Europäische Waldpolitik: Kohlenstoff und Biodiversität zusammen denken — geht das?
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Einleitung: Warum Kohlenstoff und Biodiversität nicht automatisch Hand in Hand gehen

Wenn Wälder gleichzeitig dem Klima- und dem Artenschutz dienen sollen, klingt das nach einer Selbstverständlichkeit — Bäume binden CO2 und bieten Lebensraum für unzählige Arten. Eine neue Studie in Nature Communications zeigt nun auf einer umfangreichen europäischen Datenbasis, dass diese populäre Annahme so nicht stimmt: Die gleichzeitige Maximierung von oberirdischem Kohlenstoffvorrat und biologischer Vielfalt ist in Wirtschaftswäldern häufig nicht erreichbar. Für die deutsche Forst- und Naturschutzpolitik hat die Arbeit unmittelbare Konsequenzen, weil die EU-Waldstrategie 2030 genau dieses Win-Win-Ziel postuliert.

Das Forschungsteam um Erstautor J. F. Larrieu (INRAE Toulouse) wertete europaweite Daten zu Waldstruktur, Artenvielfalt in sechs taxonomischen Gruppen und Kohlenstoffvorräten aus. Im Mittelpunkt stand die Frage, welche waldbaulichen Konstellationen tatsächlich beide Ziele zugleich erfüllen können — und welche strukturellen Zielkonflikte bestehen.

So wurde geforscht

Die Studie stützt sich auf einen der umfangreichsten europäischen Datensätze zur Waldbiozönose: erfasst wurden Strukturmerkmale des Bestandes, Totholzvorräte und die Artenzahlen in sechs taxonomischen Gruppen — Gefäßpflanzen, Moose, Flechten, Saproxylic-Pilze, Bodenmikroorganismen und Vögel — an einer Vielzahl von Inventurpunkten in ganz Europa. Die Datenbasis erlaubt erstmals eine Quantifizierung der Beziehungen zwischen Kohlenstoffspeicherung und Biodiversität jenseits einzelner Lokalstudien.

Methodisch kamen multivariate Modelle zum Einsatz, die getrennt für einzelne Kohlenstoffpools (oberirdische Biomasse, Derbholz, Totholz) berechneten, wie stark die jeweiligen Artenzahlen mit dem Kohlenstoffvorrat korrelieren. Ergänzend wurde mit Szenarien simuliert, wie sich unterschiedliche waldbauliche Eingriffe — vom Nadelholz-Reinbestand bis zum strukturreichen Laubmischwald — auf beide Ziele gleichzeitig auswirken.

Die wichtigsten Ergebnisse

1. Zwischen oberirdischem Kohlenstoffvorrat und Artenzahl bestand in den meisten taxonomischen Gruppen keine oder sogar eine negative Korrelation. Bestände mit maximaler oberirdischer Kohlenstoffspeicherung — in der Regel dichte, gleichaltrige Nadel- oder Buchenwälder — beherbergen tendenziell weniger Arten als strukturreiche Mischwälder mit niedrigerem Holzvorrat pro Hektar.

2. Eine Win-Win-Konstellation zeigte sich ausschließlich dann, wenn Totholz in die Analyse einbezogen wurde. Dessen Kohlenstoffvorrat korrelierte in vier von sechs taxonomischen Gruppen positiv mit der Artenzahl. Das stützt die waldökologische These, dass gerade das Totholz die Schnittstelle zwischen Kohlenstoffspeicherung und Biodiversität bildet.

3. Die Modelle zeigten, dass aktuelle EU-Förderlogiken — etwa die Honorierung oberirdiger Kohlenstoffspeicherung in der freiwilligen CO2-Kompensation — strukturelle Fehlanreize setzen können: Sie fördern dichte Bestände mit hoher Biomasse, drängen aber Totholz und Habitatbäume zurück und mindern so die Artenvielfalt.

4. In naturnah bewirtschafteten Laubmischwäldern mit hohen Totholzanteilen ließen sich Win-Win-Effekte klar nachweisen. Diese Wälder speichern zwar weniger oberirdischen Kohlenstoff als Hochleistungs-Nadelholzbestände, dafür aber mehr Kohlenstoff im Totholz und bieten erheblich mehr Arten Lebensraum.

5. Die Simulation waldbaulicher Szenarien ergab, dass sich durch eine konsequente Erhöhung des Totholzanteils von derzeit oft unter 5 % auf 15–20 % des stehenden Holzvorrats beide Ziele merklich verbessern ließen — ohne die oberirdische Kohlenstoffbilanz drastisch zu senken. Dieser Korridor ist auch in deutschen Forstbetrieben realistisch umsetzbar.

Was das für die Praxis bedeutet

Für Forstbetriebe und Waldbesitzer bedeutet die Studie konkret, dass die alleinige Maximierung des Derbholzvorrats das falsche Ziel ist, wenn gleichzeitig Biodiversität erreicht werden soll. Strukturmerkmale sind entscheidender als bloße Stammzahl oder Vorrat pro Hektar. Das ist eine Bestätigung der seit Jahren in der bundesweiten Waldbauberatung verfolgten Richtung — weg von optisch möglichst vollen Beständen, hin zu strukturreichen Mischwäldern mit dauerhaftem Habitatbaum- und Totholzkonzepten. Konkret heißt das für die Bewirtschaftung: mindestens zehn Habitatbäume pro Hektar dauerhaft markieren, Totholz gezielt in der Fläche belassen und auf klare Altholzinseln mit Zerfallsphasen hinwirken.

Für die Förderpolitik ist das Ergebnis folgenreich: Programme, die allein den Vorrat oder den Zuwachs honorieren, sollten um Indikatoren für Totholz- und Strukturvielfalt ergänzt werden. Eine Reihe deutscher Bundesländer — etwa Baden-Württemberg mit dem Alt- und Totholzkonzept, sowie Bayern mit dem Waldumbau-Programm — sind bereits auf dem richtigen Weg. Die Studie liefert jetzt die wissenschaftliche Grundlage, diesen Weg konsequent weiterzuverfolgen und bundesweit zu harmonisieren.

Nicht zuletzt berührt der Befund auch das Selbstverständnis der Forstwissenschaft selbst: Lange Zeit wurde die Trennung zwischen Produktions- und Schutzwald als betriebliche Notwendigkeit dargestellt — die neuen Befunde zeigen, dass die produktive Integration von Naturschutzaspekten innerhalb ein- und desselben Bestandes funktionieren kann, sofern die waldbaulichen Leitbilder konsequent angepasst werden.

Was das für die Praxis bedeutet — Vertiefung

Auf der operativen Ebene bedeutet das Ergebnis eine Neubewertung klassischer Ertragskennzahlen. Der laufende jährliche Zuwachs (im Forstdeutsch: dGZ) ist als alleinige Steuerungsgröße nicht mehr ausreichend, wenn Biodiversität mitgedacht werden muss. Praktiker sollten stattdessen mit Struktur-Indikatoren arbeiten: Anzahl Habitatbäume pro Hektar, Totholzvorrat in Festmetern, Anzahl Baumarten pro Bestand, vertikale Schichtung. Diese Kennzahlen sind auch in bestehenden Betriebsinventuren leicht erhebbar und können schrittweise in die forstliche Planung integriert werden — etwa als Beimessungsgrundlage für die jährliche Forsteinrichtung. Dabei geht es nicht um ein Weniger an Holzproduktion, sondern um eine klügere Mischung aus Produktion, Schutz und Regulation.

Auf politischer Ebene hat die Arbeit ebenfalls unmittelbare Konsequenzen. Die laufenden Verhandlungen zur EU-Waldstrategie 2030 und zur nationalen Waldstrategie 2050 sollten das Totholz- und Habitatbaumthema explizit aufgreifen, statt es im Subtext zu führen. Eine Integration in die Förderlogik von Bundesländern und Bundeswald würde zudem die Akzeptanz biodiversitätsorientierter Maßnahmen deutlich erhöhen — gerade bei privaten Waldbesitzern, die oft Vorbehalte gegen Auflagen haben, gleichzeitig aber wissen, dass ihre Wälder zunehmend unter Klimaextremen leiden.

Limitations & offene Fragen

Die untersuchten Datenpunkte verteilen sich ungleich über Europa — naturnahe Laubmischwälder sind im Mittelmeerraum und in Mitteleuropa überrepräsentiert, während osteuropäische Kiefern- und Birkenwälder seltener erfasst sind. Die Ergebnisse lassen sich daher nur eingeschränkt auf boreale Nadelwälder oder auf neuartige Mischbestände mit eingebrachten Trockenheits- und Wärmetoleranzbaumarten übertragen. Auch die taxonomische Tiefe variiert: Bodenpilze und Mikroorganismen sind deutlich weniger erfasst als Gefäßpflanzen oder Vögel. Offene Forschungsfragen betreffen zudem die zeitliche Dynamik: Wie schnell reagiert die Artenvielfalt auf eine Erhöhung des Totholzanteils, und über welche Zeiträume hinweg rechnet sich eine biodiversitätsorientierte Waldbewirtschaftung auch ökonomisch?

Verglichen mit älteren Studien, die meist einzelne Bestände oder einzelne Bundesländer betrachteten, eröffnet die europaweite Datenbasis einen deutlich weiteren Blickwinkel. Die Ergebnisse stehen im Einklang mit isotopenbasierten Beobachtungen aus dem mitteleuropäischen Waldbau und bestätigen die landesweiten Alt- und Totholzkonzepte. Herausfordernd bleibt allerdings die Frage, wie sich die positiven Effekte des Totholzes auf die Biodiversität unter forstökonomischem Druck — insbesondere bei hohen Holzpreisen — in der Breite durchsetzen lassen.


Quelle: Larrieu et al. (2026). European forest carbon and biodiversity policies have a limited win-win potential. Nature Communications. DOI: 10.1038/s41467-026-68668-x.


Dieser Artikel wurde mit Hilfe von KI erstellt und dient der allgemeinen Information. Keine Rechts- oder Beratungsempfehlung.