
Einleitung: Warum Kiefer und Eiche mehr gemeinsam haben als gedacht
In Mitteleuropa zählen Kiefer (Pinus sylvestris) und Eiche (Quercus robur, Q. petraea) zu den tragenden Baumarten der Forstwirtschaft. Beide gehören zu den Pionier- bzw. Lichtbaumarten, beide wurden in den letzten Jahren durch Sturm, Dürre und Borkenkäfer deutlich geschädigt. Was den meisten Waldbesitzern und Forstpraktikern weniger bewusst ist: Unter der Erde teilen sich Kiefern und Eichen einen Großteil ihrer Pilzpartner, und diese Gemeinsamkeit könnte der entscheidende Baustein sein, um klimastabile Mischwälder zu begründen. Eine neue Studie in der Fachzeitschrift Mycorrhiza zeigt nun, dass die Ektomykorrhiza-Gemeinschaften beider Baumarten stärer überlappen als bisher angenommen – und dass gerade diese Überlappung das Tor für eine erfolgreiche Wiederaufforstung mit beiden Baumarten öffnet.
So wurde geforscht
Das Autorenteam um Erstautorin Sara Martínez-García untersuchte 18 Mischwald-Standorte im Mittelmeerraum und in Südwesteuropa, an denen Kiefern und Eichen nach Waldbränden, Dürreperioden und historischer Übernutzung gemeinsam vorkommen. An jedem Standort wurden Bodenkerne in einer Tiefe von 0 bis 25 Zentimetern entnommen, jeweils direkt unter Kiefern, direkt unter Eichen sowie in gemischten Bereichen. Die Mykorrhiza-Proben wurden im Labor molekularbiologisch analysiert: Aus den Wurzelspitzen wurde die ribosomale ITS-Region (internal transcribed spacer) sequenziert, anhand derer jede Pilzart eindeutig bestimmt werden kann. Insgesamt werteten die Forschenden 2.314 Wurzelspitzen-Proben aus und identifizierten 247 verschiedene Ektomykorrhiza-Taxa. Ergänzend erfassten sie Boden-pH-Wert, Kohlenstoffgehalt, Stickstoffgehalt und die historische Landnutzung der Standorte, um den Einfluss dieser Standortfaktoren auf die Pilzgemeinschaft zu prüfen.
Die wichtigsten Ergebnisse
Erstens: Rund 38 Prozent aller identifizierten Pilztaxa traten sowohl unter Kiefern als auch unter Eichen auf – ein ungewöhnlich hoher Anteil. Bei reinen Kiefern- oder reinen Eichenbeständen liegt der Anteil gemeinsamer Partner erfahrungsgemäß nur bei 15 bis 20 Prozent. Die Forschenden führen das auf den gemeinsamen Standort zurück: Wo beide Baumarten jahrzehntelang nebeneinander wachsen, durchmischen sich die unterirdischen Hyphennetze und hinterlassen in jedem Wurzelbereich ein einheitlicheres Pilzinventar.
Zweitens: Drei Pilzgattungen stachen besonders hervor – Russula, Boletus und Amanita. Sie kamen in über 60 Prozent aller Proben vor, unabhängig von der Baumart. Für die Wiederaufforstungspraxis bedeutet das, dass diese drei Gattungen als verlässliche „Allrounder“ gelten können, wenn man auf Mischbestände setzt. Sie versorgen sowohl Kiefern als auch Eichen mit Stickstoff, Wasser und Phosphor.
Drittens: Auf Standorten mit niedrigem pH-Wert (unter 5,0) verschob sich das Artenspektrum zugunsten säureliebender Pilze wie Suillus und Lactarius, während auf basischeren Böden vermehrt Boletus– und Russula-Arten auftraten. Dieser Zusammenhang zwischen Bodenchemie und Pilzgemeinschaft ist nicht neu, gewinnt aber durch die Studie an Präzision: Wer den pH-Wert des Pflanzfelds kennt, kann die zu erwartende Mykorrhiza-Partnerschaft besser einschätzen.
Viertens: An Standorten, an denen in den letzten 30 Jahren ein Waldbrand gewütet hatte, war die Pilzvielfalt um durchschnittlich 42 Prozent reduziert. Die Erholung der Gemeinschaft dauerte dort im Mittel 18 Jahre, wobei stickstoffbindende Pilze wie Cenococcum geophilum als erste zurückkehrten – noch vor den typischen Symbiosepartnern. Für die Praxis heißt das: Nach einem Brand sollte die Pflanzung von Kiefer und Eiche nicht sofort, sondern erst nach einer zweijährigen Ruhephase erfolgen, in der sich die ersten Pionier-Pilze etablieren.
Fünftens: Die historische Landnutzung hatte einen deutlich geringeren Einfluss auf die Pilzgemeinschaft als erwartet. Selbst auf ehemals landwirtschaftlich genutzten Flächen, die vor 40 bis 60 Jahren aufgeforstet worden waren, fanden die Forschenden artenreiche Gemeinschaften – vorausgesetzt, es gab in der Nähe Altbestände, von denen aus Sporen einwandern konnten. Diese Erkenntnis stützt das Konzept der „Pilzbrücken“: Einzelne Altbäume oder Waldränder in Pflanzfeldern wirken als Quelle für die Mykorrhiza-Wiederbesiedlung.
Was das für die Praxis bedeutet
Die Ergebnisse liefern Forstbetrieben und Waldbesitzern drei direkt umsetzbare Hinweise. Erstens: Bei der Pflanzung von Mischwäldern aus Kiefer und Eiche kann man auf einen gemeinsamen „Pilzpool“ im Boden vertrauen – eine separate Mykorrhiza-Impfung ist in den meisten Fällen nicht erforderlich, sofern Altbestände in der Nähe vorhanden sind. Zweitens: Bei Pflanzungen auf sauren Böden sollte man säureliebende Baumarten-assoziierte Pilzarten wie Suillus und Lactarius bewusst fördern, etwa durch Belassen von Totholz oder durch das Ausbringen von Mykorrhiza-Sporen aus nahegelegenen Beständen. Drittens: Nach Waldbränden ist Geduld gefragt – die Mykorrhiza-Gemeinschaft regeneriert sich erst nach etwa zwei Jahrzehnten vollständig.
Auch für die Pflanzgut-Auswahl ergeben sich Konsequenzen. Da Kiefern und Eichen in Mischkultur offenbar viele Pilzpartner teilen, kann die Pflege der „fremden“ Baumart im Mischbestand langfristig die eigene Versorgung verbessern. Diese Synergie ist ein wichtiges Argument gegen die immer wieder aufkommende Tendenz, in Nadelholz- oder Laubholz-Reinbeständen zu denken.
Vertiefung: Pilzgemeinschaften als Indikator für Waldgesundheit
Über die unmittelbare Wiederaufforstungspraxis hinaus liefert die Studie einen methodischen Ansatz, der in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen wird. Die Analyse ribosomaler Marker aus Wurzelspitzen ist heute mit rund 15 bis 25 Euro pro Probe vergleichsweise preiswert. Forstliche Versuchsanstalten und größere Forstbetriebe könnten diese Methode routinemäßig einsetzen, um den Zustand der unterirdischen Lebensgemeinschaft zu überwachen – ähnlich wie Bodenproben für die Nährstoffanalyse. Erste Pilotprojekte in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz laufen bereits.
Zugleich wirft die Studie eine weitergehende Frage auf: Wie wirken sich neue Klimabedingungen auf die Mykorrhiza-Gemeinschaft aus? Wenn sich die Niederschlagsverteilung in den nächsten Jahrzehnten weiter verschiebt, werden sich auch die Standortbedingungen für Pilze ändern. Erste Hinweise aus Trockenjahren 2018, 2019 und 2022 deuten darauf hin, dass hitzeempfindliche Pilzarten wie bestimmte Russula-Taxa in trockenen Sommern deutlich zurückgehen. Langzeitstudien sind nötig, um diese Dynamik zu quantifizieren.
Limitations und offene Fragen
Die Studie wurde im Mittelmeerraum und in Südwesteuropa durchgeführt. Ob ihre Ergebnisse vollständig auf mitteleuropäische Verhältnisse übertragbar sind, ist nicht abschließend geklärt. Zwar sind die Kiefer-Eiche-Mischwälder in Mitteleuropa strukturell ähnlich, die Pilzgemeinschaften könnten aber regionale Besonderheiten aufweisen. Eine direkte Vergleichsstudie für deutsche, österreichische oder schweizer Standorte wäre der nächste logische Schritt. Auch die Altersdynamik – wie verändert sich die Pilzgemeinschaft über die ersten 50 Jahre eines Mischbestands? – ist bislang nicht hinreichend untersucht. Die vorliegenden Daten erlauben zwar Aussagen zur aktuellen Artenzusammensetzung, nicht aber zu deren zeitlicher Entwicklung. Schließlich bleibt offen, inwieweit die Ergebnisse auf andere Baumarten wie Buche oder Fichte übertragbar sind, die in Mitteleuropa eine ebenso große wirtschaftliche Bedeutung haben. Darüber hinaus erfassten die Forschenden ausschließlich die obersten 25 Zentimeter des Bodens – tiefere Wurzelhorizonte, die für die Wasserversorgung älterer Bäume relevant sind, blieben unberücksichtigt. Künftige Studien, die Bodenprofile bis in 80 oder 100 Zentimeter Tiefe einbeziehen, könnten das Bild der gemeinsamen Pilzgemeinschaften weiter vervollständigen und insbesondere für die Frage relevant werden, wie sich Trockenstress auf die tieferen Mykorrhiza-Netzwerke auswirkt.
Quelle: 10.1007/s00572-026-01299-8
Dieser Artikel wurde mit Hilfe von KI erstellt und dient der allgemeinen Information. Keine Rechts- oder Beratungsempfehlung.