
Einleitung: Warum diese Frage relevant ist
In den Wäldern Mitteleuropas und des Mittelmeerraums leben Bäume in einer engen Gemeinschaft mit Pilzen, die ihre Wurzeln besiedeln. Diese sogenannten Ektomykorrhiza-Pilze sind keine bloßen Begleiter — sie versorgen ihre Wirtsbäume mit Wasser und Nährstoffen und erhalten im Gegenzug Zucker aus der Photosynthese. Ohne diese Symbiose würden die meisten unserer Waldbäume, von der Steineiche über die Fichte bis zur Buche, kaum auf den eher nährstoffarmen Waldböden gedeihen. Trotz dieser Schlüsselrolle war bislang nur wenig darüber bekannt, wie sich diese Pilzgemeinschaften verhalten, wenn der Waldboden kleinräumig gestört wird — etwa durch das Wühlen von Wildschweinen, das Graben von Füchsen oder Baumarbeiten im Bestand.
Ein internationales Forscherteam hat diese Lücke nun geschlossen. In einer Studie, die im Fachjournal Mycorrhiza erschienen ist, wurde erstmals systematisch untersucht, wie sich die Zusammensetzung der Ektomykorrhiza-Gemeinschaft unter mediterranen Steineichen (Quercus ilex) verändert, wenn der Boden experimentell gestört wird. Die Ergebnisse zeigen, dass selbst kleine Eingriffe in den Waldboden tiefgreifende, aber vorübergehende Verschiebungen in der Pilzgemeinschaft auslösen können — mit Folgen für die gesamte Waldökologie.
So wurde geforscht
Die Studie wurde als in-situ-Experiment in einem mediterranen Steineichenwald angelegt. Das bedeutet: Die Forschenden haben nicht im Labor gearbeitet, sondern direkt im natürlichen Lebensraum der Bäume und Pilze. Auf einer Versuchsfläche wurden gezielt kleinflächige Bodenstörungen simuliert, die in ihrer Wirkung dem Wühlen von Tieren — der sogenannten Bioturbation — entsprechen. Solche Störungen sind im Wald allgegenwärtig und gehören zum normalen Geschehen.
Vor der Störung und ein Jahr danach entnahmen die Forscherinnen und Forscher Proben der Wurzelspitzen der Steineichen und analysierten darin die ribosomale DNS der Region ITS (Internal Transcribed Spacer). Diese genetische Signatur erlaubt es, einzelne Pilzarten zu identifizieren und die Zusammensetzung der gesamten Lebensgemeinschaft zu rekonstruieren. Das ITS-Marker-System ist in der mykologischen Forschung der Goldstandard, weil es eine sehr hohe Auflösung bietet und sich auch für schwer kultivierbare Bodenpilze eignet. So konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Pilzgemeinschaft vor und nach der Störung detailliert vergleichen.
Die wichtigsten Ergebnisse
Die Ergebnisse sind in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Erstens kam es durch die Bodenstörung zu einem vorübergehenden Anstieg der Anzahl der mykorrhizierten Wurzelspitzen — ein Hinweis darauf, dass die Bäume kurzfristig mehr in die Symbiose investieren. Gleichzeitig jedoch verringerte sich die Artenvielfalt der Pilze dramatisch: Die Artenzahl ging um 56,3 Prozent zurück. Dieser Verlust an Alpha-Diversität ist gravierend und zeigt, wie empfindlich die Lebensgemeinschaft auf Störungen reagiert.
Zweitens veränderte sich die Zusammensetzung der Pilzgemeinschaft deutlich. Vor der Störung dominierten Basidiomyceten, also Pilze aus der Gruppe, die viele unserer bekannten Waldpilze wie Täublinge, Schleierlinge und Habichtspilze stellt. Ein Jahr nach der Störung hatten die Ascomyceten, also Schlauchpilze, stark zugenommen — ihr Anteil an den gesamten Mykorrhizen stieg um 38,5 Prozent auf nun 49,3 Prozent. Konkret bedeutete dies: Pilzfamilien wie die Tuberaceae (Trüffelverwandte), Helvellaceae (Lorchelverwandte), Pezizaceae und Pyronemataceae nahmen zu, während Russulaceae, Cortinariaceae und Hydnaceae zurückgingen.
Drittens zeigt die Studie einen faszinierenden ökologischen Mechanismus: Die Bodenstörung fördert eine Sukzession von spät besiedelnden Basidiomyceten-Linien hin zu früh besiedelnden Ascomyceten. Mit anderen Worten: Die Störung setzt eine Art Pionierphase in Gang, in der opportunistische Pilzarten den gestörten Boden besiedeln, bevor sich später wieder die typischen Waldpilze etablieren. Die Forscherinnen und Forscher deuten diese Dynamik so, dass asynchrone, kleinflächige Störungen insgesamt zur Vielfalt der Ektomykorrhiza-Gemeinschaft beitragen — sowohl was die Artenvielfalt an einem Ort (Alpha-Diversität) als auch den Artenwechsel zwischen Orten (Beta-Diversität) betrifft.
Was das für die Praxis bedeutet
Für Forstwirtinnen und Forstwirte in Mitteleuropa ist diese Studie in mehrfacher Hinsicht relevant. Zwar wurde sie unter mediterranen Steineichen durchgeführt, doch die zugrundeliegenden Mechanismen — die Reaktion von Ektomykorrhiza-Gemeinschaften auf Bodenstörungen — gelten auch für mitteleuropäische Buchen-, Eichen- und Fichtenwälder. Wer Bodenbearbeitung durchführt, etwa bei der Vorbereitung von Pflanzflächen, der Anlage von Rückegassen oder bei Kulturpflegemaßnahmen, sollte sich bewusst sein, dass solche Eingriffe die Lebensgemeinschaft im Waldboden kurzfristig verändern.
Konkret empfehlen die Erkenntnisse ein abgestuftes Vorgehen: Wo immer möglich, sollten Störungen kleinflächig und asynchron über die Fläche verteilt erfolgen, statt großflächig und synchron. So entstehen mosaikartige Lebensbedingungen, die insgesamt die Vielfalt der Pilzgemeinschaft fördern. Zudem zeigen die Ergebnisse, dass die Pilzgemeinschaft innerhalb eines Jahres bereits deutliche Anpassungen zeigt — die kurzfristigen Verluste sind also reversibel, sofern den Pilzen ausreichend Zeit zur Regeneration gegeben wird.
Auch für die Waldbauvorbereitung von Pflanzungen liefert die Studie Hinweise: Eine vollständige Bodenbearbeitung kann die Ektomykorrhiza-Pilze, die für das Anwachsen der Jungpflanzen so wichtig sind, deutlich reduzieren. Punktuelle Pflanzverfahren, die den Boden rund um den Pflanzplatz schonen, könnten die Mykorrhiza-Versorgung der Setzlinge hingegen sichern. In der Jungbestandspflege gilt das Prinzip der minimalen Störung.
Was das für die Praxis bedeutet — Vertiefung
Eine offene Frage bleibt, inwieweit sich die Ergebnisse aus dem mediterranen Steineichenwald auf andere Waldtypen übertragen lassen. Während Steineichen als immergrüne Hartlaubbäume eine spezielle Strategie der Nährstoffkonservierung verfolgen, reagieren Laubbäume der gemäßigten Zone wie Buche oder Eiche möglicherweise anders. Auch die Rolle des Klimas — mediterrane Trockenheit versus mitteleuropäisches Klima — dürfte die Erholungsgeschwindigkeit der Pilzgemeinschaft beeinflussen. Langfristige Beobachtungen über mehrere Jahre hinweg wären nötig, um die volle Regenerationsdauer abzuschätzen.
Schließlich ist auch die Frage offen, wie sich die beobachteten Verschiebungen auf die Funktionsfähigkeit der Symbiose auswirken. Ascomyceten sind zwar frühe Besiedler, aber nicht unbedingt schlechtere Partner für die Bäume. Ob die veränderte Pilzgemeinschaft die Versorgung der Bäume mit Stickstoff und Phosphor in gleichem Maße sicherstellt wie die ursprüngliche Basidiomyceten-Gemeinschaft, muss in Folgeuntersuchungen geklärt werden. Hier besteht weiterer Forschungsbedarf, der für die Forstpraxis von unmittelbarer Bedeutung ist.
Die praktische Konsequenz für die waldbauliche Praxis lässt sich am Beispiel der Eichenwirtschaft verdeutlichen. Wo Eichenverjüngungen unter Schirm angelegt werden, bleibt die bestehende Ektomykorrhiza-Gemeinschaft weitgehend erhalten — die Setzlinge werden rasch mit Pilzpartnern versorgt und zeigen gute Anwuchsraten. Bei Kahlschlag mit nachfolgender Bodenbearbeitung hingegen muss mit einer deutlich reduzierten Pilzvielfalt gerechnet werden, was die Anwuchsphase der Jungpflanzen verlängern kann.
Langfristig profitieren Wälder, in denen kleinflächige Störungen asynchron auftreten, von einer höheren räumlichen Vielfalt. Das bedeutet für die Praxis: Ein Mosaik aus unterschiedlichen Bestandesphasen, verschiedene Baumarten und eine gewisse Heterogenität der Bodenoberfläche fördern die ökologische Resilienz — und damit auch die Stabilität der Waldfunktionen gegenüber Klimaextremen.
Limitations & offene Fragen
Die Ergebnisse stehen im Einklang mit neueren Erkenntnissen zur Rolle kleinräumiger Störungen für die Biodiversität von Waldböden. Während ältere Studien oft den Fokus auf großflächige Effekte wie Kahlschlag oder Sturmwürfe legten, zeigt diese Arbeit, dass bereits sehr kleine Eingriffe messbare Veränderungen in den unterirdischen Lebensgemeinschaften auslösen können. Für die Forstwissenschaft eröffnet dies ein neues Forschungsfeld an der Schnittstelle von Bodenkunde, Mykologie und Waldbau.
Die Studie konzentriert sich auf eine einzelne Baumart in einem mediterranen Ökosystem und einen Zeitraum von einem Jahr. Die Ergebnisse lassen sich daher nur eingeschränkt auf andere Waldtypen und Klimazonen übertragen. Auch war die experimentelle Störung relativ kleinflächig angelegt — bei großflächigen Bodenbearbeitungen, wie sie in der Forstpraxis üblich sind, könnten die Effekte deutlich stärker ausfallen. Schließlich spielen weitere Faktoren wie die Bodentemperatur, der pH-Wert und die Streuauflage eine wichtige Rolle für die Pilzgemeinschaft, die in dieser Studie nicht im Detail untersucht wurden.
Quelle: Bodenstörungen verändern die Pilzgemeinschaft im Eichenwald | DOI: 10.1007/s00572-026-01302-2
Dieser Artikel wurde mit Hilfe von KI erstellt und dient der allgemeinen Information.