Modellierung zeigt: Schutz, Holz und Klima passen in Europas Wäldern nicht gleichzeitig – Strategien müssen kombiniert werden
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Warum die EU-Waldpolitik an einem inneren Widerspruch arbeitet

Die Wälder Europas sollen gleichzeitig Kohlenstoff speichern, Holz liefern, die biologische Vielfalt schützen und sich an den Klimawandel anpassen. Diese vier Ansprüche stehen in vielen Regionen in einem direkten Wettbewerb miteinander – ein Umstand, der die Umsetzung der EU-Waldstrategie 2030, der EU-Biodiversitätsstrategie und der Klimaschutzverordnung (LULUCF) bislang stark erschwert. Eine aktuelle Studie in Global Change Biology zeigt nun anhand einer europaweiten Modellierung, dass es unter den heute geltenden politischen Randbedingungen kaum möglich ist, alle Ziele zugleich zu erreichen. Die Autorinnen und Autoren warnen, dass die aktuelle Strategiearchitektur Europas Wälder in eine Richtung zwingt, die weder ökologisch noch ökonomisch stabil ist.

Die Ergebnisse sind auch für deutsche Forstbetriebe und Waldbesitzer relevant, denn sie zeigen, wie sich europäische Vorgaben in mitteleuropäischen Mittelgebirgen und im Tiefland künftig auf Bewirtschaftungsoptionen, Holznutzung und Schutzgebietsausweisung auswirken können.

Wie die Modellierung aufgebaut war

Das internationale Team um Erstautorin Verena Sachser vom Schweizerischen Bundesforschungsinstitut WSL nutzte einen prozessbasierten Waldmodellansatz, der das Wachstum einzelner Baumarten in mehreren europäischen Klimazonen simuliert. Gekoppelt wurde das Modell mit einer robusten Mehrkriterienoptimierung, einer mathematischen Methode, die Lösungen sucht, die unter vielen verschiedenen Klimazukünften gleichzeitig funktionieren.

Als harte politische Randbedingungen legten die Forschenden zwei Vorgaben fest: Erstens mussten zehn Prozent der europäischen Landesfläche unter strengen Schutz gestellt werden, also ohne reguläre Holznutzung. Zweitens musste die jährliche Holzerntemenge über alle Klimaszenarien hinweg stabil bleiben – ein wichtiges Anliegen der Forst- und Holzwirtschaft. Innerhalb dieser Vorgaben suchte das Modell nach Bewirtschaftungsportfolios, die gleichzeitig Kohlenstoffspeicherung, Biodiversitätsschutz, Erholungsfunktion und Holzertrag maximieren.

Der Modellraum umfasste alle forstlich relevanten Baumarten Europas, vom skandinavischen Nadelwald über mitteleuropäische Buchen- und Eichenbestände bis zu den mediterranen Steineichenwäldern. Damit war es möglich, regionsspezifische Konsequenzen sichtbar zu machen, etwa wie sehr Nord- oder Südwesteuropa stärker unter Druck geraten.

Die zentralen Ergebnisse im Detail

Die wichtigste Erkenntnis: Die Optimierung lieferte nur sehr eingeschränkte Lösungen, die alle Kriterien gleichzeitig erfüllen. Konkret blieb unter Berücksichtigung der zehn Prozent Schutzfläche und der stabilen Holzerntemramme kaum Spielraum, um gleichzeitig Biodiversität, Kohlenstoff und Holzproduktion zu maximieren. Die resultierenden Bewirtschaftungsportfolios wiesen eine niedrige Vielfalt an Bewirtschaftungstypen auf – sie konzentrierten sich auf wenige dominante Strategien, etwa Schutz in Schutzgebieten einerseits und intensive Holzproduktion in den übrigen Flächen andererseits. Diese Verteilung widerspricht dem erklärten politischen Ziel einer multifunktionalen Waldwirtschaft, die Risiken breit streuen soll.

Zweitens zeigte die Studie eine deutliche regionale Schieflage: Vor allem Nordeuropa müsste überproportional Holz produzieren, um die fehlenden Erntemengen in anderen Teilen Europas zu kompensieren, die durch Schutzgebiete oder Kohlenstoffvorgaben verloren gingen. Diese Konzentration des Nutzungsdrucks auf wenige nordeuropäische Regionen läuft Gefahr, die nachhaltige Bewirtschaftung dort zu überlasten und steht im Konflikt mit der LULUCF-Verordnung, die in allen Mitgliedstaaten ausgeglichene oder steigende Kohlenstoffsenken verlangt.

Drittens wies das Modell nach, dass die derzeit vorgesehenen Schutzflächen ungleich verteilt wären: Bestimmte Waldtypen, etwa die produktiven borealen Nadelwälder Finnlands und Schwedens, würden deutlich weniger geschützt als etwa die strukturreichen Laubwälder Mitteleuropas. Das wiederum verzerrt das Schutzkonzept der EU-Biodiversitätsstrategie, das eigentlich repräsentative Schutzgebiete für alle Ökosystemtypen anstrebt.

Was das für die Forstpolitik in Mitteleuropa bedeutet

Für Deutschland und seine Nachbarländer ergeben sich aus den Modellergebnissen mehrere konkrete Implikationen. Die nationale Waldstrategie 2050 muss davon ausgehen, dass Schutzgebietsausweisungen und Holzmobilisierung in einem Zielkonflikt stehen, der nicht durch lokal höhere Intensität allein gelöst werden kann. Wo immer Bund und Länder Schutzgebiete vergrößern, müssen zugleich Maßnahmen greifen, die die Holzverwendung in den verbleibenden Wirtschaftswäldern stabilisieren – etwa durch kaskadische Nutzung, verstärkten Laubholzabsatz oder innovative Holzbauprogramme.

Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse, dass eine reine Flächenstilllegung ohne flankierende Maßnahmen das europäische Risiko nicht breiter streut, sondern nur verlagert. Die Forschenden plädieren daher für koordinierte, europaweite Strategien, die regionale Unterschiede explizit anerkennen, etwa durch abgestufte Schutzkategorien und produktive Nutzung in definierten Zonen. Die Forstministerkonferenz und das European Forest Institute haben in den letzten Monaten vergleichbare Vorschläge in Stellungnahmen aufgenommen – die neue Studie liefert nun eine quantitative Grundlage, die diesen Forderungen Gewicht verleiht.

Vertiefung: Warum reine Schutzflächenquote nicht reicht

Ein oft gehörter Vorschlag lautet, einfach mehr Wald aus der Nutzung zu nehmen und damit Biodiversität und Klimaschutz gleichermaßen zu stärken. Die Modellergebnisse stellen diese Annahme infrage. Denn mit steigendem Schutzflächenanteil nimmt die durchschnittliche Bewirtschaftungsintensität auf der verbleibenden Fläche zu, um die stabilen Holzerträge zu halten. Diese Intensivierung kann ihrerseits negative Wirkungen auf die biologische Vielfalt haben, etwa durch kürzere Umtriebszeiten, dichtere Bestände oder den Verlust von Habitatbäumen. In den Simulationen manifestiert sich das in einer deutlichen Risikokonzentration – statt vieler verschiedener Waldtypen dominiert am Ende eine kleine Auswahl produktiver Bestandestypen. Das ist genau das Gegenteil dessen, was Biodiversitätsstrategien erreichen wollen. Die Studie argumentiert daher, dass kombinierte Ansätze deutlich wirksamer sind: differenzierte Schutzkategorien, Waldumbau zu mehr Mischbeständen, kaskadische Holznutzung sowie öffentliche Honorierung ökologischer Leistungen außerhalb klassischer Schutzgebiete.

Diese Sicht deckt sich mit Analysen des Johann Heinrich von Thünen-Instituts, das in mehreren Bundesländern zeigt, dass naturnahe Mischwälder bei mittlerer Nutzungsintensität deutlich höhere Biodiversitätswerte erreichen als entweder intensiv genutzte oder vollständig aus der Nutzung genommene Bestände.

Vertiefung: Was die Modellierung für einzelne Baumarten bedeutet

Ein wichtiger praktischer Aspekt der Studie ist, dass die Bewirtschaftungsportfolios je nach Baumart sehr unterschiedlich ausfallen. In den Modellrechnungen bleiben Fichte und Kiefer in weiten Teilen Nordeuropas die tragenden Holzproduzenten, während Buche und Eiche in Mitteleuropa stärker in Mischbeständen eingebettet werden, um Biodiversitätsziele zu erreichen. Mediterrane Steineichenwälder wiederum verschwinden in den optimierten Portfolios zunehmend aus der regulären Nutzung und wandern in streng geschützte Kategorien – eine Folge sommerlicher Dürreperioden, die das Wachstum vieler dort etablierter Kiefernwälder bereits heute reduzieren. Für Waldbesitzer in Süddeutschland bedeutet das, dass bei künftigen Unsicherheiten über die EU-Schutzkategorien eine frühzeitige, vielfältige Bestandesstruktur die einzelbetriebliche Anpassungsfähigkeit deutlich erhöht, ohne sich auf eine einzelne Baumart oder Bewirtschaftungsform festlegen zu müssen.

Limitations und offene Fragen

Die Studie arbeitet mit einem prozessbasierten Wachstumsmodell und aggregierten Annahmen zu Bewirtschaftungsstrategien. Sie kann daher lokale Besonderheiten – etwa kleinstrukturierte Privatwaldgebiete in Mittelgebirgen oder besondere Schutzgebietskulissen wie Biosphärenreservate – nur eingeschränkt abbilden. Außerdem basieren die Klimaszenarien auf den RCP- bzw. SSP-Szenarien der Klimaforschung, deren Genauigkeit jenseits von 2050 stark abnimmt.

Offen bleibt auch die Frage, wie stark politische Maßnahmen den europäischen Holzmarkt beeinflussen, etwa Subventionen für langlebige Holzprodukte oder steuerliche Anreize für kaskadische Nutzung. Diese Politikinstrumente könnten das Modellbild künftig deutlich verändern, sodass Folgestudien sie einbeziehen sollten. Darüber hinaus fehlt im Modell bislang eine explizite Berücksichtigung von Wildschäden, die in vielen deutschen Mittelgebirgen den Waldumbau hin zu Mischbeständen erheblich verteuern und damit das Optimierungsergebnis zugunsten traditioneller Nadelholzreinbestände verschieben könnten. Hier besteht Forschungsbedarf, gerade weil die kombinierte Analyse von Biodiversitäts- und Wildwirkung bislang in europäischen Waldmodellen nur unzureichend abgebildet wird.

Trotz dieser Einschränkungen liefert die Arbeit eine seltene quantitative Grundlage für eine Debatte, die bisher oft von politischen Wunschlisten dominiert wurde. Sie zeigt klar, dass die EU-Waldstrategie nur dann erfolgreich sein wird, wenn Schutz, Nutzung und Klimaschutz als gemeinsames System gedacht und gemeinsam optimiert werden. Vergleichbare Studien aus Kanada und dem pazifischen Nordwesten der USA kommen zu analogen Schlussfolgerungen – ein Hinweis darauf, dass die Erkenntnisse aus dieser europäischen Analyse auch über die Grenzen der EU hinaus auf andere temperate Waldregionen übertragbar sind.


Quelle: Sachser V. et al. (2024): Reconciling the EU forest, biodiversity, and climate strategies. Global Change Biology. DOI: 10.1111/gcb.17431


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