
Einleitung: Warum diese Frage relevant ist
Europas Wälder stehen seit Jahren im Spannungsfeld zweier politischer Großziele: Klimaschutz durch Kohlenstoffspeicherung im Holz und gleichzeitig Schutz der biologischen Vielfalt. Beide Funktionen hängen zusammen, aber die Frage, ob Forstwirtschaft beide Ziele gleichzeitig erreichen kann, ist seit langem umstritten. Während einige Wissenschaftler davon ausgehen, dass hohe Holzvorräte automatisch viele Arten beherbergen, weisen andere Studien darauf hin, dass artenreiche Wälder oft niedrigere Vorräte aufweisen. Die Europäische Union hat in den letzten Jahren ihre Waldpolitik stärker auf Biodiversitätsschutz ausgerichtet, unter anderem durch die novellierte Waldstrategie 2030 und die Biodiversitätsstrategie. Vor diesem Hintergrund liefert eine neue, in Nature Communications veröffentlichte Studie die bislang umfangreichste empirische Grundlage zur Frage, wie sich Kohlenstoffvorräte und Artenreichtum in europäischen Wirtschaftswäldern tatsächlich zueinander verhalten.
Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung mehrerer europäischer Universitäten und Forschungsinstitute hat dafür einen Datensatz ausgewertet, der über 130.000 Waldstandorte in ganz Europa umfasst und Daten zu sechs taxonomischen Gruppen enthält – darunter Gefäßpflanzen, Moose, Flechten, verschiedene Käfergruppen und Pilze. Die Datenbasis stammt aus den nationalen Forstinventuren mehrerer Länder und wurde im Rahmen des europäischen Biodiversitätsmonitorings harmonisiert.
So wurde geforscht
Die Studie verfolgt drei zusammenhängende Fragen: Erstens, wie wichtig sind oberirdische Kohlenstoffvorräte für die Vorhersage der Artenzahlen? Zweitens, welche statistischen Beziehungen bestehen zwischen Artenreichtum und Kohlenstoffvorrat über die untersuchten Regionen und Taxa hinweg? Drittens, welche politischen Schlussfolgerungen ergeben sich aus diesen Befunden?
Methodisch kombinierten die Autorinnen und Autoren klassische Regressionsmodelle mit strukturellen Gleichungsmodellen, um direkte und indirekte Effekte auseinanderzuhalten. Wichtige Kovariaten waren Bestandesalter, Baumartenzusammensetzung, Standortproduktivität und Klima. Der Vorteil des Datensatzes liegt darin, dass er sowohl bewirtschaftete als auch unbewirtschaftete Wälder abdeckt – ein Umstand, der Rückschlüsse auf die Wirkung unterschiedlicher Bewirtschaftungsintensitäten erlaubt. Insgesamt flossen Daten aus 26 europäischen Ländern in die Analyse ein, wobei Deutschland, Frankreich und die Schweiz zu den datenstärksten Ländern gehören.
Die wichtigsten Ergebnisse
1. Kohlenstoff allein erklärt die Artenvielfalt nur unzureichend. In den meisten untersuchten Taxa zeigte sich kein einfacher, durchgängig positiver Zusammenhang zwischen oberirdischem Holzvorrat und Artenreichtum. Einige Artengruppen reagierten sogar negativ auf sehr hohe Holzvorräte, insbesondere spezialisierte Offenland- und Übergangsarten.
2. Bestandesstruktur schlägt Kohlenstoffmenge. Der entscheidende erklärende Faktor war nicht der Gesamtkohlenstoffvorrat, sondern die strukturelle Vielfalt im Bestand – also das Vorkommen von Lichtinseln, Totholz, alten Bäumen und Habitatbäumen. Diese Variablen erklärten den Artenreichtum deutlich besser als die reine Holzmenge pro Hektar.
3. Es gibt nur einen schmalen Korridor mit klaren Synergien. Kohlenstoff und Biodiversität lassen sich tatsächlich gemeinsam fördern, aber nur in einem begrenzten Bereich mittlerer Bewirtschaftungsintensität – dort, wo Holzvorrat und Strukturreichtum gleichzeitig vorhanden sind. Extremer Schutz (Urwald-artige Zustände) maximiert Biodiversität, aber nicht zwingend Kohlenstoffspeicherung pro Hektar; intensive Bewirtschaftung maximiert Holzvorrat, aber verdrängt viele Arten.
4. Der Datensatz deckt sechs Artgruppen ab, mit deutlichen Unterschieden: Flechten zeigten die stärkste Kopplung an Totholz und alte Bäume, während Gefäßpflanzen stärker auf Lichtverhältnisse reagierten. Käfer und Pilze waren intermediär. Diese Taxa-spezifischen Muster sind entscheidend, weil sie zeigen, dass eine einzige pauschale Bewirtschaftungsempfehlung biologisch nicht greifen würde.
5. Politische Win-Win-Versprechen halten empirisch selten stand. Die Autorinnen und Autoren formulieren es direkt: Die in vielen politischen Dokumenten postulierte automatische Synergie zwischen Kohlenstoff- und Biodiversitätszielen lässt sich empirisch nicht flächendeckend belegen. Die Daten legen nahe, dass Zielerreichung nur über gezielte Strukturmaßnahmen im Bestand möglich ist – nicht über eine Erhöhung des Holzvorrats allein.
Was das für die Praxis bedeutet
Für Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer in Deutschland bedeutet das Ergebnis konkret: Wer hohe biologische Vielfalt und stabile Kohlenstoffspeicherung gleichzeitig will, sollte weniger auf maximale Vorratsbildung setzen und mehr auf Struktur im Bestand. Konkret heißt das: stehendes und liegendes Totholz belassen, Habitatbäume und alte Eichen oder Buchen über die Hiebsreife hinaus erhalten, Femel- und Saumschlag statt flächiger Eingriffe, kleinflächige Lichtungen zur Förderung der Naturverjüngung. Diese Maßnahmen kosten kurzfristig oft Holz, stabilisieren aber den Bestand langfristig gegen Risiken wie Sturm, Dürre und Borkenkäfer – ein Aspekt, den die Studie nur am Rande streift, der aber durch andere Forschungsarbeiten gut belegt ist.
Für die Forstpolitik auf Landes- und Bundesebene ist die Aussage unbequem, aber klar: Programme, die ausschließlich auf Kohlenstoffzertifikate oder ausschließlich auf Biotopbäume setzen, erfassen jeweils nur eine Hälfte der Realität. Förderinstrumente, die explizit Strukturmaßnahmen honorieren – etwa die Honorierung von Biotopbäumen, Totholz und Waldrandgestaltung – kommen dem Forschungsstand näher als reine Flächenstilllegungen.
Was das für die Praxis bedeutet – Vertiefung
Auf Bestandesebene lässt sich aus der Datenlage eine konkrete Entscheidungshilfe ableiten: Alte Eichenbestände mit Totholzinseln sind gemessen am Zielwert Biodiversität × Kohlenstoff besonders günstig. Junge, geschlossene Fichtenbestände, in denen bereits ab einem Alter von 60 Jahren regelmäßig Totholz fehlt, schneiden schlecht ab, weil weder Strukturvielfalt noch spezifische Habitatelemente vorhanden sind. Wer das ändern will, sollte kleine Auflichtungen, das Belassen einzelner Biotopbäume oder die Etablierung von Waldrändern priorisieren, statt auf weitere Durchforstung zugunsten starker Einzelbäume zu setzen.
Ein zweiter operativer Punkt betrifft das Wildtiermanagement. Lichte Bestände mit hoher Naturverjüngung funktionieren nur, wenn der Verbiss durch Reh- und Rotwild nicht überhandnimmt. Ein angepasster Schalenwildbestand ist die Voraussetzung dafür, dass Strukturmaßnahmen überhaupt Wirkung entfalten. Studien aus den deutschen Nationalparken und Biosphärenreservaten zeigen, dass in vielen Regionen die Naturverjüngung erst nach Wildbestandsregulierung in Gang kommt. Diese indirekte Verbindung zwischen Biodiversität und Jagd wird in der vorliegenden Nature-Comms-Studie nicht thematisiert, sollte aber bei jeder Umsetzung mitgedacht werden.
Schließlich lohnt sich der Blick auf die Wertschöpfung: Holz, das in einem strukturreichen Wald stehen bleibt, ist zwar kurzfristig nicht in Euro und Cent messbar, leistet aber einen Beitrag zur Stabilisierung gegen Wetterextreme und damit zur Risikopufferung. Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer, die entsprechend handeln, zahlen in ein Sicherheits- und Resilienzkapital ein, das in zehn oder zwanzig Jahren eine wichtige Funktion übernimmt – insbesondere in Mittelgebirgslagen, wo Dürre- und Sturmereignisse zunehmen.
Limitations & offene Fragen
Trotz der beeindruckenden Datenbasis bleiben einige Punkte offen. Der Datensatz konzentriert sich auf Europa und damit auf temperate Wälder; tropische und boreale Befunde lassen sich daraus nicht direkt ableiten. Außerdem erfasst die Studie ausschließlich oberirdischen Kohlenstoff; Wurzeln, Boden und Totholz-Kohlenstoff sind nicht enthalten, was die Gesamtbilanz unvollständig lässt. Die Analyse beruht zudem auf Querschnittsdaten – kausale Effekte bestimmter Bewirtschaftungsformen ließen sich nur durch längerfristige experimentelle Designs zweifelsfrei klären, die selten und teuer sind.
Die Studie steht im Einklang mit einer Reihe kleinerer europäischer Vorarbeiten, etwa aus den Langzeituntersuchungen in den dauerbeobachteten Flächen des deutschen Forstmonitorings und den Schweizer Biodiversitäts-Monitoringplots. Die neue Stärke ist die länderübergreifende Harmonisierung und die Einbeziehung von sechs Artgruppen – eine Tiefe, die frühere Arbeiten nicht erreichten.
Quellenangabe: European forest carbon and biodiversity policies have a limited win-win potential. Nature Communications, 2026. DOI: 10.1038/s41467-026-68668-x.
Dieser Artikel wurde mit Hilfe von KI erstellt und dient der allgemeinen Information.