Wenn der Wald das Wasser verliert: Ostpolen als Frühwarnsystem für Mitteleuropas Wälder
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Einleitung: Wenn der Wald das Wasser verliert

Die Wälder Mitteleuropas stehen seit Jahren unter zunehmendem Hitzestress. Was lange als vorübergehende Dürrephase galt, verfestigt sich zu einem neuen Normalzustand, der die Wasserversorgung ganzer Waldökosysteme in Frage stellt. Eine neue Untersuchung aus dem Fachjournal The Science of the Total Environment hat die Waldwasserbedingungen in Ostpolen für das hydrologische Jahr 2025 detailliert ausgewertet und kommt zu einem klaren Befund: Die Hitzerekorde der Jahre 2024 und 2025 haben die Wasserressourcen der Wälder in einem Maße beansprucht, dass selbst grundwasserbeeinflusste Standorte heute als verändert gelten müssen. Die Erkenntnisse sind nicht nur für Polen bedeutsam, sondern lassen sich direkt auf die Situation in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und den ostdeutschen Mittelgebirgen übertragen.

Die Forschungsgruppe hat in ihrer Analyse insgesamt drei Standorttypen mit jeweils unterschiedlicher Wasserversorgung untersucht: frische, mäßig frische und sumpfige Waldstandorte. Über Messpegel, Grundwassersticht und Abflussdaten wurde dokumentiert, wie sich die Wasserverfügbarkeit über das hydrologische Jahr 2025 verändert hat. Das Ergebnis ist eine Bestandsaufnahme, die in dieser Dichte für Mitteleuropa bislang einmalig sein dürfte.

So wurde geforscht

Die Untersuchung basiert auf einer Kombination aus langjährigen hydrologischen Messreihen, Wetterdaten und forstlicher Standortskartierung. Im Zentrum stand die Frage, wie sich die meteorologischen Extreme der Jahre 2024 und 2025 auf das Wasserdangebot in Wäldern mit unterschiedlichem Wasserhaushalt auswirken. Dazu wurden Grundwasserstände an mehreren Pegeln in Waldgebieten Ostpolens gemessen, die seit Jahrzehnten dokumentiert werden. Ergänzend wurden Abflussdaten kleiner Einzugsgebiete ausgewertet, um zu erfassen, wie viel Wasser aus bewaldeten Flächen tatsächlich in Bäche und Flüsse gelangt.

Die Standorte wurden nach ihrer natürlichen Feuchtestufe klassifiziert: frische Standorte, die üblicherweise von tief wurzelnden Baumarten wie Kiefer oder Eiche besiedelt werden, mäßig frische Standorte, die typischerweise Buchen- und Eichenmischwald tragen, sowie sumpfige Standorte, die durch oberflächennahes Grundwasser geprägt sind. Diese Differenzierung ist entscheidend, weil sie zeigt, dass nicht alle Waldtypen gleichermaßen vom Wassermangel betroffen sind, sondern die Reaktion standortspezifisch sehr unterschiedlich ausfällt.

Die wichtigsten Ergebnisse

Erstens: Die Grundwasserstände in allen untersuchten Waldtypen haben im Jahr 2025 ihre bisherigen Niedrigstwerte erreicht oder unterschritten. Besonders auffällig war die Entwicklung in den sumpfigen Waldbehalten, die normalerweise ganzjährig wassergesättigt sind. Diese Standorte, die in Mitteleuropa ohnehin nur noch als seltene Sonderstandorte vorkommen, haben ihren Charakter teilweise verloren. Die Forschungsgruppe spricht von einer Versch verschiebung der Feuchtestufe um eine ganze Klasse, was forstwirtschaftlich einem Standortswechsel gleichkommt.

Zweitens: Der Oberflächenabfluss aus bewaldeten Einzugsgebieten ist auf etwa 15 Prozent des normalen Niveaus gesunken. Das bedeutet konkret, dass Bäche und kleine Flüsse, die normalerweise ganzjährig Wasser führen, in diesem Jahr über lange Strecken trockengefallen sind. Viele dieser Gewässer haben sich in temporäre, periodisch wasserführende Gerinne umgewandelt. Die fehlenden Frühjahrshochwasser, die sonst für die Wasserversorgung der Auwälder entscheidend sind, blieben im Jahr 2025 vollständig aus.

Drittens: Auch die Wasserspeicher in Teichen und kleineren Stauseen, die aus Waldgebieten gespeist werden, haben stark gelitten. Mehrere dieser Wasserspeicher sind vollständig ausgetrocknet, andere haben nur noch einen Bruchteil ihres üblichen Volumens. Das hat nicht nur Auswirkungen auf den Wald selbst, sondern auch auf die Wasserversorgung angrenzender Siedlungen, die in vielen ländlichen Regionen Ostpolens auf solche Speicher angewiesen sind.

Viertens: Die Forschungsgruppe betont, dass die Wetterextreme der Jahre 2024 und 2025 keine einmaligen Ausreißer darstellen, sondern Hinweise auf das künftige Klima geben. Sollten sich die projizierten Klimaveränderungen in der Region fortsetzen, könnten solche Bedingungen in Ostpolen schon in wenigen Jahrzehnten zum neuen Durchschnitt gehören. Die Autoren verwenden in diesem Zusammenhang bewusst den Begriff serious warning, weil die Eingriffe in das Wasserdargebot tiefgreifend und kaum reversibel sind.

Was das für die Praxis bedeutet

Für die Forstpraxis in Mitteleuropa liefert die Untersuchung mehrere konkrete Handlungsfelder. Wo standortsheimische Baumarten wie die Buche auf Wasserversorgung aus tieferen Bodenschichten angewiesen sind, kann ein Absinken des Grundwasserspiegels kritisch werden. Auf Standorten, die bisher als stabil galten, müssen Forstbetriebe künftig mit erhöhtem Risiko für Trockenstress und sekundäre Schädlingsprobleme rechnen. Die klassische waldbauliche Empfehlung, klimatolerante Mischwälder aufzubauen, gewinnt durch diese Daten zusätzliches Gewicht, weil reine Nadelholzbestände in trockenen Sommern besonders anfällig sind.

Praktisch relevant ist auch der Befund, dass die Frühjahrsvernässung in Auwäldern ausbleibt. Viele Forstbetriebe in Ostdeutschland und Polen setzen bei der Waldverjüngung in Auen und an Bachläufen auf Naturverjüngung, die auf regelmäßige Überflutung angewiesen ist. Wenn diese ausbleibt, muss entweder auf Pflanzung umgestellt oder mit höheren Ausfallraten gerechnet werden. Auch die Anlage von Rückhaltebecken und kleinen Wasserspeichern, die in trockenen Sommern als Notreserve dienen können, sollte neu bewertet werden.

Auf politischer Ebene stützt die Studie die Argumentation für einen vorsorgenden Wasserressourcen-Schutz in Wäldern. Die Wasserdienstleistungen der Wälder, also ihre Fähigkeit, Wasser zu speichern, zu filtern und gleichmäßig abzugeben, sind ein wesentlicher Teil der Ökosystemleistungen. Wenn diese Leistung großflächig wegbricht, geraten auch die landwirtschaftliche Bewässerung und die Trinkwassergewinnung in den entsprechenden Einzugsgebieten unter Druck.

Vertiefung: Was Wasserspeicher und Bodenstruktur mit der Krise zu tun haben

Ein Aspekt, der in der Wahrnehmung oft untergeht, ist die Rolle der organischen Bodenschicht für den Wasserhaushalt des Waldes. Die Streuauflage und der oberste Mineralbodenhorizont wirken wie ein Schwamm, der Niederschläge zwischenspeichert und sie verzögert an die Wurzeln weitergibt. In den untersuchten Wäldern war diese Pufferfunktion im hydrologischen Jahr 2025 deutlich geschwächt, weil die intensive Sommertrockenheit die biologische Aktivität im Oberboden reduziert hatte. Die Forschungsgruppe schließt daraus, dass Wälder, die viele Jahre hintereinander unter Trockenstress stehen, diese Pufferfunktion dauerhaft einbüßen können.

Waldbaulich lässt sich daraus ableiten, dass der Aufbau einer kräftigen Streuauflage und eines stabilen Oberbodens stärker in den Fokus rücken sollte. Kahlschläge und Bodenverwundung, etwa bei der Holzernte, schwächen genau die Strukturen, die bei zunehmender Trockenheit gebraucht werden. Schonende Ernteverfahren und der Verzicht auf flächige Befahrung können deshalb einen größeren Beitrag zur Wasservorsorge leisten, als es auf den ersten Blick scheint. Eine ergänzende Einordnung liefern auch die Befunde zur Grundwasserdynamik in den Auenbereichen, wo die fehlende Frühjahrsvernässung die typische Pioniervegetation der Weichholzaue zumindest teilweise verdrängt hat.

Limitations und offene Fragen

Die Studie konzentriert sich auf eine Region in Ostpolen und einen einzelnen, allerdings extremen hydrologischen Jahresverlauf. Wie sich die Situation in anderen mitteleuropäischen Wäldern darstellt, etwa in Norddeutschland, im Erzgebirge oder im Böhmerwald, lässt sich aus den Daten nicht direkt ableiten. Es ist zu vermuten, dass die Tendenzen ähnlich sind, weil die großräumigen Wetterlagen in Mitteleuropa korreliert verlaufen. Allerdings unterscheiden sich die Standortbedingungen und die waldbauliche Behandlung teils erheblich.

Eine offene Frage ist auch, wie schnell sich die Wasserverhältnisse nach einem nassen Jahr wieder normalisieren könnten. Die Forschungsgruppe deutet an, dass tiefgreifende Standortveränderungen wahrscheinlich erst über Jahrzehnte vollständig sichtbar werden, weil sich Baumarten und Bodenlebewesen nur langsam an veränderte Bedingungen anpassen. Eine breit angelegte Wiederholungsstudie über mehrere Jahre wäre nötig, um zu klären, welche der beobachteten Veränderungen reversibel sind und welche als dauerhafte Verschiebungen gelten müssen.

Schließlich bleibt die Frage nach der Übertragbarkeit der Befunde auf andere Regionen. Wer in Brandenburg, Sachsen oder Bayern mit ähnlichen Risiken rechnet, sollte die Studie als deutliches Warnsignal verstehen, kann ihre Ergebnisse aber nicht eins zu eins auf die eigene Region übertragen. Eine vergleichbare hydrologische Bestandsaufnahme in deutschen Wäldern wäre der logische nächste Schritt.

Quelle: Wenn der Wald das Wasser verliert: Ostpolen als Frühwarnsystem für Mitteleuropas Wälder
Journal: | DOI: 10.1016/j.scitotenv.2026.182287


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