Buchen-Urwälder unter Klimastress: Große Bäume verlieren, kleine legen zu
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Warum Buchen-Urwälder als Referenz so wertvoll sind

Die Rotbuche gilt als die Leitbaumart Mitteleuropas, und genau deshalb beobachtet die Forstwissenschaft ihre Reaktion auf Hitze und Trockenheit besonders genau. In den vergangenen Jahren haben sich Meldungen über Vitalitätsverluste, Kronenschäden und Wachstumsrückgänge an den warm-trockenen Verbreitungsrändern der Art gehäuft. Modelle, die auf europaweiten Messnetzen aufbauen, prognostizieren daraus flächige Zuwachsverluste für die kommenden Jahrzehnte. Für Waldbesitzer und Forstbetriebe ist das eine unbequeme Botschaft, weil die Buche in vielen Betrieben die wirtschaftliche und ökologische Grundlage bildet.

Diese Modelle haben allerdings eine Schwachstelle, die bisher wenig beachtet wurde: Sie behandeln einen Buchenbestand oft als eine einheitliche Größe und rechnen mit Durchschnittsbäumen. Tatsächlich besteht ein Bestand aus Bäumen sehr unterschiedlicher Größe, Alter und sozialer Stellung, und jede dieser Gruppen kann anders auf Klimastress reagieren. Eine neue Untersuchung in Global Change Biology hat genau diese innerartliche Variabilität in den Mittelpunkt gestellt und gefragt, ob Buchenwälder anpassungsfähiger sind, als die gemittelten Modelle vermuten lassen.

So wurde geforscht

Die Datengrundlage ist für europäische Verhältnisse ungewöhnlich breit. Das Forschungsteam nutzte ein Netzwerk aus 530 Untersuchungsflächen mit rund 11.000 Einzelbäumen. Alle Flächen liegen in Buchen-Primärwäldern, also in Beständen, die nie oder über sehr lange Zeiträume nicht forstlich bewirtschaftet wurden. Diese Auswahl ist methodisch bedeutsam, weil dort die Bestandesstruktur ohne den Eingriff von Durchforstungen entstanden ist. Die Flächen verteilen sich über Mittel- und Südosteuropa und decken damit einen breiten Standortsgradienten von feuchten, kühlen Lagen bis zu deutlich trockeneren Regionen ab.

Als Messgröße diente das radiale Zuwachsmuster der Bäume, ausgewertet über Jahrringanalysen. Die Forschenden trennten die Bäume dabei nach demografischen Schichten, also nach kleinen, mittleren und großen sowie nach jungen und alten Individuen. Diese Schichten wurden anschließend gegen Klimavariablen gerechnet, insbesondere gegen Sommerhöchsttemperaturen und die klimatische Wasserbilanz. Zusätzlich unterschied die Auswertung zwischen xerischen, also trockeneren, und mesischen, also mittelfeuchten Regionen. Damit lässt sich nicht nur beantworten, ob der Zuwachs zurückgeht, sondern auch welche Bäume an welchen Standorten wie stark betroffen sind.

Die wichtigsten Ergebnisse

Das erste zentrale Ergebnis betrifft die klimatischen Steuergrößen, und diese unterscheiden sich je nach Standortstyp deutlich. In den trockeneren Regionen bestimmten die Höchsttemperatur des Vorjahressommers und die klimatische Wasserbilanz den Zuwachs am stärksten. In den mittelfeuchten Regionen dagegen reagierten die Bäume vor allem auf die Bedingungen des laufenden Frühjahrs und Sommers. Für die Praxis heißt das, dass sich die relevante Wetterperiode je nach Standort verschiebt: auf trockenen Standorten wirkt das Vorjahr nach, auf feuchteren zählt die aktuelle Saison.

Das zweite Ergebnis zeigt eine klare Arbeitsteilung zwischen den Baumgrößen. Große Bäume reagierten empfindlicher auf Hitzestress des Vorjahressommers, kleine Bäume dagegen stärker auf die Feuchtigkeitsverfügbarkeit im Frühjahr und Sommer. Diese Aufteilung ist physiologisch plausibel, weil große Bäume längere Wassertransportwege und eine höhere Verdunstungsoberfläche haben, während kleine Bäume im Unterstand vom oberflächennahen Bodenwasser abhängen. Für den Waldbau ist es ein wichtiger Befund, weil Alt- und Jungbestand damit auf unterschiedliche Wetterlagen empfindlich reagieren.

Drittens fanden die Forschenden ausgeprägte Mehrjahres-Nachwirkungen schwerer Sommerdürren, allerdings nur in den trockenen Regionen. Dort blieb der Zuwachs über mehrere Jahre nach dem Trockenereignis gedämpft, und zwar über alle demografischen Schichten hinweg. In den mittelfeuchten Regionen traten solche langfristigen Nachwirkungen nicht in vergleichbarer Form auf. Ein einzelnes Dürrejahr ist also nicht überall ein einmaliger Einschnitt, sondern kann in trockenen Lagen eine mehrjährige Wachstumsdelle nach sich ziehen.

Das vierte Ergebnis ist das differenzierteste und relativiert das pauschale Bild vom Zuwachsverlust. Die langfristige Trendanalyse zeigte eine erhebliche regionale Uneinheitlichkeit. Bei mittelgroßen und großen Bäumen ging der Zuwachs zurück, während kleine und mittelgroße junge Bäume in den mittelfeuchten Regionen sowie alte Bäume in den trockenen Regionen sogar zulegten. Es gibt also innerhalb desselben Bestandestyps Gewinner und Verlierer. In der Gesamtbilanz über das Netzwerk überwogen allerdings die Verluste die Zugewinne, sodass die Grundaussage der Modelle bestehen bleibt, wenn auch mit deutlich mehr Zwischentönen.

Fünftens zeigte sich, dass Strukturvielfalt tatsächlich als Produktivitätsfaktor wirkt. Bestände mit höherer struktureller Komplexität und größerer demografischer Variabilität wiesen eine bessere Produktivität auf. Diese positive Wirkung schwächte sich jedoch unter starkem Klimastress ab. Strukturvielfalt puffert also, aber sie puffert nicht unbegrenzt. Ab einer bestimmten Stressintensität verliert der Struktureffekt an Wirkung.

Was das für die Praxis bedeutet

Die praktisch wichtigste Ableitung betrifft die Bewertung des Altbestandes. Wenn große Bäume besonders empfindlich auf Hitzestress des Vorjahres reagieren, sollte die Vitalitätsansprache im Altbuchenbestand nach heißen Sommern nicht auf das Folgejahr verschoben werden. Ein trockener, heißer Sommer wirkt sich in trockeneren Lagen erst in der folgenden Vegetationsperiode voll im Zuwachs aus. Betriebe, die auf trockeneren Standorten wirtschaften, haben damit ein zeitliches Frühwarnfenster: Nach einem Extremsommer ist im kommenden Jahr mit reduziertem Zuwachs und erhöhter Anfälligkeit im Oberstand zu rechnen.

Für die Bestandesbehandlung folgt daraus, Strukturvielfalt als aktives Ziel zu behandeln und nicht als Nebenprodukt. Die Studie liefert dafür eine quantitative Begründung: Die demografische und strukturelle Heterogenität war ein wesentlicher Treiber der Produktivität. Ungleichaltrige, mehrschichtige Buchenbestände verteilen das Risiko, weil die Schichten unterschiedlich auf Wetterextreme reagieren. Wenn große Bäume in einem Trockenjahr Zuwachs verlieren, kann der Unterstand bei ausreichender Frühjahrsfeuchte weiterlaufen.

Gleichzeitig mahnt der Befund zur Vorsicht bei allzu großen Erwartungen. Weil der positive Struktureffekt unter starkem Klimastress abnimmt, ist Strukturvielfalt keine Versicherung gegen extreme Dürre. Auf ausgesprochen trockenen Standorten am Rand des Buchenareals bleibt die Frage der Baumartenwahl bestehen. Der Befund, dass alte Bäume in trockenen Regionen teilweise zulegten, ist kein Argument gegen Verjüngung, sondern ein Hinweis darauf, dass angepasste Altbäume genetisch und standörtlich wertvoll sein können und als Samenbäume Beachtung verdienen.

Vertiefung: Warum gemittelte Modelle in die Irre führen können

Der methodische Kern der Arbeit ist auf den ersten Blick unscheinbar, hat aber weitreichende Folgen. Wenn ein Modell nur mit einem Durchschnittsbaum je Fläche rechnet, verschwindet die gesamte Bandbreite der Reaktionen im Mittelwert. Das kann in zwei Richtungen täuschen. Es kann die Anpassungsfähigkeit unterschätzen, weil die zulegenden Schichten unsichtbar werden. Es kann aber auch das Risiko unterschätzen, weil die besonders empfindlichen großen Bäume, die den Hauptteil des Vorratsvolumens und damit des wirtschaftlichen Werts tragen, im Mittel mit robusteren kleinen Bäumen verrechnet werden.

Für die Interpretation von Prognosekarten heißt das, dass Aussagen über künftige Zuwachsentwicklung immer die Frage nach der Bestandesstruktur mitführen sollten. Zwei Bestände am selben Standort mit derselben Baumart können sich sehr unterschiedlich entwickeln, wenn der eine gleichaltrig und einschichtig und der andere ungleichaltrig und mehrschichtig aufgebaut ist. Diese Differenzierung fehlt in vielen großflächigen Prognosen bis heute.

Limitationen und offene Fragen

Die Untersuchung wurde in Primärwäldern durchgeführt, also in unbewirtschafteten oder sehr lange unbewirtschafteten Beständen. Das ist für die Fragestellung sinnvoll, weil die Struktur natürlich entstanden ist, schränkt aber die direkte Übertragbarkeit auf Wirtschaftswälder ein. In durchforsteten Beständen ist die Größenverteilung gesteuert, Konkurrenzverhältnisse sind anders, und die Reaktion der Schichten auf Klimastress kann davon beeinflusst sein. Eine Wiederholung des Ansatzes in bewirtschafteten Beständen wäre der logische nächste Schritt.

Geografisch liegt der Schwerpunkt auf Mittel- und Südosteuropa. Für Standorte in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind die Befunde durch den abgedeckten Standortsgradienten grundsätzlich anschlussfähig, eine regionsspezifische Kalibrierung fehlt jedoch. Außerdem beruht die Analyse auf Zuwachsdaten aus Jahrringen. Zuwachs ist ein guter, aber nicht der einzige Vitalitätsindikator; Kronenzustand, Feinwurzelentwicklung und Mortalitätsrisiko werden damit nur indirekt erfasst.

Offen bleibt schließlich, wo genau die Schwelle liegt, ab der der positive Struktureffekt kippt. Die Studie zeigt, dass er unter starkem Klimastress schwächer wird, benennt aber keinen praxistauglichen Grenzwert etwa in Form einer Wasserbilanz oder Trockenheitsdauer. Genau dieser Wert wäre für die Standortsbewertung im Betrieb besonders nützlich.


Studie: Demographic and Structural Variability Modulate Growth Dynamics in European Beech Primary Forests. Global change biology (2026). DOI: 10.1111/gcb.70902


Dieser Artikel wurde mit Hilfe von KI erstellt und dient der allgemeinen Information. Keine Rechts- oder Beratungsempfehlung.