
Einleitung: Wenn Pilze am Holz nicht Krankheit bedeuten
In der Forstpraxis gilt ein fauler Stamm oft als Problem, das es zu bekämpfen gilt. Wenn ein Pilz am Stamm eines alten Baumes Fruchtkörper bildet, denken viele Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer instinktiv an eine Gefahr. Doch diese Wahrnehmung ist biologisch nicht immer zutreffend. Eine neue Perspektivarbeit im Fachjournal New Phytologist zeigt, dass die meisten Holzabbau-Pilze ihren Wirtsbäumen gar nicht schaden, sondern eine ökologisch wertvolle Funktion erfüllen. Die Autorinnen und Autoren plädieren dafür, das Phänomen der Kernfäule neu zu rahmen: weg vom Krankheitsbegriff, hin zum Verständnis als einer natürlichen Komponente lebender Waldökosysteme.
Die Verschiebung der Wahrnehmung hat unmittelbare praktische Folgen. Wenn Kernfäule nicht pauschal als Schaden eingestuft wird, ändert sich die Bewertung alter Bäume im Wald. Habitatebäume, die ohnehin schon wegen ihres Totholzanteils geschützt werden, gewinnen zusätzlich an Bedeutung. Die Arbeit ist daher nicht nur ein wissenschaftlicher Diskursbeitrag, sondern liefert auch Argumente für eine naturnahe Waldwirtschaft.
So wurde geforscht
Die Arbeit ist ein sogenannter Perspective-Artikel, also eine fundierte Einordnung des aktuellen Wissensstands durch ausgewiesene Fachleute, ergänzt um eigene Daten und Fallbeispiele. Die Autorinnen und Autoren haben die einschlägige Literatur zu Holzabbau-Pilzen und zu Kernfäule in lebenden Bäumen gesichtet und in einen neuen Interpretationsrahmen eingebettet. Sie greifen dabei auf Beobachtungen aus der Pilzökologie, der Waldwachstumskunde und der Naturschutzbiologie zurück und führen eigene Felddaten aus Langzeituntersuchungen in europäischen Wäldern an.
Wichtig ist der Hinweis, dass die Arbeit zwar einen Paradigmenwechsel anstößt, aber nicht im Widerspruch zur etablierten Forstpathologie steht. Sie unterscheidet klar zwischen pathogener Holzfäule, die tatsächlich die Holzqualität und die Stabilität eines Baumes beeinflusst, und der viel häufigeren nicht-pathogenen Besiedelung, die Teil eines natürlichen Reifeprozesses ist. Diese Differenzierung ist forstwirtschaftlich entscheidend.
Die wichtigsten Ergebnisse
Erstens: Die Mehrzahl der Pilze, die im Holz lebender Bäume wachsen, verursacht keine messbaren Schäden am Wirt. Die Fäule bleibt auf das bereits abgestorbene Kernholz beschränkt, das ohnehin nicht mehr aktiv am Stofftransport beteiligt ist. Die Autorinnen und Autoren argumentieren, dass die Gleichsetzung dieser Pilze mit Krankheitserregern biologisch nicht haltbar ist. Der Baum leidet in den meisten Fällen nicht unter dem Pilz, sondern koexistiert mit ihm in einem Gleichgewicht, das sich über Jahrtausende entwickelt hat.
Zweitens: Kernfäule erfüllt im Waldökosystem eine Reihe wichtiger Funktionen. Sie schafft Hohlräume, die als Lebensraum für Höhlenbrüter, Fledermäuse, Insekten und Pilze selbst dienen. Sie verändert die Holzstruktur, was die Wasser- und Nährstoffspeicherung im Waldboden beeinflusst. Und sie trägt zur Kohlenstoffdynamik bei, weil der langsame Abbau des Kernholzes über Jahrzehnte und Jahrhunderte läuft, statt binnen weniger Jahre zu mineralisieren.
Drittens: Die framesprachliche Verankerung des Begriffs Herz disease hat erhebliche Auswirkungen auf Forschung, Bewirtschaftung und öffentliche Wahrnehmung. Wenn Kernfäule als Krankheit beschrieben wird, fließt Forschungsförderung bevorzugt in Bekämpfungsstrategien statt in ökologische Grundlagenforschung. In der Forstwirtschaft führt die Wahrnehmung als Schaden dazu, dass alte, vermeintlich befallsverdächtige Beäume vorsorglich entnommen werden, obwohl sie aus ökologischer Sicht besonders wertvoll sind.
Viertens: Die Arbeit verweist auf aktuelle Forschungsansätze, die Kernfäule gezielt fördern wollen, um die Habitatfunktion alter Wälder zu stärken. In mehreren europäischen Wäldern werden Programme erprobt, in denen Kernfäule durch kontrollierte Impfungen oder durch stehengelassene Totholzstrukturen aktiv gefördert wird. Die Ergebnisse dieser Versuche zeigen, dass gezielt geförderte Kernfäule tatsächlich zur Habitatentwicklung beiträgt, ohne die Stabilität benachbarter Bestände zu gefährden.
Was das für die Praxis bedeutet
Für die waldbauliche Praxis ist die zentrale Botschaft, zwischen tatsächlich pathogenen Pilzbefällen und der nicht-pathogenen Kernfäule zu unterscheiden. Nicht jeder Baum mit erkennbaren Fruchtkörpern ist ein Risikobaum, der aus dem Bestand entfernt werden muss. Forstbetriebe, die ihre Alt- und Habitatbäume erhalten, profitieren von der Habitatfunktion, die solche Strukturen für eine Vielzahl von Arten bieten. Die pauschale Entnahme befallener Bäume vernichtet ökologisch wertvolle Strukturen, die oft über lange Zeiträume gewachsen sind.
In der Waldbewertung kann die Neubewertung von Kernfäule dazu beitragen, dass die ökologischen Leistungen alter Bäume stärker gewichtet werden. Wer alte Eichen oder Buchen mit Kernfäule stehen lässt, schafft Lebensräume, die in einem sonst geschlossenen Wirtschaftswald selten sind. Das kommt nicht nur dem Artenschutz zugute, sondern auch der Erholungsfunktion, weil alte, knorrige Bäume mit Höhlen und Pilzkonsolen für viele Waldbesucherinnen und Waldbesucher einen besonderen Erlebniswert haben.
Auch in der Kommunikation mit Waldbesitzenden und der Öffentlichkeit ist die Neubewertung bedeutsam. Wer Pilze am Baum nicht pauschal als Bedrohung darstellt, sondern als Teil eines natürlichen Waldökosystems erklärt, schafft Akzeptanz für den Erhalt alter Bäume und für mehr Totholz im Wald. Gerade in Zeiten, in denen die biologische Vielfalt in Wirtschaftswäldern deutlich zurückgegangen ist, sind solche Kommunikationsanpassungen ein wichtiger Baustein.
Vertiefung: Welche Pilze wirklich Schaden anrichten
Die Neubewertung der Kernfäule entlastet die Forstpraxis nicht von der Aufgabe, tatsächlich pathogene Pilze zu erkennen. Einige wirtschaftlich wichtige Pilzarten verursachen nach wie vor echte Holzschäden und müssen im Rahmen der Waldhygiene beachtet werden. Dazu gehören etwa der Kiefern-Wurzelschwamm, der Birkenporling oder die verschiedenen Arten der Hallimasche, die als Wurzelpilze die Vitalität und Stabilität ihrer Wirtsbäume deutlich verringern können. Diese Erreger befallen in der Regel die funktionalen Holzschichten und nicht nur das bereits abgestorbene Kernholz, weshalb sie im Bestand eine andere Rolle spielen als die stillen Bewohner der Kernfäule.
Waldbaulich bedeutet das, dass die Unterscheidung zwischen Pilzpräsenz und Pilzschaden zur Kernkompetenz der Waldbewirtschaftung gehört. Wer regelmäßig die Hauptstämme und Stammfüße seiner Bestände auf erkennbare Fruchtkörper kontrolliert und dabei zwischen harmlosen Kernfäule-Pilzen und pathogenen Holzzersetzern unterscheidet, kann alte Bäume mit Pilzbesatz ohne Sicherheitsrisiko erhalten. Gleichzeitig lassen sich gefährdete Beäume frühzeitig erkennen, bevor es zu Totalausfällen im Bestand kommt. Diese Unterscheidung ist auch ein wichtiges Argument im Dialog mit der Holzindustrie, die häufig pauschal jeden Pilzbefall als qualitätsmindernd einstuft.
Limitations und offene Fragen
Die Arbeit ist eine Perspektivarbeit und keine quantitative Vergleichsstudie. Die Argumentation stützt sich auf die Auswertung bestehender Literatur und auf illustrative Fallbeispiele, aber nicht auf eine eigene breit angelegte Messreihe. Wer die ökologischen Leistungen der Kernfäule in seinem eigenen Betrieb quantifizieren möchte, findet in der Arbeit einen Rahmen, aber keine direkten Handlungszahlen für die eigene Region.
Eine offene Frage ist zudem, wie sich die veränderte Wahrnehmung in der Forstpolitik und in den Förderbedingungen niederschlagen wird. Solange Kernfäule in den meisten forstlichen Bewertungsrahmen als Schaden gilt, ist die wirtschaftliche Argumentation für den Erhalt alter Bäume schwierig. Hier besteht Forschungsbedarf, wie sich die ökologischen Leistungen der Kernfäule in finanziell messbare Größen übersetzen lassen, etwa im Rahmen von Waldprämien oder Ökosystemleistungs-Vergütungen.
Schließlich bleibt die Frage nach der Übertragbarkeit auf andere Klimazonen und Waldtypen. Die Autorinnen und Autoren diskutieren vor allem Beispiele aus temperierten Wäldern Europas und Nordamerikas. In tropischen Wäldern oder in borealen Nadelwäldern könnte die Bedeutung der Kernfäule nochmals anders gelagert sein. Eine Ausweitung der Betrachtung auf andere Waldökosysteme wäre ein wichtiger nächster Schritt, um den Paradigmenwechsel über die temperate Zone hinaus zu tragen.
Quelle: Kernfäule ist kein Schaden: Wie ein Perspektivwechsel alte Bäume im Wald aufwertet
Journal: | DOI: 10.1111/nph.71558
Dieser Artikel wurde mit Hilfe von KI erstellt und dient der allgemeinen Information. Keine Rechts- oder Beratungsempfehlung.