
Einleitung: Warum wandernde Hirsche auch den Waldboden verändern
Wer in den Alpen unterwegs ist, kennt das Bild: Rotwild steigt im Frühjahr in die Höhenlagen auf und zieht im Herbst wieder in die Tallagen zurück. Diese Wanderbewegungen prägen seit Jahrtausenden die Vegetation und den Nährstoffhaushalt alpiner Landschaften. Eine neue Studie aus den Zentral- und Ostalpen zeigt nun in einem detaillierten Simulationsmodell, dass die Stickstoffverteilung im Gebirgswald wesentlich stärker von der Wanderungsdynamik des Rotwilds abhängt, als bisher angenommen. Die Forschungsgruppe hat GPS-Daten von 2021 bis 2024 mit fernerkundlichen Vegetationsdaten kombiniert und vier Szenarien durchgespielt: wandernde Hirsche, residente Hirsche, fehlende Wanderung und ohne Hirsche. Das Ergebnis stellt eine Reihe klassischer Annahmen der Wildökologie auf den Kopf und liefert konkrete Hinweise, wie Forst- und Jagdbehörden in den Alpen und im Alpenvorland künftig planen sollten.
So wurde geforscht
Das Team entwickelte ein räumlich explizites agentenbasiertes Modell, das einzelne Rothirsche über ein alpines Mosaik aus Almwiesen, subalpinen Wäldern und Hochgebirgsrasen verteilt simuliert. Grundlage waren GPS-Telemetriedaten von besenderten Tieren aus den Zentral- und Ostalpen, die zwischen 2021 und 2024 in mehreren aufeinanderfolgenden Saisons erfasst wurden. Diese Daten zeigen das räumliche Verhalten der Tiere über alle Jahreszeiten, einschließlich der Frühjahrs- und Herbstwanderungen zwischen Winter- und Sommereinständen.
Zur Parametrisierung der Stickstoffeinträge kombinierten die Forschenden die GPS-Daten mit hochaufgelösten Vegetationskarten aus Sentinel-2-Satellitendaten und nutzten veröffentlichte Werte zur Stickstoffkonzentration in Losung und Harn. Das Modell berechnet für jede Rasterzelle die tägliche Stickstoffdeposition aus dem Aufenthalt der Tiere und koppelt dies mit deren saisonaler Aktivitätsdichte. Anschließend verglichen die Forschenden vier Szenarien: vollständige Wanderung wie natürlich beobachtet, residenes Verhalten ohne saisonalen Wechsel, vollständig fehlende Wanderung mit reduziertem Hirschbestand und ein Hirsch-freies Referenzszenario. So ließ sich quantifizieren, welcher Anteil der Nährstoffumlagerung allein auf das Migrationsverhalten zurückgeht.
Die wichtigsten Ergebnisse
Die Simulationen quantifizieren die biogeochemische Wirkung der Hirschwanderungen in beeindruckender Auflösung. Im Szenario mit natürlicher Wanderung verteilten die Hirsche über das gesamte Jahresgebiet etwa 18 Prozent ihres Stickstoffeintrags in Höhenlagen oberhalb der Waldgrenze. Ohne Wanderung konzentrierte sich der Stickstoff fast vollständig in den Tallagen und Wintereinständen, was die ohnehin nährstoffreichen Bereiche weiter anreichert.
Besonders auffällig war der Effekt auf subalpine Waldbereiche. In den durchwanderten Habitaten zwischen 1500 und 1900 Metern Seehöhe fanden die Forschenden Stickstoffeintragsraten, die um den Faktor 2,4 höher lagen als im Szenario ohne Hirschwanderung. Diese Höhenlagen galten in früheren Studien als nährstoffarm und auf externe Einträge aus Tieflagen angewiesen. Die neuen Berechnungen zeigen, dass migrierendes Rotwild diese Bereiche aktiv düngt und damit wahrscheinlich zum Wachstum subalpiner Fichten- und Lärchenwälder beiträgt.
Ein zweites zentrales Ergebnis betrifft die zeitliche Dynamik. Während der Frühjahrswanderung in die Hochlagen tragen die Tiere Stickstoff aus den Wintereinständen nach oben. Modellrechnungen zeigen, dass dieser Frühjahrs-Puls etwa ein Drittel des jährlichen Eintragvolumens in die subalpinen Bereiche ausmacht. Dieser Pulseffekt wurde in früheren Studien unterschätzt, weil Felddaten meist nur Momentaufnahmen erfassen. Die Kombination aus kontinuierlicher GPS-Überwachung und agentenbasierter Simulation erlaubt erstmals eine vollständige jahreszeitliche Bilanz.
Ein dritter Befund betrifft die räumliche Heterogenität. Die Stickstoffverteilung ist nicht gleichmäßig, sondern folgt den Wanderkorridoren. In Korridoren mit hoher Aufenthaltsdichte, etwa entlang traditioneller Wechsel, ist die Stickstoffdeposition etwa 40 Prozent höher als in ungenutzten Vergleichsflächen. Dies hat Folgen für die Waldzusammensetzung: Bereiche entlang dieser Korridore zeigen tendenziell andere Vegetationsmuster als flächenmäßig identische, aber selten aufgesuchte Standorte.
Schließlich zeigte das Modell, dass der biogeochemische Footprint wandernder Hirsche etwa 30 Prozent größer ist als der residente Footprint gleicher Bestandsdichte. Wanderung erweitert also die räumliche Wirkung des Wilds erheblich. Für die Forstpraxis bedeutet das, dass die Größe des potenziellen Einflussgebiets nicht aus der Siedlungsdichte allein berechnet werden kann, sondern die Wanderungsmuster einbezogen werden müssen.
Was das für die Praxis bedeutet
Für Forstbetriebe in den Alpen und im Alpenvorland hat die Studie mehrere konkrete Implikationen. Erstens: Die Eintragsraten an Stickstoff entlang von Hirschkorridoren sind hoch genug, um messbar auf Bodenvegetation und Wachstum einzuwirken. Bei der Planung von Waldumbaumaßnahmen in subalpinen Lagen sollte die Lage zu bekannten Wildwechseln berücksichtigt werden. Bereiche, die durch hohen Wildeinfluss gekennzeichnet sind, können andere Ausgangslagen für Verjüngung und Pflege aufweisen als ungestörte Vergleichsflächen.
Zweitens: Die Studie unterstreicht die Bedeutung von Rotwild als Nährstoff-Vektor. Wenn Rotwildwanderungen eingeschränkt oder unterbrochen werden, etwa durch Straßen, Zäune oder intensive Bejagung in den Wintereinständen, verändert sich nicht nur die Populationsdynamik, sondern auch der biogeochemische Kreislauf. Forstbetriebe, die Zäunungen planen oder Wanderungskorridore für das Wild offenhalten wollen, sollten diesen Aspekt in die Diskussion einbringen.
Drittens: Für das Wildmanagement liefert die Arbeit quantitative Argumente. Jagdbehörden und Forstverwaltungen können mit den neuen Modellen abschätzen, wie sich Änderungen der Wanderungsmuster auf die Stickstoffverteilung auswirken. Das eröffnet die Möglichkeit, Eingriffe differenzierter zu planen und regionsspezifische Strategien zu entwickeln.
Was das für die Praxis bedeutet — Vertiefung
Die Forscher betonen, dass ihre Simulation auf einem agentenbasierten Ansatz beruht und damit Verhalten einzelner Tiere realistischer abbildet als klassische Bestandsmodelle. Für die forstliche Praxis eröffnet das eine wichtige Perspektive: Nicht jeder Hirsch wirkt gleich auf den Boden. Die Wanderung einzelner Individuen, insbesondere erfahrener Leitkühe, kann den Nährstoffeintrag in Höhenlagen überproportional prägen. Bestandeslenkende Maßnahmen, die auf die Wanderungsdynamik abzielen, sollten daher stärker die Sozialstruktur der Rudel berücksichtigen. In den Alpen, wo Rotwild in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen hat und gleichzeitig die Waldverjüngung unter Verbiss leidet, liefert diese differenzierte Sicht eine neue Diskussionsgrundlage.
Limitations & offene Fragen
Die Studie hat mehrere Einschränkungen. Das Modell wurde nur in den Zentral- und Ostalpen parametrisiert; eine Übertragung auf andere Alpenregionen oder deutsche Mittelgebirge erfordert eine Anpassung an lokale Wanderungsmuster. Die Stickstoffeinträge basieren auf aggregierten Werten aus der Literatur, nicht auf direkten Messungen im Untersuchungsgebiet. Zudem wurden andere Nährstoffe wie Phosphor und Kalium nicht modelliert, obwohl diese für das Baumwachstum ebenso relevant sind. Auch die Interaktion mit anderen Wildarten wie Gams- und Steinwild wurde nicht abgebildet. Schließlich ist die Frage offen, wie sich der Klimawandel auf die Wanderungsmuster auswirken wird. Kürzere Winter, längere Vegetationsperioden und veränderte Schneebedeckung können die saisonalen Wanderungen verschieben oder verkürzen, was die biogeochemischen Effekte grundlegend verändern könnte. Hier besteht Forschungsbedarf, ebenso wie in der Frage, inwieweit die Ergebnisse auch für andere Hirscharten wie Reh- oder Damwild gelten. Auch über die langfristige Akkumulation der Stickstoffeinträge und ihre Wirkung auf die Bodenfauna gibt das Modell keine Auskunft.
Quelle: The Journal of animal ecology (2026). DOI: https://doi.org/10.1111/1365-2656.70340
Dieser Artikel wurde mit Hilfe von KI erstellt und dient der allgemeinen Information. Keine Rechts- oder Beratungsempfehlung.