzungsfreiheit oder sehr extensiver Bewirtschaftung erreicht wird.
Die Studie ergänzt diese drei Hauptkriterien um vier weitere Indikatoren, die im Verbund angewendet werden sollen. Dazu zählen Verjüngungsmuster, die auf natürliche Waldentwicklung hinweisen, eine hohe strukturelle Komplexität mit mehreren Waldgenerationen auf kleiner Fläche, das Vorhandensein von Habitatbäumen und Mikrohabitaten wie Spechtbäumen oder Pilzkonsolen sowie das Vorkommen typischer Zeigerarten für alte Wälder – etwa bestimmte Flechten, Holzkäfer oder Totholzpilze.
Die Kombination dieser Kriterien minimiert nach Einschätzung des Autorenteams die Fehlklassifikation. Ein bewirtschafteter Wald mit gelegentlich viel Totholz, aber ohne Großbäume, würde ebenso ausgeschlossen wie ein junger Naturwald mit Großbäumen, aber ohne Totholz. Erst das Zusammenspiel aller Indikatoren erlaubt eine sichere Zuordnung – das ist der zentrale Unterschied zu älteren Inventuransätzen, die oft auf einen einzelnen Parameter setzten.
Was das für die Praxis bedeutet
Für die Forstpraxis in Mittel- und Nordeuropa liefert die Studie einen Werkzeugkasten, der sich in bestehende Waldinventuren integrieren lässt, ohne neue Erhebungsmethoden zu erfordern. In Schweden und Finnland werden ohnehin seit Jahrzehnten Totholzvolumen und Baumartenanteile in standardisierter Form erhoben; die zusätzliche Erfassung von Großbaumdichten ließe sich in laufende Erhebungsroutinen einbauen. Auch für die Bundeswaldinventur in Deutschland, die in mehrjährigem Rhythmus Stichprobenpunkte aufnimmt, wäre die Ergänzung um die drei Hauptkriterien mit überschaubarem Aufwand möglich.
Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer, die ihre Bestände auf freiwilliger Basis als alte Wälder ausweisen und in entsprechende Förderprogramme einbringen wollen, erhalten mit dem Kriterienkatalog eine klare Selbstprüfung. Wer auf seinem Standort mehr als zwanzig Großbäume pro Hektar, mehr als fünf Prozent Totholz und eine Dominanz einheimischer Arten vorfindet, kann sich an den Vorgaben orientieren – und hat damit eine gute Grundlage für Gespräche mit Naturschutzbehörden, Versicherern oder Zertifizierungssystemen.
Auch für die Biodiversitätsstrategie der EU ist die Arbeit relevant. Die EU hat sich verpflichtet, bis 2030 mindestens zehn Prozent der Waldfläche unter strengen Schutz zu stellen; bislang ist unklar, wie dieser Anteil überhaupt belastbar ermittelt werden soll. Mit dem vorgeschlagenen Kriterienset liegt nun ein Vorschlag auf dem Tisch, der in den Mitgliedstaaten unmittelbar angewendet werden kann. Das könnte die Verhandlungen über Schutzgebietsausweisungen und freiwillige Waldstilllegungen erheblich versachlichen.
Was das für die Praxis bedeutet — Vertiefung
Ein zweiter, bislang weniger diskutierter Aspekt der Studie betrifft die Kosten und die Praktikabilität der Erfassung. Werden alle drei Hauptkriterien plus die vier ergänzenden Indikatoren angewendet, steigt der Erhebungsaufwand pro Stichprobenpunkt erheblich. Für Landesforstverwaltungen mit großen Inventurrastern ist das eine ernstzunehmende Herausforderung, weil die personellen Kapazitäten nur begrenzt zur Verfügung stehen. Die Autorinnen und Autoren schlagen deshalb ein zweistufiges Vorgehen vor: In einem ersten Schritt werden die drei Hauptkriterien mit Standardmethoden der Waldinventur erfasst, in einem zweiten Schritt erfolgt nur für die Bestände, die alle drei Hauptkriterien erfüllen, eine vertiefte Erhebung der vier ergänzenden Indikatoren. Dieses Vorgehen hält den Erhebungsaufwand in vertretbaren Grenzen und konzentriert die vertiefte Kartierung auf die Flächen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit als alte Wälder in Betracht kommen. Für die praktische Umsetzung wäre eine bundesweit einheitliche Datenstruktur wünschenswert, damit die Ergebnisse zwischen den Ländern vergleichbar bleiben.
Schließlich wirft die Studie eine Frage auf, die in der politischen Diskussion um alte Wälder bislang oft ausgeklammert wird: Wie soll mit Wäldern umgegangen werden, die alle Hauptkriterien erfüllen, aber bereits heute als Naturschutzgebiete oder als Bestandteile von FFH-Gebieten ausgewiesen sind? In vielen Mitgliedstaaten gibt es Überschneidungen zwischen unterschiedlichen Schutzkategorien, die zu Doppelzuständigkeiten und unklarem Vollzug führen. Die Autorinnen und Autoren plädieren dafür, die neuen Kriterien in bestehende Schutzregelungen zu integrieren, statt parallele Strukturen aufzubauen. Das wäre administrativ effizienter und würde zugleich die Akzeptanz bei den Waldbesitzern erhöhen, weil keine neuen Beschränkungen, sondern nur klarere Auswahlkriterien hinzukommen.
Limitations und offene Fragen
Die Studie konzentriert sich auf boreale und hemiboreale Wälder Nordeuropas. Eine Übertragung der vorgeschlagenen Schwellenwerte auf die temperaten Laub- und Mischwälder Mitteleuropas – also auf Buchen-, Eichen- und Kiefernwälder in Deutschland, Österreich und der Schweiz – ist nicht ohne weiteres möglich, weil diese Bestände andere Wachstumsdynamiken, andere Totholzraten und andere Verjüngungsmuster aufweisen. Insbesondere der Schwellenwert von zwanzig Großbäumen pro Hektar müsste für mitteleuropäische Verhältnisse neu kalibriert werden. Auch die Frage, wie alte Wälder in Bergregionen oder auf Sonderstandorten wie Moorrändern ausgewiesen werden sollen, bleibt offen.
Zudem sind die ergänzenden Indikatoren – Verjüngungsmuster, strukturelle Komplexität, Mikrohabitate, Zeigerarten – in ihrer Anwendung deutlich aufwendiger als die drei Hauptkriterien. Fernerkundliche Methoden wie drohnengestützte Laserscans könnten hier künftig eine wichtige Rolle spielen, wurden in der vorgestellten Analyse aber noch nicht systematisch einbezogen.
Die Ergebnisse stehen im Einklang mit dem, was die Waldökologie der letzten Jahrzehnte zur Charakterisierung alter Wälder herausgearbeitet hat. Neu ist die konsequente Operationalisierung in Form quantitativer Schwellenwerte, die mit der EU-Gesetzgebung kompatibel sind. Das macht die Studie zu einem wichtigen Baustein für die Frage, wie alte Wälder in Europa künftig nicht nur geschützt, sondern auch zuverlässig erkannt werden können.
Dieser Artikel wurde mit Hilfe von KI erstellt und dient der allgemeinen Information. Keine Rechts- oder Beratungsempfehlung.