Totholz im Buchenwald — Lebensraum oder Borkenkäfer-Brutstätte? Eine Zählung liefert überraschende Zahlen
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Einleitung: Totholz im Wald — Problemstoff oder Lebensraum?

In der forstlichen Diskussion über Totholz gehen die Meinungen weit auseinander. Die einen sehen darin einen wichtigen Lebensraum und Kohlenstoffspeicher, die anderen eine Quelle für Borkenkäfer und andere Schädlinge. Eine neue Feldstudie im Fachjournal Insects hat in einem unbewirtschafteten Buchenwald genauer hingeschaut und die Häufigkeit von Borkenkäfern und ihren natürlichen Feinden verglichen. Das Ergebnis stellt die pauschale Warnung vor Totholz als Schädlingsquelle in Frage und liefert konkrete Zahlen, die für den Naturschutz und die Waldbewirtschaftung in Mitteleuropa gleichermaßen relevant sind.

So wurde geforscht

Das Forschungsteam wählte für die Untersuchung einen unbewirtschafteten Buchenwald aus, in dem seit vielen Jahren kein Holz mehr entnommen wird und in dem sich daher viel liegendes und stehendes Totholz angesammelt hat. Über eine ganze Vegetationsperiode hinweg wurden Fensterfallen eingesetzt, die die tatsächliche Flugdichte der Käfer innerhalb des Bestandes zuverlässig erfassen. Insgesamt wurden auf diese Weise 20.515 saproxyliche Käfer gefangen, also Käfer, die an Totholz und dessen Zersetzung gebunden sind. Unter diesen befanden sich elf Borkenkäferarten mit 3.017 Individuen und 51 Arten natürlicher Feinde mit 4.976 Individuen. Zusätzlich wurde die Totholzstruktur im Bestand kartiert und in verschiedene Typen unterteilt, um zu prüfen, ob bestimmte Totholzformen bevorzugt besiedelt werden.

Die Kombination aus passivem Fallenfang und Totholzkartierung ist methodisch schlank, aber aussagekräftig. Fensterfallen haben den Vorteil, dass sie die tatsächliche Aktivitätsdichte im Bestand abbilden und nicht durch Lockstoffe verfälscht werden. Die Erfassung über eine volle Vegetationsperiode stellt sicher, dass auch Arten mit kurzen Flugzeiten zuverlässig erfasst werden. Die Differenzierung zwischen Borkenkäfern und ihren Feinden gibt Aufschluss über das ökologische Gleichgewicht im Bestand.

Die wichtigsten Ergebnisse

Das zentrale Ergebnis der Studie ist die zahlenmäßige Verschiebung zwischen Borkenkäfern und ihren Feinden. Auf jeden Borkenkäfer kommen im untersuchten Buchenwald deutlich mehr natürliche Feinde. Die 4.976 Individuen auf der Seite der Antagonisten übertreffen die 3.017 Individuen der Borkenkäfer um rund 65 Prozent. Noch deutlicher wird das Verhältnis, wenn man die Artenvielfalt betrachtet: 51 Feindarten stehen nur 11 Borkenkäferarten gegenüber. Die Feindgemeinschaft ist also nicht nur individuen-, sondern auch artenreicher und damit ökologisch stabiler aufgestellt.

Ein zweites wichtiges Ergebnis betrifft die Totholzpräferenz. Weder Borkenkäfer noch ihre Feinde zeigten eine starke Bindung an bestimmte Totholztypen. Weder liegendes noch stehendes, weder frisches noch stark zersetztes Holz wurde signifikant bevorzugt besiedelt. Diese fehlende Spezialisierung deutet darauf hin, dass die Feinde sehr mobil sind und aktiv nach Beute suchen. Sie nutzen die im Bestand verfügbare Totholzvielfalt als Lebensraum, in dem sie ihre Wirte verfolgen.

Ein dritter Befund betrifft die räumliche Aktivitätsdichte. Die hohe Fangzahl pro Falle zeigt, dass die saproxyliche Käfergemeinschaft im untersuchten Buchenreservat insgesamt sehr aktiv ist. Das gilt sowohl für Borkenkäfer als auch für deren natürliche Feinde, wobei Letztere zahlenmäßig dominieren. Die Forschenden werten dieses Muster als Hinweis auf eine wirksame natürliche Kontrolle. Die Feinde halten die Borkenkäferpopulation in Schach, lange bevor diese Schäden an lebenden Bäumen verursachen kann.

Schließlich zeigte die artspezifische Auswertung, dass die häufigsten Borkenkäferarten im Bestand solche sind, die ohnehin an geschwächtes oder totes Holz gebunden sind und nicht an vitale Wirtschaftsbäume. Damit unterscheidet sich das Artenspektrum der Buchenreservate deutlich von dem in bewirtschafteten Wäldern, wo häufig andere Arten auftreten, die gesunde Bäume befallen können. Die Befürchtung, dass Totholz in unbewirtschafteten Buchenwäldern eine Brutstätte für Borkenkäfer ist, die dann in benachbarte Wirtschaftswälder auswandern, lässt sich auf Grundlage dieser Daten nicht stützen.

Was das für die Praxis bedeutet

Für die Forstpraxis in Mitteleuropa hat die Studie mehrere konkrete Implikationen. Erstens: Die pauschale Empfehlung, Totholz konsequent zu entfernen, um Borkenkäfer zu reduzieren, ist im Licht dieser Daten zu kurz gedacht. In unbewirtschafteten Buchenwäldern bauen sich über Jahre stabile Antagonistengemeinschaften auf, die Borkenkäferpopulationen regulieren. Wo diese Gemeinschaften durch Totholzentnahme zerstört werden, geht auch die natürliche Kontrolle verloren.

Zweitens: Die Ergebnisse stützen den Trend zu mehr Totholz in Wirtschaftswäldern. Werden in einem Buchenbestand einzelne Bäume als Habitatbäume belassen oder gezielt Totholz angelegt, können sich Feindgemeinschaften etablieren, die auch in benachbarten Beständen wirken. Damit wird die ökologische Funktion des Waldes als Schädlingsregulator gestärkt. Forstbetriebe, die ihre Wirtschaftswälder mit Naturwaldflächen oder Totholzinseln vernetzen, profitieren langfristig von einer höheren Resilienz gegenüber Insektenkalamitäten.

Drittens: Für das Monitoring liefert die Studie eine einfache Methode, um das Gleichgewicht zwischen Schädlingen und Feinden in einem Bestand zu erfassen. Fensterfallen über eine Vegetationsperiode, kombiniert mit einer Totholzkartierung, liefern schnell belastbare Zahlen. Forstliche Versuchsanstalten und größere Forstbetriebe könnten diese Methodik nutzen, um die Wirkung von Totholzmanagementmaßnahmen zu überprüfen und ihre waldbaulichen Strategien anzupassen.

Was das für die Praxis bedeutet — Vertiefung

Die Forschenden betonen, dass die Ergebnisse aus einem einzigen Buchenreservat stammen und eine Übertragung auf andere Baumarten oder Regionen nur eingeschränkt möglich ist. In Fichten- oder Kiefernwäldern kann das Bild anders aussehen, weil dort andere Borkenkäferarten dominieren. Trotzdem liefert die Arbeit einen klaren Befund: Totholz in unbewirtschafteten Laubwäldern ist mehr Lebensraum als Brutstätte. Wer den Borkenkäferdruck in Wirtschaftswäldern reduzieren will, sollte daher nicht beim Totholz ansetzen, sondern bei der Vitalität der Bäume, der Wasserversorgung und der Strukturvielfalt. Ein gut durchmischter Bestand mit Habitatbäumen und stehendem Totholz ist langfristig weniger anfällig als ein aufgeräumter Altersklassenwald.

Was das für die Praxis bedeutet — Einordnung

Die Ergebnisse ordnen sich in einen breiteren Forschungskontext ein. In den letzten Jahren haben mehrere Studien gezeigt, dass unbewirtschaftete Wälder eine höhere Dichte an saproxylen Arten aufweisen als intensiv genutzte Bestände. Borkenkäfer sind in solchen Lebensräumen nur ein kleiner Teil einer vielfältigen Zersetzergemeinschaft. Die neue Studie ergänzt dieses Bild um eine wichtige Zahl: In einem typischen mitteleuropäischen Buchenreservat übertreffen die natürlichen Feinde die Borkenkäfer sowohl in der Individuen- als auch in der Artenzahl. Das stützt die These, dass intakte Wälder ihre Schädlingsregulierung weitgehend selbst leisten können.

Limitations & offene Fragen

Die Studie hat einige Einschränkungen. Das Experiment wurde in einem einzigen Buchenreservat durchgeführt, sodass Standorteffekte wie Bodenqualität, Klima und Bestandesgeschichte nicht getrennt werden konnten. Die Erfassung erfolgte nur über eine Vegetationsperiode; Aussagen zu mehrjährigen Schwankungen sind nicht möglich. Auch die angrenzenden Wirtschaftswälder wurden nicht in die Untersuchung einbezogen, sodass die Frage offen bleibt, ob und wie stark die Feindgemeinschaft tatsächlich in benachbarte Bestände ausstrahlt. Schließlich wurde nur die Käferfauna untersucht, während andere natürliche Feinde wie Spechte, Parasitoide oder räuberische Wanzen außerhalb der Fensterfallen blieben. Hier besteht Forschungsbedarf, ebenso wie in der Frage, wie sich die Mechanismen auf andere Baumarten wie Eiche, Tanne oder Kiefer übertragen lassen.

Quelle: 10.3390/insects16111087 | Insects (2026)


Dieser Artikel wurde mit Hilfe von KI erstellt und dient der allgemeinen Information. Keine Rechts- oder Beratungsempfehlung.