
Warum herkömmliche Lichtungen gegen Kronenbrände versagen
Die Waldbrandsaison in den europäischen Alpen wird durch zwei Faktoren gleichzeitig verschärft: längere Trockenheitsphasen und zunehmend starke Föhnwinde. In den bewaldeten Steillagen Südtirols und der angrenzenden Alpenregionen führt das zu einer Situation, die in der forstlichen Brandschutzplanung bisher zu wenig Beachtung fand. Kronenbrände entstehen dort, wo Wind, Hangneigung und brennbare Kronenhorizonte räumlich so zusammenpassen, dass sich das Feuer von Krone zu Krone fortpflanzen kann. Eine gleichmäßige Durchforstung, die vor allem den Bestandsschluss senkt, greift genau an dieser Stelle nicht an, weil sie die Ausrichtung der brennbaren Kronenhorizonte unverändert lässt.
Eine Untersuchung auf rund 40 Hektar Kiefernwald im Südtiroler Raum setzt deshalb an einem anderen Punkt an. Statt die Menge des brennbaren Materials pauschal zu reduzieren, verändert sie gezielt die räumliche Anordnung der Kronenlücken. Ziel ist es nicht, den Bestand kurzfristig ungefährlicher zu machen, sondern die physikalischen Bedingungen zu unterbrechen, unter denen ein Kronenfeuer sich selbst trägt. Der Ansatz wird in der Fachliteratur als pyro-silvikulturelle Maßnahme beschrieben, also als eine waldbauliche Behandlung, die die Brandphysik selbst zum Ziel hat.
Zwei Lücken-Größen, zwei Funktionen
Der Ansatz arbeitet mit einem Netz aus elliptischen Kronenlücken, das bewusst in zwei Maßstäben angelegt ist. Die größeren Lücken werden entlang der erwarteten Ausbreitungsrichtung des Feuers ausgerichtet. Ihre Funktion besteht darin, Konvektionswärme abzuführen und zu verteilen, statt sie konzentriert in den angrenzenden Bestand zu leiten. Die kleineren quer dazu angelegten Lücken sollen die seitliche Ausbreitung bremsen und verhindern, dass sich das Kronenfeuer entlang der Flanken des Hanges hält und damit an Länge gewinnt.
Diese Zweiteilung ist der eigentlich neue Gedanke an der Maßnahme. Herkömmliche waldbauliche Maßnahmen behandeln Kronenlücken als Fläche, die reduziert werden muss. Hier werden sie als räumliches Netz mit unterschiedlichen Funktionen geplant, ähnlich wie ein Sperrbau am Boden entlang einer Brandfront wirkt, nur in der vertikalen Dimension der Baumkronen. Dadurch entsteht eine Struktur, die nicht nur die Menge brennbarer Kronenmasse reduziert, sondern den Übergang von einem brennenden Kronenabschnitt zum nächsten erschwert.
Die Unterscheidung zwischen horizontaler und vertikaler Brandausbreitung ist dabei entscheidend. Ein Bodenfeuer breitet sich entlang der Streuauflage und der unteren Stammbereiche aus und lässt den Bestandsschluss oberhalb weitgehend unberührt. Ein Kronenfeuer dagegen nutzt die Kronenhorizonte als zusammenhängende Brücke. Je größer die vertikale Ausdehnung eines solchen Horizonts, desto leichter kann das Feuer zwischen den Stämmen überspringen. Lücken, die in der richtigen Anordnung genau diese Brückenfunktion unterbrechen, zielen damit auf den physikalischen Mechanismus der Ausbreitung und nicht auf die Menge des vorhandenen Brennstoffes.
Simulation statt Beobachtung
Die Wirkung wurde nicht durch die Messung eines tatsächlichen Brandereignisses bewertet, sondern mit dem physikalisch basierten Feuerverbreitungsmodell WFDS simuliert, dem Wildland-urban Interface Fire Dynamics Simulator. Die Simulation vergleicht den Bestand vor und nach der Maßnahme hinsichtlich Wärmefreisetzung, Lufttemperatur, Ausbreitungsrate und Verbrauch von Kronenmaterial. Das Ergebnis fällt in allen vier Größen zugunsten der behandelten Fläche aus.
Die Interpretation der Autoren: Die veränderte Geometrie der Kronenhorizonte führt zu veränderten Konvektionsverhältnissen. Die Feuerfront wird fragmentiert und bricht in kleinere Einheiten auf, die jeweils weniger Wärme in die Umgebung abgeben. Dadurch verschiebt sich das Brandverhalten von einem Kronenfeuer hin zu einem Oberflächenfeuer, das deutlich weniger Schaden an den Stämmen anrichtet. Der Kronenfeuer-Kontinuität, die auf steilen Hängen als kritischer Faktor für die Eskalation gilt, wird damit unterbrochen.
Was das für die Praxis bedeutet
Für die forstliche Brandschutzplanung in den Alpen ergibt sich ein Anspruch an die bisherige Praxis. Wo Wälder an steilen Hängen mit Kiefern oder anderen brandgefährdeten Nadelbaumarten liegen und Föhnlagen hinzukommen, ist eine pauschale Bestandsdurchforstung möglicherweise nicht ausreichend. Die Frage, ob und wo Kronenlücken räumlich platziert werden sollten, gehört bislang selten in die waldbauliche Planung, obwohl sie im Rahmen der Maßnahme mit 40 Hektar immerhin flächendeckend umgesetzt wurde.
Praktisch verlangt das eine genauere Standortansprache als die bisherige Betrachtung der Hangneigung allein. Die Ausrichtung der erwarteten Brandrichtung folgt der vorherrschenden Windrichtung, und diese kann lokal von der allgemeinen Föhnlage abweichen. Wo eine solche Analyse vorliegt, kann die Lückenplanung räumlich konkret werden. Für die deutsche Waldwirtschaft ist der unmittelbare Übertragungsweg begrenzt, das Prinzip ist jedoch auch für die Mittelgebirge relevant, etwa bei steil südlage-exponierten Kiefern- und Fichtenbeständen mit hoher Brennstoffkontinuität im Kronenraum. Dass eine waldbauliche Maßnahme so gestaltet werden kann, dass sie die Brandphysik adressiert, statt nur den Bestand dünner zu machen, ist der übertragbare Kern dieser Untersuchung.
Ein weiterer Punkt betrifft die Standortwahl der Maßnahme. Eine pyro-silvikulturelle Behandlung, die zwei Jahre lang aufwächst, verliert ihre Wirkung, wenn in dieser Zeit neue Triebe die angelegten Lücken wieder schließen. Für die Waldwirtschaft folgt daraus, dass solche Maßnahmen nicht als einmalige Investition zu planen sind, sondern in einen Wiederholungszyklus eingebettet werden müssen. Auf Standorten mit starkem Naturverjüngung ist dieser Aufwand höher als auf stabilen Beständen, was die wirtschaftliche Prüfung solcher Verfahren von vornherein erschwert und die Suche nach kostengünstigen Varianten erklärt.
Limitations und offene Fragen
Die Studie stützt sich im Kern auf eine Simulation. Ob das vorhergesagte Verhalten eines Kronenfeuers sich unter realen Wetterbedingungen mit Windwechseln, unterschiedlichen Brennstofffeuchten und der Entwicklung von Bodenfeuer tatsächlich so einstellt, ist damit nicht empirisch belegt. Eine Validierung an einem realen Brandverlauf steht noch aus. Hinzu kommt, dass die Untersuchung an einer einzelnen Standortsituation mit einer klaren Ausrichtung an die lokale Topografie und Windlage erfolgte. Übertragbarkeit auf andere Wuchsgebiete, etwa gleichalte Bestände in milderen Lagen oder Kiefernwälder mit geringerer Föhnwirkung, ist nicht belegt. Auch die Frage, wie sich die Maßnahme auf die Bestandeszusammensetzung und die Waldfruchtproduktion über Jahrzehnte auswirkt, wurde nicht untersucht. Für die forstliche Planung ist der Ansatz deshalb vor allem dort vielversprechend, wo die Kombination aus Trockenheit, Föhn und steiler Hangneigung nachweislich zu wiederkehrenden Kronenbränden führt.
Schließlich bleibt die Frage, wie sich die Maßnahme auf die Artenvielfalt in diesen Beständen auswirkt. Kronenlücken verändern das Mikroklima am Boden und fördern in vielen Waldtypen eine dichtere Vegetation, was einerseits die Wiederbewaldung erleichtert und andererseits die Brandlast in der Bodenlage erhöhen kann. Die Untersuchung bildet diese gegenläufigen Effekte nicht ab, weil sie auf die Kronenfeuchtebene fokussiert ist. Eine vollständige Bewertung solcher Maßnahmen müsste deshalb auch die Bodenvegetation und die Artenzusammensetzung der verjüngenden Bestände einbeziehen.
Quelle
Closer-to-nature pyro-silviculture mitigates crown fire potential in dry mountain conifer forests – The Science of the Total Environment, 2026. DOI: 10.1016/j.scitotenv.2026.181458
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