
Einleitung: Ein unterschätztes Berufsrisiko
Baumpflege und -fällung gehören zu den gefährlichsten Berufen im Forstsektor. Professional tree climbers — die Fachleute, die Kronenpflege, Totholzentfernung und Baumschnitte in Tallagen, Parks und urbanen Grünflächen durchführen — sind dabei besonders hohen ergonomischen Belastungen ausgesetzt. Die Seilzugangstechnik (rope techniques), bei der Kletterer mit Seil und Sprossen in die Baumkrone aufsteigen, Bewegungen in der Krone durchführen und wieder absteigen, erfordert ständigen Kraftaufwand an oberen und unteren Extremitäten. Die Körperhaltung ist dabei oft asymmetrisch, einseitige Belastungen der Arme, Schultern und des Rückens sind vorprogrammiert.
Trotz dieser offensichtlichen Belastungen war die ergonomische Forschung zu Baumkletterern bisher auffallend lückenhaft. Die verfügbaren Studien konzentrierten sich vor allem auf Unfallhäufigkeiten und Absturzrisiken — die alltägliche chronische Überlastung einzelner Körperregionen wurde kaum untersucht. Eine tschechische Studie, publiziert im Central European Journal of Public Health, schließt diese Lücke nun mit einer der ersten systematischen Erhebungen zur Ermüdung einzelner Körperregionen bei professionellen Baumpflegern.
So wurde geforscht
Die Untersuchung wurde in Tschechien durchgeführt. 98 professionelle Baumkletterer nahmen teil — alle nutzten seilbasierte Zugangstechniken (Aufstieg in die Krone, Bewegung in der Krone, Abstieg). Die Studie erfasste 12 Körperregionen: acht im Oberkörper (rechte und linke Schulter, Oberarm, Unterarm, Handgelenk/Hand) und vier im Unterkörper (rechter und linker Oberschenkel, Knie, Unterschenkel/Unterbein). Kletterer bewerteten ihre Ermüdung in jeder Region nach der Arbeit auf einer standardisierten Skala von 0 (keine Ermüdung) bis 10 (starke Ermüdung).
Zusätzlich wurde der Zusammenhang zwischen Arbeitsdauer (Stunden pro Tag, Jahre an Berufserfahrung) und dem Auftreten von musculoskeletal Problemen mittels Pearson-Korrelationsanalyse statistisch ausgewertet. Die Hypothese: Je länger die Arbeitszeit und je höher die Erfahrung, desto stärker die kumulative Ermüdung und Beanspruchung. Die Studie unterschied dabei zwischen der Ermüdung nach einer einzelnen Arbeitseinheit (Sitzung) und der kumulativen Ermüdung über die gesamte Arbeitswoche.
Die wichtigsten Ergebnisse
Das Ergebnis mit der deutlichsten Aussage: Handgelenke und Hände sind die am stärksten beanspruchten Körperregionen bei Baumpflegern, die Seiltechniken verwenden. Im Durchschnitt bewerteten die Kletterer ihre Handgelenksermüdung mit 7,2 von 10 Punkten nach einer Arbeitssitzung — der höchste Wert aller 12 erfassten Regionen. Die Belastung dieser Regionen war signifikant höher als bei allen anderen erfassten Körperregionen (p<0,001). Dieser Befund ist mechanisch plausibel: Das Halten und Führen des Kletterseils, der Einsatz von Klettersprossen und das Führen einer Handsäge oder Astschere erzeugen dauerhafte Zug- und Druckbelastungen in den Unterarmen und Handgelenken.
Auf der anderen Seite wurde der Unterschenkel (lower leg) als am wenigsten belastete Region identifiziert, mit einem durchschnittlichen Ermüdungswert von 2,1 von 10. Bei der Seilzugangstechnik wird das Körpergewicht primär über das Seil getragen — die Beine fungieren überwiegend als Führungs- und Stabilisierungselement, nicht als Hauptlastträger. Das unterscheidet diese Technik von konventionellen Klettermethoden (etwa mit Steigklemmen), bei denen die Beinbelastung deutlich höher ausfällt.
Ein besonders überraschendes Ergebnis betrifft den Zusammenhang zwischen Arbeitsdauer und Ermüdung: Entgegen der ursprünglichen Hypothese war der Zusammenhang zwischen der Anzahl der Arbeitsstunden und dem Auftreten von musculoskeletal Problemen schwach und statistisch instabil (Pearson r=0,23, p>0,05). Kletterer mit langer Berufserfahrung (mehr als 10 Jahre) berichteten nicht systematisch über mehr Beschwerden als weniger erfahrene Kollegen. Die Autoren vermuten, dass effiziente Klettertechnik, regelmäßige Pausen und individuelle Fitness diesen Zusammenhang überlagern — mit anderen Worten: Wer gut und ökonomisch klettert, kann auch bei langen Arbeitstagen geringere Belastungswerte aufweisen.
Die Studie identifizierte zudem eine klare Asymmetrie zwischen der rechten und linken Körperseite: Die rechte Schulter und das rechte Handgelenk waren bei den meisten Kletterern stärker beansprucht als die linke Seite — ein Befund, der auf die einseitige Führung von Werkzeugen (die Mehrheit der Kletterer ist rechtshändig) und die asymmetrische Seilführung zurückzuführen ist.
Was das für die Praxis bedeutet
Für Unternehmen der Baumpflege, forstwirtschaftliche Dienstleister und Fachverbände ergeben sich konkrete Handlungsempfehlungen. Da Handgelenke und Hände die kritischen Belastungszonen sind, sollte die Ausstattung gezielt auf die Entlastung dieser Regionen ausgelegt werden: ergonomische Sägeführungen mit Vibrationsdämpfung, hochwertige Handschuhe mit Knöchelprotektion und gepolsterten Griffzonen, sowie Seilsysteme, die den Zugwiderstand minimieren. Arbeitskleidung mit Handgelenkstützen (wie bei Radsportlern üblich) könnte präventiv eingesetzt werden.
Regelmäßige Schulungen zur seilbasierten Klettertechnik — insbesondere zur symmetrischen Gewichtsverteilung und zum ökonomischen Seilmanagement — könnten dazu beitragen, einseitige Belastungsmuster zu reduzieren. Für die betriebliche Gesundheitsvorsorge wäre ein regelmäßiges Monitoring der Handgelenksbelastung sinnvoll, insbesondere bei Kletterern mit mehr als fünf Jahren Berufserfahrung. Die Autoren empfehlen zudem Trainingsprogramme zur Stärkung der Unterarmmuskulatur und Dehnübungen für die Unterarmflexoren und -extensoren in den Pausen.
Limitations & offene Fragen
Die Studie beschränkt sich auf 98 Teilnehmer in Tschechien — eine für statistische Aussagen kleine Stichprobe, die keine repräsentative Aussage für alle europäischen Baumkletterer erlaubt. Die Datenerhebung beruht auf Selbsteinschätzung (Fragebogen), was subjektive Verzerrungen nicht ausschließt — etwa die Tendenz, Schmerzen oder Ermüdung herunterzuspielen. Klinische Messverfahren wie Elektromyographie (EMG) oder Kraftmessungen könnten objektivere Belastungsdaten liefern. Unklar bleibt auch, inwieweit sich die Ergebnisse auf andere Klettertechniken übertragen lassen — etwa Baumbesuch mittels Hubarbeitsbühne oder konventionelles Klettern mit Steigklemmen. Längsschnittstudien, die dieselben Kletterer über mehrere Jahre begleiten, wären ein wichtiger nächster Schritt, um die kumulative Wirkung der Belastungen auf die Gelenke zu quantifizieren.
Quelle: Degree of fatigue in individual parts of the body of professional tree climbers after the performance of their work — a survey. Central European Journal of Public Health (2026). DOI: https://doi.org/10.21101/cejph.a8381
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