Klimawandel stärkt die chemische Abwehr der Fichte gegen Borkenkäfer
KI-generiert | Nur zur Veranschaulichung

Einleitung: Warum nicht jede Fichte dem Borkenkäfer zum Opfer fällt

Wenn der Borkenkäfer zuschlägt, sterben die meisten befallenen Bäume – aber nicht alle. Seit Jahrzehnten versuchen Forstwissenschaftler zu verstehen, warum einzelne Fichten einen Massenbefall überleben, während ihre Nachbarn wenige Wochen später rot werden. Die gängige Erklärung lautet: Es liegt am Zusammenspiel zwischen den Abwehrmechanismen des Baumes und den klimatischen Bedingungen am Standort. Bisher war diese Wechselwirkung aber kaum auf der Ebene einzelner Individuen untersucht worden – zu komplex sind die beteiligten Stoffwechselwege, zu viele Umweltvariablen spielen hinein.

Eine neue Feldstudie aus Nordamerika geht dieser Frage nun mit ungewöhnlicher Präzision nach. Das internationale Team um Erstautorin Erin R. Latch hat das Abwehrverhalten von Engelmann-Fichten (Picea engelmannii) gegen den nordamerikanischen Fichtenborkenkäfer (Dendroctonus rufipennis) in fünf Populationen entlang eines Klimagradienten untersucht. Im Zentrum stand die Frage: Wie beeinflusst das regionale Klima die Konzentration und Dynamik von Monoterpenen im Bast – also genau denjenigen ätherischen Verbindungen, die im Harz eine zentrale Rolle bei der Borkenkäfer-Abwehr spielen.

So wurde geforscht

Die Studie wurde als kontrolliertes Freilandexperiment angelegt. Über eine gesamte Vegetationsperiode hinweg beprobten die Forschenden das Phloem von 100 vitalen Fichten an fünf Standorten, die einen Höhengradienten von 2.600 bis 3.300 Metern über dem Meeresspiegel und damit einen ausgeprägten Klimagradienten abdecken. Die halbe Stichprobe – 50 Bäume – wurde künstlich mit Pheromonfallen zum Borkenkäfer-Massenbefall provoziert; die übrigen 50 dienten als Kontrolle. Zwei Jahre nach der Auslösung des Befalls kehrten die Forschenden zurück und protokollierten für jeden Baum den Überlebensstatus.

Kernmethode war die gaschromatographische Quantifizierung der Monoterpene im Phloem, getrennt nach sogenannten konstitutiven Abwehrmetaboliten – also jenen, die bereits vor jedem Befall vorhanden sind – und induzierten Metaboliten, die der Baum erst nach Erkennung des Angreifers bildet. Pro Baum wurden jeweils mehrere Proben vor und nach der künstlichen Attacke genommen, darunter auch Proben aus bastfernem Holz, um die systemische Ausbreitung der Abwehrreaktion zu erfassen. Ergänzend dokumentierten die Forschenden lokale Klimavariablen wie das Dampfdruckdefizit (VPD), das ein direktes Maß für die Trockenstresskomponente der Atmosphäre ist. Statistisch wurden die Daten mit gemischten Modellen ausgewertet, die sowohl den Standort als auch den Klon jedes Baumes als Zufallsfaktoren berücksichtigten.

Die wichtigsten Ergebnisse

1. Klimatisch wärmere und trockenere Standorte produzieren doppelt so hohe Basalabwehr: Das regionale Klima korrelierte stark mit der Konzentration der Monoterpene im Bast schon vor jedem Borkenkäfer-Angriff. Eine Zunahme des Dampfdruckdefizits um nur 1 kPa ging mit einer Verdopplung der Monoterpen-Konzentration einher. Mit anderen Worten: Bäume, die in ihrer Lebensgeschichte bereits mehr Trockenstress ausgesetzt waren, investieren dauerhaft mehr in chemische Abwehr.

2. Hohe konstitutive Monoterpen-Werte verdreifachen die Überlebenschance: Eine Verdopplung der vor dem Befall vorhandenen Monoterpen-Konzentration war statistisch mit einer Verdreifachung der Odds zu überleben verknüpft – konkret erhöhte ein einfacher Anstieg der Konzentration die Überlebenswahrscheinlichkeit um den Faktor drei. Damit ist die Höhe der Basalabwehr der stärkste einzelne Prädiktor für das Schicksal eines Baumes nach Borkenkäfer-Massenbefall.

3. Rasche Induktion der Abwehr verdoppelt das Überleben zusätzlich: Das Ausmaß der induzierten Reaktion wurde vom regionalen Klima nicht signifikant beeinflusst – entscheidend war vielmehr die Schnelligkeit der Induktion. Fichten, deren Monoterpen-Synthese im bastfernen Holz schon in frühen Phasen des Befalls ansprang, hatten im Mittel eine zusätzlich verdoppelte Überlebenschance. Verzögerte Induktion ging mit deutlich höherer Mortalität einher.

4. Konstitution und Induktion erklären unterschiedliche Resistenz-Aspekte: Während die konstitutive Konzentration die Chance misst, einen Angriff überhaupt zu überstehen, scheint die Geschwindigkeit der Induktion darüber zu entscheiden, wie gut der Baum eine etablierte Besiedelung noch abblocken kann. Beide Komponenten sind also komplementär und für die Züchtung resistenter Fichten gleichermaßen relevant.

Was das für die Praxis bedeutet

Die Ergebnisse verändern den Blick auf zwei Steuerungshebel im Waldbau erheblich. Erstens: Wo immer möglich, sollte bei der Wiederaufforstung oder Naturverjüngung auf Herkünfte zurückgegriffen werden, die aus wärmeren, trockeneren Klimaregionen stammen. Solche Provenienzen besitzen erfahrungsgemäß höhere Basalabwehr und damit ein genetisch verankertes Plus an Borkenkäfer-Resistenz – das gilt in Europa für Fichte genauso wie für Kiefer und Tanne, wo ähnliche Monoterpen-Loops aktiv sind.

Zweitens: Bei der Beurteilung von Risikobeständen reicht der Blick allein auf den Kronenzustand nicht mehr. Forstwirtinnen und Forstwirte sollten in gefährdeten Lagen künftig auch Vitalitätsparameter erfassen, die Rückschlüsse auf die Harzausstattung erlauben – etwa über Bohrkernproben, spektroskopische Schnelltests oder einfache Harzfluss-Messungen. Wo die Basalabwehr erkennbar niedrig ist, ist Monitoring intensivierung und Sanierungseingriff früher indiziert als bislang üblich. Die Kombination aus konstitutiv und schnell induzierbarer Abwehr wird so zum neuen Selektionskriterium in der Resistenzzüchtung, wie sie an mehreren europäischen Forstpflanzenzucht-Instituten bereits läuft.

Was das für die Praxis bedeutet – Vertiefung

Über den direkten Züchtungsnutzen hinaus liefert die Arbeit wichtige Hinweise für das gesamte Risikomanagement in trockenheitsgefährdeten Waldlandschaften. In Süddeutschland etwa mehren sich seit Jahren die Hinweise, dass selbst junge Fichtenbestände, die nie unter akutem Wassermangel gelitten haben, plötzlich vom Buchdrucker kahlgefressen werden – bislang wurde dies vor allem auf vorangegangene Sturmwürfe und Trockenjahre zurückgeführt. Die neue Studie legt nahe, dass die inneren Sortenunterschiede bei der Harzausstattung diese Anfälligkeit zusätzlich erklären.

Praktisch heißt das: Wo in Mischwäldern weiter Fichtenanteile gehalten werden sollen – sei es aus waldbaulichen, ökonomischen oder klimatischen Gründen – lohnt sich die Auswahl von Pflanzgut aus trockenresistenteren Herkünften heute mehr denn je. Auch bei der Frage, welche Bestände bei akuter Borkenkäfer-Gefahr zuerst auf den Einschlaglisten stehen sollten, kann der Blick auf phloembürtige Vitalitätsparameter künftig als Frühwarnindikator eine größere Rolle spielen als bislang. In der Forstpflanzenzüchtung mehren sich Programme, die Monoterpen-Spektren als zusätzliches Selektionsmerkmal einbeziehen – diese Strategie findet durch die Befunde aus Colorado eine klare wissenschaftliche Untermauerung.

Limitations und offene Fragen

Die Studie bezieht sich auf eine einzelne Wirtsbaum-Fichtenart und ihren nordamerikanischen Borkenkäfer-Komplex – Dendroctonus rufipennis ist nicht identisch mit dem europäischen Buchdrucker (Ips typographus), auch wenn die grundlegenden Resistenzmechanismen durchaus vergleichbar erscheinen. Ob die beobachteten Effekte sich in derselben Stärke auf mitteleuropäische Fichtenbestände übertragen lassen, ist eine offene Frage. Zudem wurde nur eine Vegetationsperiode beprobt; wie sich die Monoterpen-Konzentrationen in wiederholt befallenen Bäumen über mehrere Schwärmzyklen hinweg verändern, bleibt ebenso zu klären wie die Rolle des Wurzelpilz-Komplexes, der in Europa regelmäßig gemeinsam mit dem Borkenkäfer auftritt. Schließlich ist nicht ausgeschlossen, dass ein Teil der Variation auf bislang nicht erfasste Bodeneigenschaften zurückgeht – Folgeuntersuchungen mit Bodenkartierung und Wurzelbiologie sind wünschenswert.


Dieser Artikel wurde mit Hilfe von KI erstellt und dient der allgemeinen Information. Keine Rechts- oder Beratungsempfehlung.