
Einleitung: Warum diese Frage relevant ist
Wenn der Fichtenblasenwickler (Spruce Budworm, SBW) in den borealen Wäldern Ostkanadas großflächig zuschlägt, stehen Forstbehörden vor einer Zerreißprobe: Soll das tote Holz im Bestand verbleiben und langsam zersetzen, oder soll es aktiv geborgen und vermarktet werden? Letzteres – die so genannte Salvage-Ernte – wird international als klimafreundliche Strategie beworben, weil sie Biomasse aus dem Wald in Produkte oder Energieträger lenkt und so Emissionen vermeidet. Doch die Datenlage war bisher dünn: Niemand konnte verlässlich sagen, wie sich unterschiedliche Verwertungspfade (Bioenergie, kurz- oder langlebiges Schnittholz) über ein Jahrhundert auf die Kohlenstoffbilanz des gesamten Forstsektors auswirken.
Eine 2026 veröffentlichte Studie im Fachjournal Landscape Ecology hat diese Lücke geschlossen. Forschende aus Québec haben mit dem komplexen Waldmodell LANDIS-II die Côte-Nord-Region über den Zeitraum 2010 bis 2110 simuliert und verschiedene Szenarien für die Intensität der Käferholz-Bergung sowie für die anschließende Holzverwendung durchgerechnet. Das Ergebnis stellt die populäre Annahme, dass jede Form der Bergung klimafreundlich sei, deutlich infrage.
So wurde geforscht
Die Studie kombinierte drei Module des LANDIS-II-Modells – den Standard-Sukzessionskern, die Kohlenstoff-Erweiterung sowie spezialisierte Module für Wind, Feuer und SBW-Störungen – und koppelte sie mit aktuellen Klimapfaden (RCP 4.5 bis RCP 8.5) bis zum Ende des Jahrhunderts. Untersucht wurde die Region Côte-Nord im Osten Québecs, die stark vom Fichtenblasenwickler betroffen ist und zugleich eine wichtige Holzindustrie beheimatet.
Als Referenz diente ein Szenario ohne zusätzliche Bergung (S0). Drei weitere Szenarien (S1–S3) erhöhten die Bergung von totem Stammholz in unterschiedlicher Intensität. Das geborgene Holz wurde in drei Verwertungspfade gelenkt: Bioenergie (Pellets, sofortige Verbrennung), kurzlebiges Schnittholz mit 35 Jahren Halbwertszeit (typische Bau- und Verpackungshölzer) und langlebiges Schnittholz mit 60 Jahren Halbwertszeit (Bauholz, Möbel, konstruktive Elemente). Die zentrale Messgröße war die Net Sector Production (NSP) – die Summe aus Netto-Kohlenstoffbindung im Ökosystem plus Speicherung in Holzprodukten, abzüglich operativer Emissionen aus Ernte, Transport, Einschnitt und Pelletierung.
Die wichtigsten Ergebnisse
Die Bergung selbst hatte nur minimale direkte Auswirkungen auf den Kohlenstoffvorrat im Ökosystem. Durch die Entnahme von totem Holz reduzierte sich allerdings die heterotrophe Atmung – also die CO2-Freisetzung durch zersetzende Pilze und Bakterien – messbar. Damit war der ökologische Hebel der Bergung kleiner als oft angenommen.
Entscheidend war die Verwertungsroute: Wird das Käferholz zu Bioenergie verbrannt, werden die im Holz gebundenen Kohlenstoffe sofort wieder freigesetzt, und die Kohlenstoffbilanz fällt im Vergleich zur Nicht-Bergung negativ aus – es wird also netto mehr CO2 ausgestoßen. Auch kurzlebiges Schnittholz (35 Jahre Halbwertszeit) speichert zwar Kohlenstoff, akkumuliert aber im Laufe der Jahrzehnte Zersetzungs-Emissionen aus Deponierung und Verfall. Erst langlebiges Schnittholz mit 60 Jahren Halbwertszeit kann die Gesamtemissionen so weit senken, dass sich die Kohlenstoffbilanz dem Neutralpunkt nähert – und das auch nur unter wärmeren Klimabedingungen (RCP 4.5 bis RCP 8.5), in denen die natürliche Zersetzung im Wald schneller verläuft.
Operative Emissionen aus Ernte, Vorlieferung, Transport und Verarbeitung blieben demgegenüber klein: Sie machten nur einen Bruchteil der Ökosystem- und Produkt-Kohlenstoffflüsse aus und spielten für die Gesamtbewertung keine entscheidende Rolle. Ein weiteres zentrales Ergebnis: Eine klimapositive Wirkung der Bergung lässt sich innerhalb des Modellsystems nur erreichen, wenn die Substitutionseffekte – also die Vermeidung fossiler Brennstoffe oder die längerfristige CO2-Speicherung in langlebigen Holzprodukten gegenüber konkurrierenden Materialien wie Beton oder Stahl – mit eingerechnet werden. Ohne diesen Substitutionseffekt bleibt jede Verwertungsform innerhalb der Forstsektor-Grenzen netto-neutral oder sogar negativ.
Was das für die Praxis bedeutet
Für Forstbetriebe und politische Entscheidungsträger ist die Botschaft der Studie eindeutig: Nicht jedes Stammholz aus dem Käferholz-Aufarbeitungsprogramm sollte automatisch in die Pellet-Produktion fließen. Langlebige Holzverwendungen – konstruktives Bauholz, Massivholzplatten, langlebige Möbel und Außenanwendungen – bieten den größten Klimanutzen. Energieholz aus Käferholz schneidet bilanziell am schlechtesten ab und ist innerhalb des Forstsektors klimaschädlicher als die natürliche Zersetzung im Wald.
Für deutsche und europäische Waldbesitzer bedeutet das: Bei der Vermarktung von Sturm- und Käferholz sollte die Verwendungspriorität klar auf langlebigen Holzprodukten liegen. Die Diskussion um die Bioenergie-Förderung – Stichwort „Wood-Pellets-Boom“ – wird durch diese Studie empirisch untermauert: Eine reine Substitution fossiler Brennstoffe durch Waldholz-Pellets ist klimapolitisch nur dann ein Gewinn, wenn auch die Substitution gegenüber den verdrängten fossilen Energieträgern voll mitgerechnet wird. Innerhalb der Forstsektor-Grenzen (also ohne Substitutionseffekte) ist die Bioenergie-Linie klimaneutral bis klimaschädlich.
Praktische Konsequenz für mitteleuropäische Wälder mit zunehmendem Borkenkäfer-Befall: Investitionen in regionale Sägewerke mit langlebigen Holzprodukten, Aufbau von Holzbaukapazitäten und die Förderung der Kaskadennutzung (zuerst Holzprodukt, dann stoffliche Verwertung, erst am Ende energetische Verwertung) zahlen sich klimapolitisch stärker aus als die direkte energetische Verwertung von Schadholz.
Was das für die Praxis bedeutet — Vertiefung
Die Studie liefert außerdem Hinweise auf die Bedeutung des Klimawandels selbst: Unter kühleren Klimabedingungen (RCP 2.6) dauert die natürliche Zersetzung von totem Holz sehr lange, sodass eine zusätzliche Bergung nur geringe klimatische Vorteile bringt. Unter wärmeren Szenarien (RCP 4.5, RCP 8.5) beschleunigt sich der Abbau, und damit wird die Bergung mit langlebiger Holzverwendung relativ attraktiver. Das bedeutet: Mit fortschreitendem Klimawandel gewinnt die Frage, was mit Schadholz passiert, an Dringlichkeit – und die Differenz zwischen den Verwertungspfaden wird größer.
Für die Praxis folgt daraus, dass Förderprogramme für Holzverwendung stärker differenziert werden sollten. Die pauschale Förderung von Holzenergie, wie sie derzeit in vielen europäischen Klimaschutzprogrammen existiert, sollte hinterfragt werden, wenn das Holz aus klimasensitiven Schadholzaufkommen stammt. Stattdessen sollten Investitionen in regionale Sägewerke, Holzbau-Initiativen und die stoffliche Kaskadennutzung gezielt gefördert werden, um den klimapolitischen Hebel zu maximieren.
Limitations & offene Fragen
Die Studie hat drei wesentliche Einschränkungen. Erstens betrachtet sie nur die Forstsektor-Grenze – also Ökosystem plus Holzprodukte minus operative Emissionen. Sie liefert keine Aussage zu den häufig diskutierten Substitutionseffekten (z.B. Vermeidung von Zement oder Stahl), die das Ergebnis deutlich zugunsten der Holzverwendung verschieben könnten. Zweitens wurde die Simulation nur für eine Region in Ostkanada durchgeführt; die Übertragbarkeit auf mitteleuropäische Wälder mit Fichten- und Buchenbeständen sowie auf die deutlich kleineren Betriebsstrukturen ist nicht direkt gegeben. Drittens wurden wirtschaftliche Aspekte wie Holzpreise, Transportdistanzen oder die Verfügbarkeit von Verarbeitungskapazitäten nicht modelliert.
Die Ergebnisse passen zu einer wachsenden Zahl von Studien, die zeigen, dass die Klimawirkung der Holznutzung stark von der Verwertungsroute abhängt. Eine ähnliche Studie aus dem Jahr 2024 im Global Change Biology kam für skandinavische Wälder zu vergleichbaren Schlussfolgerungen, betonte aber stärker die Rolle der Substitutionsfaktoren. Die vorliegende Studie hebt sich durch die Kombination von LANDIS-II-Sukzession mit Klimapfaden und einer expliziten Modellierung der HWP-Halbwertszeiten hervor – ein methodisch solider Beitrag zur Versachlichung der Holz-versus-Bioenergie-Debatte.
Dieser Artikel wurde mit Hilfe von KI erstellt und dient der allgemeinen Information. Keine Rechts- oder Beratungsempfehlung.