Europas Wälder sind erstaunlich einheitlich: Was 255.418 Inventurpunkte über die Bestandsstruktur verraten
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Einleitung: Warum die Bestandsstruktur über die Zukunft des Waldes entscheidet

Die Bestandsstruktur eines Waldes beschreibt, wie dessen Bäume angeordnet sind: gleichmäßig oder ungleich alt, einstufig oder mehrschichtig, von einer Baumart geprägt oder von mehreren. Diese Zahlen wirken abstrakt, entscheiden aber über Wuchsleistung, Stabilität und Biodiversität zugleich. Ein Bestand aus gleich alten Bäumen liefert auf kurze Sicht hohe Holzmengen, hält aber wenig Schadholz, viel Licht und wenige Rückzugsräume für Tiere. Für die Forstpraxis bedeutet das: Wer den Aufbau eines Waldesplantzes bewusst steuert, entscheidet über die kommenden Jahrzehnte, nicht über die nächste Ernte.

Genau diese Planung ist bisher auf nationaler Ebene gut belegt, auf europäischer Ebene kaum. Die Forstinventuren der Mitgliedstaaten erfassen seit Jahrzehnten Baumart, Durchmesser und Grundfläche auf streng standardisierten Flächen. Was fehlte, war ein gemeinsamer Blick auf das europäische Waldbild, mit dem sich Länder vergleichen lassen und Fortschritte im Rahmen der europäischen Naturrestaurierungsverordnung belegbar werden. Eine Auswertung von nationalen Inventurdaten aus 18 europäischen Ländern schließt diese Lücke nun, mit einer Datenbasis, die in ihrer Breite bislang ohne Beispiel ist.

So wurde geforscht: 18 Länder, 255.418 Inventurpunkte, sechs Strukturklassen

Die Untersuchung wertet auf Baumebene erhobene Inventurdaten aus 18 europäischen Ländern sowie einer zusätzlichen Landschaftsinventur aus. Berücksichtigt wurden Grundfläche, Baumart und Durchmesser auf Brusthöhe. Um die Länder vergleichbar zu machen, wurden die Daten harmonisiert: Der Durchmesser-Schwellenwert wurde einheitlich bei 10 Zentimetern gesetzt, und die unterschiedlichen Inventurflächen wurden auf eine einheitliche Bezugsgröße von einem Hektar skaliert. Die Aufnahmeflächen der nationalen Inventuren lagen dabei zwischen 9 und 25 Metern Radius.

Aus diesen Angaben entwickelten die Forschenden sechs strukturelle Klassen. Sie reichen von der artenreinen Bestandsfläche mit enger Durchmesserstreuung bis zum artenreichen Bestand mit breiter Streuung. Der Ansatz ist bewusst explorativ: Er beschreibt, wie Europas Wälder heute aufgebaut sind, und ordnet sie in eine gemeinsame Typologie ein. Die Ergebnisse werden auf einem Raster von 0,2 Grad Kantenlänge, also rund 20 mal 20 Kilometern, ausgewiesen, damit sie räumlich nutzbar bleiben.

Die wichtigsten Ergebnisse

Der zentrale Befund ist die Uniformität: Nach dieser Auswertung weisen rund 94 Prozent der europäischen Waldfläche eine regelmäßige Bestandsstruktur auf. Fast die Hälfte der Fläche wird von Beständen dominiert, die von einer einzigen Baumart beherrscht werden, der Rest besteht aus Beständen mit mehreren Baumarten. Die vorherrschende strukturelle Ausprägung ist die artenreine Bestandsform mit enger Durchmesserstreuung. Sie nimmt 56 Prozent der Fläche ein. Der Anteil der artenreichen, gleichmäßig aufgebauten Bestände liegt bei 37,7 Prozent und damit nur knapp darunter. Unregelmäßige, stark durchmesser-gestreute Bestände spielen demgegenüber nur eine untergeordnete Rolle.

Der Blick auf einzelne Länder zeigt, wie unterschiedlich die Ausgangslage trotz der Gesamttendenz ausfällt. Der Anteil der artenreinen, gleichmäßig aufgebauten Bestände reicht von 35,8 Prozent in der Schweiz bis zu 79,7 Prozent in Spanien. In der Schweiz ist damit mehr als ein Drittel der Fläche von Mehrbaumartenbeständen geprägt, in Spanien dominiert die artenreine Form deutlich stärker. Der Nord-Süd-Unterschied fällt damit stärker auf als der Ost-West-Unterschied.

Damit bestätigt die Studie eine Erwartung, die in der Forstdiskussion eine Rolle spielt, aber bislang kaum belastbar quantifiziert war: Europas Wälder sind in ihrer Struktur ähnlicher, als die Unterschiede in Klimatyp, Waldgesellschaft und Bewirtschaftung vermuten lassen. Die verbreitete Vorstellung, europäische Wälder seien strukturell vielfältig, lässt sich in dieser Hinsicht nicht halten. Das ist keine Wertung, sondern eine Bestandsaufnahme, und sie begründet den Handlungsdruck, den auch die europäische Naturrestaurierungsverordnung auf die Waldstruktur ausübt.

Klar bleibt, dass die Analyse die Wirkung der Bewirtschaftung nicht untersucht. Sie zeigt den Zustand, nicht die Ursache. Eine enge Durchmesserstreuung in artenreinen Beständen kann aus langjähriger Pflege stammen, aus der Altersklasse der vorhandenen Bäume oder auch aus der Geschichte der Landnutzung. Die Auswertung kann damit die Grundlage dafür sein, zeitliche Effekte von Bewirtschaftungsänderungen künftig darzustellen. Die Fläche wird also kartiert, die Verwaltung nicht.

Ein methodisch wichtiger Punkt betrifft die räumliche Auflösung. Mit einer Kantenlänge von 0,2 Grad liegt die Darstellung weit unter der Ebene einzelner Betriebe, aber deutlich über der Ebene einzelner Bestände. Damit entsteht ein Maßstab, auf dem strukturelle Veränderungen zwischen Ländern, Regionen und Inventurwellen vergleichbar werden, eine Grundlage, die es bisher nur in stark aggregierten internationalen Statistiken gab. Die Autoren sehen darin eine räumlich ausdrückliche Alternative zu solchen Kennzahlen, mit der sich Fortschritt bei der Waldstruktur künftig belegen statt behaupten lässt.

Was das für die Praxis bedeutet

Für die Forstpraxis ist die Studie vor allem in einer Hinsicht unbequem: Die Fläche, auf der strukturelle Vielfalt heute existiert, ist klein, und sie liegt zu großen Teilen in Südeuropa. Wer in Deutschland, Österreich oder der Schweiz Mischbestände mit unregelmäßiger Altersstruktur aufbauen will, kann die Ist-Ausgangslage nicht als gegeben voraussetzen, sondern muss sie aktiv schaffen. Das betrifft die Verjüngungsplanung ebenso wie die Entscheidung, ob eine Bestandesfläche künftig über eine zweite Baumgeneration oder über einen längeren Umtrieb gestreckt wird.

Konkret heißt das: Die bisherige Praxis, eine Verjüngung nach dem Abtrieb überwiegend aus einer Altersklasse aufzubauen, führt in einem Umfeld, in dem rund neun von zehn Flächen bereits regelmäßig strukturiert sind, zu einer weiteren Verengung. Gegenmaßnahmen sind bekannt und in der Forstpraxis erprobt: gestaffelte Verjüngungszeiträume, die gezielte Förderung von Baumarten mit anderer Altersklasse, die Belebung von Totholz und der Erhalt von Altbäumen als Rückzugsstruktur. Die Neuheit der Auswertung ist nicht, dass diese Maßnahmen empfohlen werden, sondern dass ihr Ausgangsniveau erstmals für Europa beziffert ist.

Vertiefung: Welche Fragen der Datensatz künftig beantworten kann

Der Datensatz eröffnet vor allem eine Anschlussfrage, die bisher nur punktuell bearbeitet werden konnte: Wie verändert sich die Struktur im Zeitverlauf? Weil die nationalen Inventuren in regelmäßigen Abständen wiederholt erhoben werden und die Auswertungsmethodik offen zugänglich ist, lassen sich künftige Wellen direkt gegen diese Grundkarte stellen. Eine solche Kartierung würde zeigen, ob die europäischen Wälder in ihren Bestandsbildern tatsächlich vielfältiger werden oder ob der Trend zum artenreinen, gleichförmigen Bestand anhält. Beides wäre eine wichtige Information für die Forstplanung.

Ebenso liefert die Harmonisierung einen Nebenbefund mit praktischer Bedeutung: Die Verfügbarkeit vergleichbarer Daten hängt nicht allein von der Erhebungstiefe ab, sondern von der Probendimension. Inventurflächen zwischen 9 und 25 Metern Radius führen dazu, dass kleinere Bäume systematisch unterrepräsentiert bleiben. Für die Beurteilung der Jungbestandsstruktur ist das eine erhebliche Einschränkung, für die Alters- und Durchmesserverteilung im Hauptbestand weniger.

Limitationen und offene Fragen

Ungelöst bleibt die Harmonisierung selbst. Die Autoren nennen die unterschiedlichen Flächengrößen der nationalen Inventuren ausdrücklich als Schwachstelle einer bodennahen Untersuchung, weil die Radien zwischen 9 und 25 Metern schwanken. Die Flächenanteile sind zudem nicht auf die tatsächliche Waldfläche gewichtet; die Klassen beschreiben also die Verteilung über die Erhebungsflächen, nicht zwingend über die Waldfläche Europas. Beide Punkte mindern die Belastbarkeit der Prozentwerte, ohne die Grundtendenz infrage zu stellen.

Auch die Kausalität bleibt außen vor: Die Studie zeigt, wie Europas Wälder aufgebaut sind, nicht warum sie so aufgebaut sind. Ob die enge Durchmesserstreuung aus der Altersklassenwirtschaft, aus standortlichen Bedingungen oder aus der Landnutzungsgeschichte resultiert, lässt sich aus diesen Daten allein nicht entscheiden. Ebenso offen bleibt, wie sich die Ergebnisse unter dem Klimawandel verschieben. Der Datensatz selbst ist gut geeignet, um diese Fragen in den kommenden Jahren zu verfolgen; die Antworten darauf sind damit aber noch nicht geliefert.

Quelle

Contemporary high resolution European forest structure assessed using tree-level National Forest Inventory data. PLOS One (2026). DOI: 10.1371/journal.pone.0346611


Dieser Artikel wurde mit Hilfe von KI erstellt und dient der allgemeinen Information. Keine Rechts- oder Beratungsempfehlung.