
Einleitung: Warum die Baumartenwahl klimaentscheidend ist
Wälder galten lange als verlässlicher Hebel im Klimaschutz — doch seit einigen Jahren steht die pauschale Annahme „mehr Wald = mehr Kühlung“ auf dem Prüfstand. Forschende beobachten, dass Nadelwälder in Mitteleuropa im Sommer paradoxerweise zur Erwärmung beitragen können: Ihre dunklen Kronen absorbieren mehr Sonnenstrahlung, als sie durch Verdunstung wieder abgeben. In einer wärmeren Welt mit häufigeren Hitzewellen wiegt dieser Effekt schwer. Eine aktuelle Studie in Nature Communications hat nun mit einem regionalen Klimamodell systematisch untersucht, wie sich die Umwandlung von Nadel- zu Laubwald in Europa auf Temperatur und Hitzestress auswirkt — mit direktem Bezug zur Forstpolitik in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Die zentrale Frage: Lässt sich mit der richtigen Baumartenwahl ein klimatischer Zusatznutzen erzielen, der über die bloße CO₂-Speicherung hinausgeht? Die Ergebnisse sind für Forstbetriebe relevant, die ohnehin vor der Frage stehen, wie sie ihre Bestände klimastabil umbauen können.
So wurde geforscht
Das internationale Autorenteam nutzte ein hochaufgelöstes regionales Klimamodell, um die thermischen Effekte verschiedener Waldveränderungsszenarien für Europa zu simulieren. Ausgangspunkt war die heutige Waldbedeckung mit ihrem hohen Nadelholzanteil in Nord- und Mitteleuropa. Die Forschenden verglichen vier Szenarien: die heutige Waldverteilung, eine Ausweitung der Waldfläche mit aktueller Baumartenmischung, eine aktive Umwandlung bestehender Nadelwälder in Laubwälder sowie eine Kombination aus beidem.
Wichtig war den Forschenden die Unterscheidung zwischen mittleren Sommertemperaturen und extremen Hitzetagen. Denn für die menschliche Gesundheit, für die Landwirtschaft und nicht zuletzt für das Überleben der Bäume selbst sind vor allem die heißen Tage relevant, an denen Waldökosysteme ohnehin unter Wasserstress stehen. Die Simulationen liefen für mehrere europäische Großregionen — Westeuropa, Mitteleuropa, Nordeuropa und Südeuropa —, um regionale Unterschiede sichtbar zu machen.
Die wichtigsten Ergebnisse
1. Die Umwandlung von Nadelwald zu Laubwald kühlt sommerliche Hitzetage in Kontinentaleuropa deutlich ab. Die modellierte mittlere tägliche Höchsttemperatur im Juli sank im Mittel um 0,6 °C. Das klingt nach wenig, ist aber klimatisch relevant: An Hitzetagen verringert sich damit die Zahl gefährlicher Hitzestunden messbar — mit Folgen für Hitzestress bei älteren Menschen, für Ernteausfälle und für die Wasserbilanz der Böden.
2. Eine Waldvermehrung mit heutiger Baumartenzusammensetzung — also vor allem Nadelholz — erzeugt im Sommer paradoxerweise eine Erwärmung. Die Simulation zeigt einen Anstieg der Juli-Höchsttemperatur in Kontinentaleuropa um +0,3 °C. Dieser Effekt entsteht, weil dunkle Nadelholzkronen tagsüber mehr kurzwellige Strahlung absorbieren als Laubbäume und weniger Wasser verdunsten. Die forstliche Mehrung von Waldfläche mit Fichte und Kiefer ist also aus rein klimatischer Sicht keine Selbstverständlichkeit.
3. Die Kombination aus Bestandesumwandlung und neuer Waldfläche kehrt diesen Erwärmungseffekt in eine Abkühlung um. Im Szenario „Umwandlung plus Aufforstung“ verändert sich die modellierte Juli-Höchsttemperatur in Kontinentaleuropa von +0,3 °C auf −0,7 °C. Das ist eine klimatische Wirkung von etwa einem vollen Grad Celsius — kein Detail, sondern ein spürbarer Hebel.
4. Der kühlende Effekt ist regional ungleich verteilt. In Nord- und Mitteleuropa ist der Nutzen einer Bestandesumwandlung am größten, weil dort heute der Nadelholzanteil am höchsten ist. In West- und Südeuropa fällt der Effekt deutlich kleiner aus. Die Studie empfiehlt daher explizit, Nord- und Mitteleuropa als Schwerpunkträume für eine klimawirksame Forstpolitik zu priorisieren.
5. Die kühlende Wirkung entsteht vor allem über zwei Mechanismen: höhere Verdunstungskühlung durch Laubbäume mit großer Blattoberfläche und gleichzeitig höhere Albedo (Rückstrahlung) im Sommer durch hellere Blätter. Beide Effekte wirken tagsüber am stärksten, wenn sie klimatologisch den größten Unterschied machen.
Was das für die Praxis bedeutet
Für Forstbetriebe in Deutschland liefert die Studie eine zusätzliche Argumentationslinie für den ohnehin laufenden Waldumbau: Die Umwandlung von Fichten- und Kiefernbeständen hin zu Laubholz — etwa zu Buche, Eiche, Hainbuche oder auch zu klimatoleranten Mischbaumarten wie Vogelkirsche oder Walnuss — wirkt nicht nur kohlenstoffbezogen und ökologisch, sondern auch direkt thermisch auf das Lokalklima. Wer heute Bestände umbaut, investiert in ein kühleres Bestandesinnenklima und reduziert zugleich das Risiko, dass sich junge Kulturen unter Hitzestress schlecht entwickeln.
Für die Forstpolitik bedeutet das: Die europäischen Klimaziele im Waldbereich sind mit einer reinen „mehr Wald“-Logik nicht optimal zu erreichen. Wenn politische Programme weiterhin vorrangig auf Nadelholz-Aufforstung setzen — etwa im Rahmen von Ausgleichsmaßnahmen oder Erstaufforstungsförderung — besteht das Risiko, das Gegenteil des Gewollten zu erreichen. Förderbedingungen sollten die Baumartenwahl mitdenken und Mischwälder sowie Laubholzanteile gezielt honorieren.
Für die Kommunikation in Forstbetrieben, Kommunen und bei Waldbesitzern lässt sich sagen: Ein Laubbaum ist nicht nur ökologisch wertvoller, sondern im Sommer auch ein lokales Klimagerät. Dieser doppelte Nutzen — Biodiversität plus Thermik — verdient mehr Gewicht in der Beratung und in der Praxis.
Was das für die Praxis bedeutet — Vertiefung
Auf einzelbetrieblicher Ebene ist die Konsequenz aus der Studie vielschichtiger, als sie auf den ersten Blick wirkt. Wer in einem Forstbetrieb in Nord- oder Mitteldeutschland heute über die Verjüngung eines Fichtenbestandes nachdenkt, hat meist drei Optionen: Wiederaufforstung mit Fichte, Umbau zu einem Nadelmischbestand aus Fichte, Douglasie und Kiefer oder aktiver Umbau zu Buche, Eiche, Hainbuche oder einem laubholzreichen Mischwald. Die Studie liefert für die dritte Option ein zusätzliches Argument, das bislang in der Praxisdiskussion oft unterbelichtet war: nicht nur Biodiversität, Wasserschutz und Bodenverbesserung, sondern auch ein messbarer thermischer Effekt auf das Lokalklima.
Für Schutz- und Bergwälder in den Alpen und im Schwarzwald, wo die Frage des Baumartenwechsels ohnehin durch den Klimawandel dramatisch geworden ist, verschärft die Studie die Dringlichkeit zusätzlich: Wenn schon die mittlere Sommertemperatur in einer Region erkennbar von der Baumartenwahl abhängt, dann beeinflusst jede Hektar-Entscheidung am Bergwald unmittelbar auch das Kleinklima in den Tälern — mit Folgen für Tourismus, Landwirtschaft und Wasserversorgung.
Schließlich lohnt sich der Blick auf die Förderarchitektur: Programme wie der Waldumbau nach dem Bundeswaldgesetz oder die Waldprämie der Bundesländer honorieren Mischwälder bereits. Die Studie liefert eine zusätzliche naturwissenschaftliche Begründung, warum diese Förderung nicht nur ökologisch, sondern auch klimaökologisch sinnvoll ist. Kommunale und private Waldbesitzer können diese Argumentation nutzen, um die Förderbedingungen mitzugestalten und bestehende Programme konsequenter auf Laubholzanteile auszurichten.
Limitations und offene Fragen
Die Studie ist eine Modellsimulation und keine Felderhebung. Sie bildet die realen Mischungsverhältnisse und lokalen Standortbedingungen vereinfacht ab. Auch berücksichtigt sie keine langfristigen dynamischen Effekte — etwa wie sich die Baumartenwahl bei fortschreitendem Klimawandel in 50 oder 80 Jahren verhalten wird, wenn auch Laubbäume zunehmend unter Trockenstress geraten. Schließlich ist die Frage offen, wie sich die Ergebnisse auf einzelne Bestände übertragen lassen: Das regionale Klimamodell arbeitet mit einer räumlichen Auflösung, die lokale Effekte einzelner Waldflächen nur eingeschränkt abbildet. Die grobe Richtung — Laub statt Nadel wirkt kühlend — ist aber robust genug, um in die forstliche Praxis und in politische Programme Eingang zu finden.
Die Befunde stehen im Einklang mit früheren Studien, die ebenfalls auf die thermische Wirkung heller Baumarten und hoher Verdunstung hingewiesen haben. Die hier vorgestellte Arbeit hebt sich durch die räumliche Differenzierung innerhalb Europas und die explizite Trennung zwischen Mittelwerten und Hitzetagen hervor. Für die Forstwirtschaft in Mitteleuropa ist sie ein weiteres Argument dafür, den Umbau hin zu klimatoleranten Mischwäldern konsequent weiterzuverfolgen.
Dieser Artikel wurde mit Hilfe von KI erstellt und dient der allgemeinen Information. Keine Rechts- oder Beratungsempfehlung.