
Einleitung: Der Waldrand ist keine Kante, sondern ein Filter
Wo ein Wald in eine Wiese oder ein Feld übergeht, endet für viele Betriebe das Bewirtschaftungsinteresse. Der Rand gilt als unproduktive Fläche, die man ohne Weiteres zurücksetzen kann. Aus ökologischer Sicht verhält es sich anders: An solchen Übergängen entstehen eigene Lebensbedingungen, und die Frage, wie Tiere diese Grenze nutzen, entscheidet darüber, ob der angrenzende Bestand überhaupt erreichbar ist. Bis vor kurzem wurde diese Frage eher beiläufig behandelt. Untersucht wurde häufig, ob an Waldrändern mehr oder weniger Arten leben. Die Richtung der Bewegung blieb oft außer Betracht.
Ein Team um Dominik Stočes von der Mendel-Universität in Brünn hat diese Richtung nun systematisch erfasst. Sie stellten Fallen an harten Waldkanten auf, die durch mittelgradige Retentionsforstwirtschaft entstanden sind, und bestimmten, ob die gefangenen Bodentiere eher längs zur Kante oder quer über sie hinweg aktiv waren. Ihr Befund ist eindeutig und für die Forstpraxis unmittelbar relevant: Die Aktivität verlief überwiegend parallel zur Waldkante, nicht quer über sie. Tiere nutzen den Rand als Leitstruktur, nicht als Durchgang.
So wurde geforscht
Die Untersuchungen fanden in den temperierten Tieflandswäldern Mitteleuropas statt, genauer in Beständen mit arbeitsteiligen Pufferzonen, in denen die Eichen Dominanz gewinnen. Zwischen April und Oktober 2023 wurden Drift-Fallen und Bodenfallen eingesetzt, die über abgestufte Abstände sowohl die Kante selbst als auch den angrenzenden Bestandsrand und das Bestandsinnere erfassten. Der Aufbau erlaubte es, die Aktivität in zwei klar getrennte Richtungen zu unterscheiden: längs der Kante und quer über sie hinweg.
Insgesamt wurden 8.643 Individuen aus 188 Arten registriert und nach ihrer Ernährungsweise in fünf funktionelle Gruppen eingeteilt: Prädatoren, Herbivore, Allesfresser, Totholzbewohner und Destruenten. Die Auswertung kombinierte eine Ordinationsanalyse mit Artenreaktionsmodellen, um zu prüfen, ob sich die Gruppen unterschiedlich verhalten. Die Förderung der biologischen Vielfalt durch das Stehenlassen von Waldresten, die sogenannte Retentionsforstwirtschaft, bildet den forstlichen Anwendungsrahmen, weil sie die untersuchten harten Kanten überhaupt erst erzeugt.
Die wichtigsten Ergebnisse
Der erste Befund ist die Grundaussage der Studie: Die Aktivität längs der Kante übertraf die quer zur Kante gerichtete Aktivität durchgehend. Dass die Tiere nicht quer zur Kante wandern, ist ein deutlicher Unterschied und keine Feinheit. Die Forschenden führen das auf zwei Mechanismen zurück: zum einen auf Mikroklimagradienten, die an der Kante unterschiedliche Feuchte- und Temperaturbedingungen erzeugen, zum anderen auf verhaltensbiologische Orientierungsreize, die Tiere an der Kante entlangführen.
Der zweite Befund betrifft die zeitliche Staffelung nach funktionellen Gruppen. Im Frühling war die Aktivität der Destruenten in der längs zur Kante gerichteten Ausrichtung innerhalb der Ökotone erhöht. Das deutet auf eine bandartige Nutzung der Übergangsbereiche hin, also darauf, dass der Rand in dieser Phase als Verbindungselement zwischen den Teillebensräumen genutzt wird. Im Sommer ging dagegen die quer zur Kante gerichtete Aktivität der Allesfresser im Bestandsinneren zurück, was auf eine saisonale Verlagerung der Habitatnutzung hindeutet.
Der dritte Befund betrifft die spezialisierten Totholzbewohner. Sie waren im Herbst am stärksten in der längs zur Kante gerichteten Ausrichtung im Bestandsinneren aktiv. Diese zeitliche und räumliche Trennung von den übrigen Gruppen macht die Funktion der Waldstruktur für diese Artengemeinschaft verständlich: Totholzbewohner sind an geschlossene Bestände mit alten Holzstrukturen gebunden und weichen den offenen, lichtreichen Randbereichen aus. Im Bestandsinneren, wo ausreichend Alt- und Totholz vorhanden ist, orientieren sie sich entlang der Struktur statt über die Kante hinweg.
Der vierte Befund betrifft die Richtung der Bewegung: Sie ist nicht einheitlich. Die Destruenten orientierten sich längs der Kante, während die Allesfresser mit einer quer zur Kante gerichteten Aktivität verbunden waren, besonders außerhalb der Ökotone. Die verschiedenen funktionellen Gruppen reagieren also nicht gleich, sondern lesen den Waldrand unterschiedlich. Aus der Sicht der Forstpraxis bedeutet das, dass eine pauschale Aussage über die Rolle von Waldrändern für die Bodenfauna zu grob wäre. Was für die eine Gruppe ein Weg ist, ist für die andere eine Barriere.
Was das für die Praxis bedeutet
Die Ergebnisse sprechen dafür, Waldränder nicht als Rand, sondern als Infrastruktur zu behandeln. Wenn die Bodenfauna die Kante längs nutzt, dann wirkt eine durchgehende Kantenstruktur als Verbindung zwischen Waldteilen. Wer Rückegassen und Randstreifen so gestaltet, dass sie über mehrere Bestände hinweg durchgehend erhalten bleiben, kann die Erreichbarkeit von Lebensräumen verbessern, ohne zusätzliche Fläche auszuweisen. Entscheidend ist dabei die Richtung: Eine Kante, die ins Bestandsinnere weiterführt, transportiert Tiere, eine isolierte Kante am Ende eines Bestandes nicht.
Für die Betriebsplanung folgt daraus eine zweite Konsequenz. Die Studie untersuchte harte Kanten, wie sie bei der Retentionsforstwirtschaft entstehen. Solche Kanten sind für die Bodenfauna zwar nicht bedeutungslos, sie bilden aber keine weichen Übergänge, die von allen Gruppen gleich gut genutzt werden. Wer die Wirksamkeit von Retentionsflächen beurteilen will, sollte die funktionelle Gruppe betrachten, die jeweils angesprochen werden soll. Für die Totholzbewohner ist die Kombination aus geschlossenem Bestand und reichem Altholz entscheidend, nicht die Breite des Randstreifens.
Der unmittelbarste Nutzen liegt in der bisherigen Messlücke. Dass die Aktivität längs der Kante überwiegt, verändert die Art der Erhebung. Fallenstudien, die Fallen unabhängig von der Kantenrichtung aufbauen, können diesen Effekt nicht auflösen und unterschätzen, wie stark Tiere den Rand als Leitstruktur nutzen. Für die naturschutzfachliche Begleitung von Waldumbauten empfiehlt sich daher eine Ausrichtung der Fallen parallel und quer zur Kante, damit die tatsächliche Nutzungsrichtung sichtbar wird.
Limitations und offene Fragen
Die Studie erfasst eine einzige Vegetationsperiode und eine Region mit mitteleuropäischem Tieflandklima. Ob das Ergebnis in den Mittelgebirgen, im Alpenraum oder in den trockeneren Kiefernheiden des Ostens genauso gilt, ist offen. Der Effekt ist zudem von der Art der Kante abhängig, und die Forschenden haben weiche, graduelle Übergänge nicht untersucht. Ob die längs gerichtete Aktivität dauerhaft stabil bleibt oder sich nach wenigen Jahren verändert, bleibt eine offene Frage.
Offen bleibt auch, wie groß der Effekt im Vergleich zu anderen Faktoren ist. Die Studie erfasste die Aktivität in der Hauptsaison und zeigt, dass die Richtung der Bewegung ein starkes Muster erzeugt. Wie dieses Muster mit der Flächengröße, der Qualität des angrenzenden Bestandes und der Menge an Altholz interagiert, wurde nicht quantifiziert. Ebenso wenig wurde untersucht, ob einzelne Arten unterschiedlich stark auf die Kante reagieren. Für die Forstwirtschaft wäre das der naheliegende nächste Schritt, um aus der Beobachtung eine standortgerechte Empfehlung für die Kantenführung abzuleiten.
Quelle
Quelle: Stočes, D., Košulič, O., Purkart, A. & Šipoš, J.: Edges as ecological filters: Asymmetrical orientation-specific arthropod activity across forest boundaries. Insect Science, 2026. DOI: 10.1111/1744-7917.70266
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