Mehr als doppelt so viel Waldstörungen: Science-Studie prognostiziert Europas Waldzukunft
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Einleitung: Warum diese Frage relevant ist

Waldbrände in Griechenland, Borkenkäferkalamitäten in Mitteleuropa, Sturmschäden im Alpenraum — die Waldschäden in Europa haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten erheblich verändert. Hitze- und Dürresommer haben die Dynamik dieser Störungsereignisse grundlegend verschoben. Die Frage, wie stark sich diese Trends im Laufe des 21. Jahrhunderts zuspitzen werden, ist nicht nur wissenschaftlich relevant, sondern entscheidend für die europäische Forstpolitik. Eine aktuelle Studie im Fachjournal Science liefert die bislang wohl umfassendste Antwort auf diese Fragen — mit einer räumlichen Auflösung von 100 Metern für das gesamte europäische Waldgebiet.

Die zentrale Hypothese der Arbeit: Die Summe der Störungsflächen in Europa wird sich unter fortgesetztem Klimawandel nicht nur erhöhen, sondern strukturell verändern — mit weitreichenden Folgen für die Altersverteilung, den Kohlenstoffhaushalt und die Biodiversität der Wälder. Die Autoren wollten wissen, welcher Störungstyp — Feuer, Insekten, Sturm — künftig dominiert, wo die Hotspots liegen und welche Konsequenzen dies für die europäische Forstwirtschaft hat.

So wurde geforscht

Das Autorenteam um Markus Grüning, Werner Rammer und Cornelius Senf von der Technischen Universität München sowie Partnern vom Austrian Forest Inventory entwickelte ein neuartiges Simulationsframework, das auf Deep Learning basiert. Die Methodik kombinierte mehrere Datenquellen: historische Störungsdaten aus Satellitenbeobachtungen der europäischen Waldzustandsüberwachung, Klimaprojektionen aus den neuesten IPCC-Szenarien sowie detaillierte forstliche Inventurdaten zur aktuellen Baumartenzusammensetzung und Altersstruktur.

Das Besondere an der Studie ist die räumliche Auflösung von 100 Metern, die Aussagen auf Bestandsebene erlaubt — deutlich relevanter für die forstliche Praxis als die üblichen Klimazonenmittel mit Auflösungen von 10 bis 50 Kilometern. Die Simulationen wurden unter verschiedenen Klimaszenarien durchgeführt, vom moderaten SSP2-4.5-Szenario bis zum ungebremsten SSP5-8.5-Szenario mit sehr hohem CO2-Ausstoß. Validierung erfolgte anhand historischer Störungsdaten aus den letzten zwei Jahrzehnten.

Das Projekt wurde unter anderem von der Europäischen Union im Rahmen des Horizon-Programms sowie von nationalen Waldforschungsinstitutionen gefördert. Die Datengrundlage umfasst Millionen von Hektar Waldfläche in ganz Europa — von der iberischen Halbinsel bis zum Ural, von Sizilien bis Lappland.

Die wichtigsten Ergebnisse

Die zentrale Erkenntnis ist eindeutig und besorgniserregend: Die gestörten Waldflächen werden sich im Laufe des 21. Jahrhunderts mehr als verdoppeln — verglichen mit dem Durchschnitt der letzten Jahrzehnte. Diese Aussage gilt selbst unter moderatem Klimawandel; unter dem SSP5-8.5-Szenario wäre der Anstieg noch ausgeprägter. Konkret bedeutet das: Statt bisher rund 4 bis 5 Millionen Hektar gestörter Waldfläche pro Jahrzehnt wären künftig 9 bis 12 Millionen Hektar pro Jahrzehnt realistisch.

Waldbrände sind der Haupttreiber dieser Entwicklung. Während Insektenausbrüche und Stürme in den Simulationen ebenfalls zunehmen, ist der Anstieg bei Feuer flächenmäßig am größten. Besonders betroffen sind dabei die Mittelmeerregion und Südosteuropa — Portugal, Spanien, Süditalien, Griechenland und die Balkanländer. Aber auch Süddeutschland, der Alpenraum und Teile Mitteleuropas rücken zunehmend in die Hochrisikozone. In Bayern etwa könnte sich die jährliche Waldbrandfläche bis 2100 verdrei- bis vervierfachen.

Eine weitere bemerkenswerte Erkenntnis betrifft die Demografie der europäischen Wälder. Die Simulationen zeigen einen deutlichen Anstieg junger Waldflächen — entweder durch natürliche Verjüngung nach großflächigen Störungen oder durch aktive Wiederbewaldung. Damit verschiebt sich die Altersstruktur der europäischen Wälder nachhaltig: Alte, strukturreiche Bestände, die wichtige Kohlenstoffsenken und Habitate für spezialisierte Arten darstellen, gehen verloren. Junge, oft monotone Flächen nehmen zu. Dieser Wandel ist nicht nur ökologisch bedeutsam, sondern hat auch erhebliche wirtschaftliche Konsequenzen — ältere Bestände liefern in der Regel wertvolleres Holz als junge.

Die Autoren betonen, dass die zusätzlichen Störungen den Kohlenstoffhaushalt der europäischen Wälder deutlich verändern. Junge Wälder binden zwar weiterhin CO2 — oft sogar mit höherer Rate pro Hektar — aber die Gesamtbilanz wird durch den erhöhten Umschlag und die Emissionen aus Bränden und Totholzzersetzung beeinflusst. Bei extremen Störungsereignissen, etwa Megafeuern in mediterranen Wäldern, können kurzfristig massive Kohlenstoffmengen freigesetzt werden — mit negativen Konsequenzen für das europäische Klimaziel der Klimaneutralität.

Überraschend ist auch die räumliche Verschiebung der Risikogebiete. Während Nordeuropa heute als relativ störungsarm gilt, zeigen die Simulationen, dass boreale Wälder in Schweden und Finnland künftig stärker unter Insektenkalamitäten leiden werden — ein bisher oft unterschätztes Risiko. Die warmen Sommer begünstigen die Vermehrung des Fichtenborkenkäfers Ips typographus auch in höheren Breitengraden.

Was das für die Praxis bedeutet

Für die europäische Forstpolitik ergeben sich aus dieser Studie mehrere konkrete Handlungsfelder. Erstens: Die klassische Risikokarte für Waldbrände muss neu gezeichnet werden — Regionen, die historisch als wenig feuergefährdet galten, müssen sich auf deutlich erhöhte Risiken einstellen. Bayern, Baden-Württemberg und andere süddeutsche Regionen sollten ihre Waldbrandvorsorge massiv verstärken — von Löschwasser-Infrastruktur bis hin zu präventiver Brennstoffreduktion.

Zweitens: Die Förderung resilienter Waldstrukturen — also Mischbestände mit verschiedenen Altersklassen und Baumarten — gewinnt weiter an Bedeutung. Monotone Altersklassenwälder sind besonders anfällig für flächige Störungen, während strukturreiche Mischwälder Störungen abpuffern und lokale Ausfälle kompensieren können. Die Autoren empfehlen, gezielte finanzielle Anreize für Waldumbau und Strukturförderung auszubauen.

Drittens: Aktive Waldbrandvorsorge — etwa kontrollierte Reduktion der Brennstofflast in Nadelholzbeständen durch regelmäßige Durchforstung, Pflege von Feuerschutzstreifen um Siedlungen und die Anlage von Löschwasserteichen — sollte als zentrale Säule der Forstpolitik etabliert werden. Die Erfahrungen aus dem Mittelmeerraum zeigen, dass präventive Maßnahmen die Schadenssummen um den Faktor drei bis fünf reduzieren können.

Für deutsche Waldbesitzer bedeutet das konkret: Wo Kiefer und Fichte in trockenheitsgefährdeten Lagen stehen, sollte der Umbau zu klimatoleranten Mischwäldern — etwa mit Traubeneiche, Roteiche, Hainbuche, Elsbeere oder Wildbirne — konsequent vorangetrieben werden. Wo dies nicht möglich ist, etwa in Schutz- oder Erholungswäldern mit hohem Nadelholzanteil, sind zumindest vorbeugende Maßnahmen zur Reduktion des Störungsrisikos dringend erforderlich. Auch die Etablierung von Laubholzstreifen entlang von Waldrändern kann die Ausbreitungsgeschwindigkeit von Bränden deutlich reduzieren.

Limitations und offene Fragen

Die Studie arbeitet mit Klima- und Störungsmodellen, deren Genauigkeit von den zugrunde liegenden Annahmen abhängt. Insbesondere die Häufigkeit extremer Wetterereignisse — etwa Jahrhundertsommer mit Temperaturrekorden über mehrere Wochen — ist mit Unsicherheiten behaftet. Auch klammert die Analyse die Rolle von Schädlings-Managementmaßnahmen weitgehend aus: Wie stark kann aktive Bekämpfung, etwa das Fällen befallener Bäume, der projizierten Ausbreitung von Borkenkäfern entgegenwirken? Hier wären Folgestudien nötig, die verschiedene Managementpfade mit den Störungsmodellen verknüpfen.

Offen bleibt auch die Frage, wie sich die projizierten Veränderungen auf die Biodiversität auswirken. Junge Wälder bieten anderen Arten Lebensraum als alte Bestände — das ist nicht per se schlecht, verändert aber die Artenzusammensetzung erheblich. Eine stärkere Integration von Biodiversitätsdaten in die Störungsmodelle wäre ein wichtiger nächster Schritt. Nicht zuletzt bleibt die politische Frage: Welche Maßnahmen werden europäische und nationale Regierungen ergreifen, um die projizierten Veränderungen abzufedern? Die Studie liefert die wissenschaftliche Grundlage — die politische Umsetzung steht noch aus.


Quelle: Grünig M, Rammer W, Senf C et al. (2026): Climate change will increase forest disturbances in Europe throughout the 21st century. Science. DOI: 10.1126/science.adx6329


Dieser Artikel wurde mit Hilfe von KI erstellt und dient der allgemeinen Information. Keine Rechts- oder Beratungsempfehlung.