Kohlenstoff und Biodiversität: Warum Totholz der Schlüssel für europäische Wälder ist
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Einleitung: Warum diese Frage relevant ist

Die europäische Waldpolitik steht vor einem Dilemma: Klimaschutz und Biodiversitätsschutz verfolgen teilweise konkurrierende Ziele. Während Klimaschutzprogramme vor allem auf maximale Kohlenstoffspeicherung in lebender Biomasse abzielen — durch schnelles Wachstum und hohe Holzvorräte —, braucht die Biodiversität strukturreiche Wälder mit viel Totholz, alten Bäumen und lichten Stellen. Geht beides gleichzeitig? Genau dieser Frage widmet sich eine neue Studie in Nature Communications, durchgeführt von einem europäischen Forschungskonsortium unter Beteiligung von Lara Balducci, Elias Haeler, Yoan Paillet und weiteren Wissenschaftlern aus Frankreich, der Schweiz und Deutschland.

Die Ausgangslage ist politisch brisant: Die EU hat sich im Green Deal verpflichtet, sowohl die Klimaneutralität als auch den Biodiversitätsschutz zu stärken. Für Wälder bedeutet das zwei große Hebel: einerseits die Kohlenstoffbindung in Wäldern zu erhöhen, andererseits die Artenvielfalt zu sichern. Die zentrale Frage lautet: Wie müssen Wälder bewirtschaftet werden, damit beide Ziele gleichzeitig erreicht werden können — oder sind „Win-Win“-Lösungen selten?

So wurde geforscht

Das Forschungsteam hat einen europaweiten Datensatz ausgewertet, der die Waldstruktur und die Artenvielfalt in 26 europäischen Ländern abbildet. Die Daten stammen aus dem europäischen Waldinventar und ergänzenden Biodiversitätserhebungen — insgesamt wurden Multi-Taxon-Daten zu sechs Artengruppen erhoben: Gefäßpflanzen, Moose, Flechten, Pilze, Käfer und Vögel. Diese Kombination ist methodisch anspruchsvoll, weil sie unterschiedliche räumliche Skalen und Erfassungsmethoden zusammenführt.

Pro Untersuchungsfläche — typischerweise 1 bis 10 Hektar große Waldbestände — wurden sowohl die oberirdischen Kohlenstoffvorräte (lebende Biomasse) als auch die Totholzvorräte quantifiziert. Zusätzlich erfassten die Forschenden Bestandesstrukturvariablen wie Baumartenzusammensetzung, Altersstruktur, Kronendach-Diversität und Bewirtschaftungsintensität. Mithilfe generalisierter linearer Modelle und multivariater Analysen wurde geprüft, wie stark Kohlenstoffvorräte und Artenreichtum korrelieren — sowohl für die gesamte Artenvielfalt als auch differenziert für die sechs taxonomischen Gruppen.

Zusätzlich zu den multivariaten Korrelationsanalysen haben die Forschenden Pfadanalysen und strukturelle Gleichungsmodelle (SEM) verwendet, um die kausalen Beziehungen zwischen Bewirtschaftungsintensität, Totholz, Kohlenstoffvorrat und Biodiversität zu entwirren. Dieser methodische Ansatz erlaubt es, direkte und indirekte Effekte zu unterscheiden — etwa ob Totholz direkt die Biodiversität fördert oder ob beide von einem gemeinsamen Drittfaktor (z.B. historisch geringe Bewirtschaftungsintensität) abhängen. Die SEM-Analysen bestätigen die zentrale Rolle des Totholzes als Mediatorvariable.

Die wichtigsten Ergebnisse

1. Kohlenstoff-Biodiversitäts-Beziehungen sind positiv — aber nur unter Einbezug von Totholz. Die zentrale Erkenntnis: Wenn man nur die lebende Biomasse betrachtet, sind die Beziehungen zwischen Kohlenstoffspeicherung und Artenvielfalt schwach bis neutral. Sobald jedoch Totholz in die Analyse einbezogen wird, zeigen sich signifikant positive Korrelationen — sowohl für die Gesamtartenzahl als auch für mehrere taxonomische Gruppen einzeln.

2. Totholz ist der entscheidende Hebel. Die Studie zeigt, dass Totholzvorräte eine Schlüsselrolle für die Doppelfunktion „Kohlenstoff + Biodiversität“ spielen. Liegendes und stehendes Totholz bietet Lebensraum für Tausende spezialisierter Arten — von xylobionten Käfern über Pilze bis hin zu Flechten. Gleichzeitig speichert Totholz erhebliche Mengen an Kohlenstoff über lange Zeiträume.

3. Sechs Artengruppen reagieren unterschiedlich. Die differenzierte Analyse zeigt, dass nicht alle Taxa gleichermaßen von Kohlenstoff-Management profitieren. Moose und Flechten reagieren besonders stark auf Totholz und alte Waldstrukturen, während Gefäßpflanzen und einige Vogelarten vor allem von der Baumartenvielfalt profitieren. Käfer und Pilze zeigen komplexe Muster je nach Habitat-Spezialisten-Generalisten-Status.

4. Reine Klimaschutzpolitik kann Biodiversität schaden. Eine der politisch brisantesten Erkenntnisse: Waldbauliche Strategien, die ausschließlich auf maximale Kohlenstoffspeicherung in lebender Biomasse abzielen — etwa durch dichte, schnellwachsige Nadelholz-Plantagen —, können die Biodiversität aktiv reduzieren. Solche homogenen Bestände bieten weniger Lebensraumvielfalt als strukturreiche Mischwälder mit Totholz und unterschiedlichen Altersstadien.

5. Das Win-Win-Potenzial ist begrenzt. Die Forschenden formulieren es vorsichtig, aber klar: „Win-Win“-Potenziale zwischen Kohlenstoff- und Biodiversitätszielen sind begrenzt. Es gibt sie — vor allem über den Totholz-Pfad —, aber sie sind nicht selbstverständlich. Eine reine Klimaschutz-Politik mit Fokus auf lebende Biomasse verfehlt die Biodiversitätsziele und kann diesen sogar entgegenwirken.

Was das für die Praxis bedeutet

Für deutsche und europäische Waldbesitzer liefert die Studie eine klare Handlungsempfehlung: Totholz ist nicht „Abfall“, sondern ökologisches Kapital. Wer in seinem Wald bewusst Totholz belässt — sei es als liegende Stämme, stehende Totholzbäume oder Höhlenbäume —, investiert gleichzeitig in Kohlenstoffspeicherung und Biodiversität. Die traditionelle Forstpraxis, die jeden toten Stamm entfernt („Waldhygiene“), ist aus dieser Perspektive nicht nur ökologisch, sondern auch klimapolitisch suboptimal.

Konkret bedeutet das für den Waldbau: Mehr Horst- und Gruppenstrukturen im Bestand anstreben, einzelne Bäume gezielt altern und absterben lassen (sogenannte „Habitatbäume“), und bei der Holzernte gezielt Biotopholz und Totholz in der Fläche belassen. Auch in bewirtschafteten Wäldern lassen sich 10–30 m³ Totholz pro Hektar realisieren, ohne die Holznutzung vollständig aufzugeben. Förderprogramme, die an Totholz-Vorräte gekoppelt sind (etwa im Waldnaturschutz oder in Vertragsnaturschutz-Programmen), gewinnen vor diesem Hintergrund an Bedeutung.

Für Forstpolitiker und Behördenvertreter liefert die Studie eine wissenschaftliche Grundlage, Klimaschutz-Förderprogramme zu überdenken. Programme, die reine Holzvorratssteigerung honorieren, sollten um Totholz-Indikatoren ergänzt werden. Andernfalls besteht die Gefahr, dass biodiversitätsreiche Mischwälder in kohlenstoffoptimierte Plantagen umgewandelt werden — mit negativen Folgen für die Artenvielfalt.

Schließlich ist die Studie ein Argument dafür, die Biodiversitätsleistungen der Wälder als gleichrangige Funktion neben Kohlenstoff- und Holzproduktion anzuerkennen. In den aktuellen waldpolitischen Diskussionen in Deutschland — etwa bei der Ausgestaltung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) oder der EU-Waldstrategie 2030 — spielt diese Gleichrangigkeit eine zunehmende Rolle. Die Studie liefert empirische Evidenz dafür, dass ökologisch orientierte Waldbaustrategien klimapolitisch nicht im Nachteil sein müssen — im Gegenteil: Sie können Synergien erzeugen, die rein produktionsorientierte Ansätze nicht erreichen.

Limitations & offene Fragen

Die Studie erfasst Korrelationen, nicht zwingend Kausalität. Es ist möglich, dass sowohl Totholz als auch Artenreichtum von einem dritten Faktor abhängen — etwa der historischen Bewirtschaftungsintensität oder der Standortgüte. Langfristige Waldbauversuche, die experimentell verschiedene Totholzmengen testen, wären der nächste Forschungsschritt. Zudem konzentriert sich die Analyse auf europäische Wirtschaftswälder — Naturwälder mit jahrhundertealter Totholztradition sind unterrepräsentiert, könnten aber noch deutlich stärkere Synergieeffekte zeigen. Schließlich bleibt offen, wie sich die Ergebnisse auf andere Kontinente und andere Klimazonen übertragen lassen — boreale Wälder oder tropische Regenwälder folgen möglicherweise anderen Dynamiken.

Eine weitere methodische Einschränkung betrifft die räumliche Skala: Die Analysen basieren auf Bestandesebene (1–10 Hektar), während viele ökologische Prozesse — etwa die Vernetzung von Habitatbäumen oder die Ausbreitung mobiler Arten — auf Landschaftsebene stattfinden. Zukünftige Studien sollten daher die Landschaftsperspektive stärker einbeziehen und prüfen, wie sich Totholz-Korridore und Wald-Offenland-Mosaike auf die Biodiversitäts-Kohlenstoff-Synergien auswirken. Auch die zeitliche Dynamik ist in dieser Studie nur eingeschränkt erfasst — Langzeitbeobachtungen über mehrere Jahrzehnte wären nötig, um zu verstehen, wie sich die Win-Win-Potenziale unter sich ändernden Klimabedingungen entwickeln.


Quelle: Balducci L, Haeler E, Paillet Y et al. (2026): European forest carbon and biodiversity policies have a limited win-win potential. Nature Communications. DOI: 10.1038/s41467-026-68668-x


Dieser Artikel wurde mit Hilfe von KI erstellt und dient der allgemeinen Information. Keine Rechts- oder Beratungsempfehlung.