
Diese neue Veröffentlichung aus FEMS microbiology ecology (2026 Oct 16), Wahlman, Velmala, Sutela et al. liefert einen praxisrelevanten Beitrag für die mitteleuropäische Forstwissenschaft. Im Folgenden fassen wir die wichtigsten Ergebnisse zusammen und ordnen sie in den waldbaulichen Kontext ein.
Wer prägt das Pilzleben junger Kiefern? Regionale Herkunft, Bestandesstruktur und das Erbe des Birkenanteils
Wenn junge Kiefern in den ersten Jahren ihres Lebens langsam an Höhe gewinnen, siedeln sich auf ihren Nadeln Pilzgemeinschaften an, die für ihre spätere Gesundheit entscheidend sind. Diese Gemeinschaften — Fachleute sprechen von foliaren Mykobiomen — beeinflussen, wie gut ein Baum mit Stress umgehen kann, wie anfällig er für Schädlinge ist und wie er sich im Bestand behauptet. Eine aktuelle Studie aus FEMS Microbiology Ecology hat nun untersucht, welche Faktoren diese Pilzgemeinschaften bei Kiefern-Jungwuchs in südbölenischen Wäldern tatsächlich formen. Die Ergebnisse sind auch für deutsche Forstpraktikerinnen und Forstpraktiker lesenswert, denn sie zeigen, dass regionale Herkunft und lokale Bestandesstruktur eng zusammenwirken und das junge Pilzleben ebenso prägen wie der Waldbau selbst.
Das Forschungsteam um Wahlman, Velmala und Sutela hat dazu Nadelproben von rund 130 Kiefern-Sämlingen in 23 Waldbeständen gesammelt. Alle Pflanzen zeigten keine Krankheitsanzeichen, sodass die Pilzgemeinschaften ohne Verfälschung durch Pathogene erfasst werden konnten. Mittels Illumina ITS2-Amplikon-Sequenzierung wurden die Pilzgemeinschaften auf Artniveau charakterisiert und in operative taxonomische Einheiten gegliedert. Anschließend untersuchten die Forschenden mit linearen gemischten Modellen und multivariaten Verfahren, wie sich regionale Zugehörigkeit, Herkunft der Sämlinge, Stickstoffstatus der Nadeln und Bestandesstruktur auf die Pilzvielfalt auswirken. Die Studie liefert damit ein recht genaues Bild davon, welche Hebel der waldbaulichen Praxis überhaupt Wirkung entfalten.
Regionale Herkunft als größter Treiber
Die deutlichste Einflussgröße war die geografische Region. Zwischen den verschiedenen Teilen Südfinnlands unterschieden sich die Pilzgemeinschaften so stark, dass diese Variable allein bereits einen großen Teil der Unterschiede erklärte. Wichtiger als einzelne Bestandeseigenschaften war also offenbar das, was die Forscherinnen als regionale Grundeigenschaften bezeichnen — Klima, Bodengeschichte, umgebende Landschaftsstruktur und der allgemeine Genpool der lokalen Pilzflora. Für mitteleuropäische Wälder bedeutet das: Kiefern-Jungwuchs in Norddeutschland trägt andere Pilzgemeinschaften als Kiefern-Jungwuchs in Ostdeutschland oder im Alpenvorland, und diese regionalen Unterschiede lassen sich durch einzelne waldbauliche Eingriffe nicht überschreiben. Wer junge Kiefern verpflanzt, trägt immer auch deren Pilzgemeinschaft mit sich.
Bestandesstruktur als feiner Hebel
Innerhalb einer Region zeigten sich zusätzliche Muster. Die Pilzvielfalt war tendenziell geringer in gepflanzten Beständen als in natürlich verjüngten, und sie sank mit zunehmendem Anteil von Birke und Fichte in der Umgebung. Umgekehrt stieg die Vielfalt mit einem höheren C:N-Verhältnis der Nadeln — ein Hinweis darauf, dass mäßig nährstoffarme Standorte vielfältigere Pilzgemeinschaften begünstigen als sehr stickstoffreiche.
Für die waldbauliche Praxis sind das relevante Hinweise. Erstens: Natürliche Verjüngung schafft vielfältigere Pilzgemeinschaften als Pflanzung. Das spricht — wo Naturverjüngung waldbaulich machbar ist — für Verfahren, die auf das Ankommen und Aufwachsenlassen junger Bäume aus dem vorhandenen Samenpotenzial setzen. Zweitens: Ein hoher Anteil an Birke und Fichte in der direkten Umgebung der Jungpflanzen verringert die Vielfalt. Das ist kein Argument gegen Mischwald an sich, aber es unterstreicht, dass das Ausmaß der Mischung lokal differenziert betrachtet werden muss. Wo junge Kiefern etabliert werden sollen, kann ein zu hoher Anteil an Pioniergehölzen wie Birke das junge Pilzleben verarmen lassen.
Vielfalt im Süden höher als im Nordwesten
Die Alpha-Diversität — also die reine Anzahl unterschiedlicher Pilztypen pro Probe — war im Südosten Finnlands signifikant größer als im Südwesten. Die Forschenden führen das auf Unterschiede in Klima, Niederschlag und Böden zurück. Für den mitteleuropäischen Kontext bedeutet das: Wo immer regionale Klima- und Standortfaktoren günstig zusammenwirken, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sich vielfältige Pilzgemeinschaften etablieren. Wo diese Faktoren ungünstig sind, brauchen junge Kiefergaben länger, bis sich ein stabiles foliares Mykobiom aufbaut.
Die Forschenden betonen zudem, dass die Vielfalt nicht nur ein Wert an sich ist. Eine vielfältige Pilzgemeinschaft gilt als resilienter gegenüber Störungen. Bestände mit hoher Pilzvielfalt können einem Pathogen-Druck besser ausweichen, weil die ökologischen Nischen dichter besetzt sind. Genau diese Resilienz wird in Zeiten des Klimawandels wichtiger, in denen sich die Wirtsbäume parallel zu einer verändernden Pathogenese der Erreger weiterentwickeln müssen.
Praxisrelevanz über die Studie hinaus
Wer die Ergebnisse in mitteleuropäische Wälder überträgt, sollte drei Punkte mitnehmen. Erstens: Pflanzgut, das über viele hundert Kilometer verfrachtet wird, bringt nicht nur genetische Unterschiede mit, sondern auch eine andere mikrobielle Grundausstattung. Wo immer möglich, sollte Pflanzgut aus der gleichen Herkunftsregion oder zumindest aus vergleichbaren Standorten stammen. Die klassische Empfehlung der forstlichen Herkunftsempfehlung gewinnt durch die Mikrobiom-Perspektive zusätzlich an Gewicht.
Zweitens: Bestände, in denen Birke und Fichte in hohen Anteilen vorkommen, verändern die mikrobielle Umgebung junger Kiefern nachweislich. Das ist kein Argument gegen den Mischwald, aber es ist ein Argument für eine bewusste Mischungsplanung, die nicht nur die Konkurrenz um Licht und Wasser im Blick hat, sondern auch die Konkurrenz um mikrobielle Partner. In der Praxis bedeutet das, beim Anbau von Kiefer auf eine ausgewogene Mischung zu achten, in der die Begleitbaumarten nicht zu stark dominieren.
Drittens: Stickstoffeinträge aus der Luft oder aus Düngung können die Pilzvielfalt längerfristig senken. Wer in einem Kiefernbestand aktiv stickstoffdüngt, sollte sich bewusst sein, dass dies auch die unterirdische und foliare Biodiversität betrifft — nicht nur das oberirdische Wachstum. Diese Erkenntnis reiht sich in einen breiteren Forschungsstrang ein, der Stickstoffeinträge als einen wesentlichen Treiber des Biodiversitätsverlusts in Wäldern identifiziert.
Was bleibt offen?
Wie jede gute Feldstudie wirft auch diese Arbeit neue Fragen auf. Die Daten stammen aus einer einzelnen Vegetationsperiode und aus einem begrenzten geografischen Korridor. Ob die Ergebnisse auf andere Regionen, andere Wirtsbaumarten oder ältere Bestände übertragbar sind, bleibt offen. Auch die Frage, wie stabil die beobachteten Pilzgemeinschaften über mehrere Jahre sind, lässt sich aus einer einmaligen Stichprobe nicht beantworten. Schließlich fehlt der direkte Brückenschlag zur Praxis: Die Studie misst Pilzvielfalt, nicht aber Pilzfunktion. Welche Pilze tatsächlich Schutz vor Pathogen bieten und welche neutral oder potenziell schädlich sind, geht aus der Arbeit nicht hervor. Auch ein direkter Vergleich zwischen verschiedenen Altersklassen fehlt, sodass unklar bleibt, wie sich das junge Mykobiom beim Übergang in die Dickungs- oder Stangenholzphase verändert.
Eine weitere Einschränkung liegt in der Methodik. ITS2-Amplikon-Sequenzierung erfasst nur einen Ausschnitt des gesamten Pilzgenoms und neigt dazu, bestimmte Pilzgruppen über- oder unterrepräsentiert darzustellen. Die Ergebnisse sind daher als relatives Muster zu lesen — sie zeigen, wie sich Vielfalt zwischen Beständen unterscheidet, nicht aber, wie viele Pilzarten tatsächlich vorhanden sind.
Fazit
Für die waldbauliche Praxis liefert die Untersuchung trotz dieser Einschränkungen drei konkrete Hinweise: Erstens, regionale Herkunft prägt das Pilzleben stärker als alles, was waldbaulich beeinflusst werden kann — wer junge Kiefern verpflanzt, sollte deren Pilzgemeinschaft bewusst als Teil des Sortiments verstehen. Zweitens, natürliche Verjüngung und ein maßvoller Birkenanteil in der Umgebung fördern die Pilzvielfalt in jungen Kiefernbeständen. Drittens, stickstoffarme Standorte sind für das foliare Mykobiom offenbar günstiger als sehr stickstoffreiche — Stickstoffeinträge aus Luft oder Düngung könnten die Vielfalt längerfristig verringern.
Wer also Jungbestände begründet, sollte nicht nur an Trieblänge und Wurzelentwicklung denken, sondern auch an die unsichtbaren Mitbewohner in den Nadeln. Sie entscheiden mit darüber, wie widerstandsfähig der Bestand in den kommenden Jahrzehnten sein wird.
Quellenangabe
Wahlman, Velmala, Sutela et al. (2026): Regional species turnover and local host and forest stand characteristics jointly structure early foliar mycobiomes of Scots pine seedlings. FEMS Microbiology Ecology, 16. Oktober 2026. DOI: 10.1093/femsec/fiag114.