
Warum diese Studie für die Forstwirtschaft relevant ist
Seit Jahren steigen die Rehwildbestände in Mitteleuropa, gleichzeitig verlieren viele Wälder durch Trockenheit und Sturm Teile ihres Kronendachs. Beide Entwicklungen verändern den Lebensraum Waldboden tiefgreifend, aber wie sie zusammenwirken, war bislang nur aus nordamerikanischen Studien bekannt, wo andere Artenverhältnisse herrschen als in Europa. Die Studie eines Forschungsteams aus Freiburg, Wien und Groningen, erschienen im Oktober 2026 in der Zeitschrift Ecology, schließt diese Lücke. Sie untersucht, wie heimische Regenwürmer und Rehverbiss gemeinsam auf experimentell geschaffene Kronenlücken in einem mitteleuropäischen Buchenwald reagieren.
Für Waldbesitzende und Forstleute in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist die Studie unmittelbar praxisrelevant, weil sie eine ökologische Wechselwirkung dokumentiert, die über das einzelne Wildschaden-Thema hinausgeht. Regenwürmer sind die größte tierische Biomasse in mitteleuropäischen Waldböden. Sie treiben Streuabbau, Nährstoffkreislauf und Bodenstruktur. Was ihre Gemeinschaften verändert, verändert mittelfristig die Standortproduktivität ganzer Bestände. Die Studie liefert damit einen dringend benötigten ökologischen Hintergrund für die laufenden Diskussionen um Schalenwildmanagement und Waldumbau.
So wurde geforscht
Die Forscherinnen und Forscher haben in einem Buchenwald in Süddeutschland insgesamt 75 Versuchsflächen angelegt. Davon waren 54 Flächen unter geschlossenem Kronendach, 21 Flächen waren experimentell zu Kronenlücken geöffnet worden, wie sie auch natürlich nach Sturmwürfen oder Trockenstress entstehen. Vor fünf Jahren wurden die Lücken geschaffen, dann wurden auf jeder Fläche zwei Teilflächen eingerichtet: eine ausgezäunte, auf der Rehwild keinen Zutritt hatte, und eine Kontrollfläche ohne Zaun. So konnte die Wirkung von Rehwild und Kronenöffnung getrennt untersucht werden.
Auf allen 150 Teilflächen wurden die Regenwürmer nach standardisierter Methode ausgegraben und nach ökologischen Gruppen klassifiziert: tiefgrabende anecische Arten, die Gänge von der Streuschicht in den Mineralboden bauen, und endogäische Arten, die ausschließlich im Mineralboden leben. Zusätzlich wurden juvenile und adulte Tiere getrennt erfasst. Pro Teilfläche wurden zudem Bodengerebentemperatur, Wassergehalt und Vegetationsbedeckung gemessen. Insgesamt flossen Daten von 750 Einzelprobeflächen in die statistische Analyse ein.
Die wichtigsten Ergebnisse
Erstens: Rehwild und Kronenöffnung wirken nicht additiv, sondern komplex zusammen. Unter geschlossenem Kronendach reduziert Rehwild die Biomasse und Dichte der Regenwürmer deutlich. Wo das Rehwild fehlt, hat die Kronenöffnung allein keinen Effekt auf die Regenwürmer. Wo aber Rehwild vorhanden ist, dreht die Kronenöffnung das Vorzeichen um: Die Biomasse und Dichte der Regenwürmer steigt in den Lücken deutlich an.
Zweitens: Der positive Effekt der Kronenöffnung in Anwesenheit von Rehwild wird über zwei indirekte Wege vermittelt. Die geöffneten Kronen lassen mehr Niederschlag in den Boden und halten den Oberboden feuchter. Gleichzeitig verändert sich die Vegetation am Boden, sodass weniger Pflanzenkonkurrenz für die Streuschicht entsteht, in der die Regenwürmer ihre Nahrung finden. Beide Effekte zusammen ergeben die gemessene Steigerung.
Drittens: Die Effekte sind artspezifisch sehr unterschiedlich. Vor allem juvenile Regenwürmer profitieren von der Kombination aus Rehwild und Kronenöffnung. Bei adulten Tieren sind die Effekte weniger stark. Die Studie deutet dies als Hinweis darauf, dass die Bedingungen in den Lücken vor allem die Reproduktion und das Überleben junger Regenwürmer verbessern.
Viertens: Die Ergebnisse stehen in deutlichem Gegensatz zu nordamerikanischen Studien, in denen Weißwedelhirsche meist positive Effekte auf die dort nicht-heimischen Regenwürmer haben. Die Autorinnen und Autoren führen dies auf drei Unterschiede zurück: andere Hirscharten, andere Regenwurm-Gemeinschaften und andere Waldstrukturen in Nordamerika. Eine direkte Übertragung der nordamerikanischen Befunde auf Europa ist also nicht möglich.
Was das für die Praxis bedeutet
Für die Waldbaupraxis folgt aus der Studie, dass die Wirkung von Kronenöffnungen stark vom Schalenwilddruck abhängt. Eine reine Auflichtung ohne begleitende Reduktion des Wildverbisses verfehlt einen Teil ihres ökologischen Potenzials, weil die Rehe den positiven Effekt auf die Bodenfauna dämpfen. Umgekehrt kann eine erfolgreiche Wildregulierung den Effekt einer waldbaulichen Auflichtung auf die Bodengemeinschaft deutlich verstärken.
Für die Diskussion um Jagdkonzepte liefert die Studie ein neues Argument: Nicht nur die Verjüngung der Bäume, sondern auch die Bodenfruchtbarkeit mitteleuropäischer Wälder hängt davon ab, dass Schalenwildbestände nicht über ein ökologisch verträgliches Maß hinaus anwachsen. In vielen deutschen Mittel- und Hochwildrevieren entspricht die heutige Wilddichte nicht mehr diesem verträglichen Maß. Die Studie stützt die Forderung, bei der Festlegung von Abschussplänen nicht nur die Verjüngung der Hauptbaumarten, sondern auch bodenbiologische Kriterien zu berücksichtigen.
Für Forstbetriebe, die mit Wasserknappheit kämpfen, ist die Erkenntnis zentral, dass Kronenöffnungen nicht nur die Baumverjüngung, sondern auch die Bodenfeuchte und damit das gesamte Ökosystem positiv beeinflussen können. Eine moderate Auflichtung in Kombination mit erfolgreicher Wildbejagung kann auf trockengefährdeten Standorten die Resilienz des gesamten Waldbodens stärken.
Vertiefung: Was die Befunde im Kontext bedeuten
Die Ergebnisse passen zu einer Reihe neuerer europäischer Studien, die zeigen, dass Rehwild die Waldbodenfauna weit stärker beeinflusst als bislang angenommen. Die Freiburger Studie ergänzt diese Befunde um die wichtige Erkenntnis, dass Kronenstruktur und Wilddichte nicht unabhängig voneinander betrachtet werden dürfen. Waldbauliche Eingriffe und Wildmanagement müssen kombiniert gedacht werden, wenn die Standortproduktivität gesichert werden soll.
Für die forstliche Ausbildung in Mitteleuropa ergibt sich daraus die Aufgabe, Wildbiologie und Waldbau stärker als bisher in gemeinsamen Lehrveranstaltungen zu behandeln. Die Erkenntnis, dass eine erfolgreiche Wildregulierung die Wirkung waldbaulicher Eingriffe auf das gesamte Waldökosystem verstärkt, sollte Eingang in die Jagdprüfung und in die Ausbildung von Forstwirten finden. Bisher wurden diese beiden Bereiche zu oft als getrennte Zuständigkeitsfelder behandelt, was die ökologische Gesamtwirkung von Maßnahmen aus dem Blick geraten ließ.
Darüber hinaus zeigt die Studie exemplarisch, wie wertvoll langfristige experimentelle Versuchsanlagen sind. Die hier ausgewerteten Flächen wurden vor fünf Jahren angelegt; entsprechende Versuche lohnen sich erst über längere Zeiträume. Forstliche Versuchsanstalten, Universitäten und Landesforstbetriebe sollten prüfen, wo in Deutschland ähnliche Versuchsdesigns aufgebaut oder bestehende Anlagen erweitert werden können.
Limitations und offene Fragen
Die Studie hat drei wesentliche Einschränkungen. Erstens wurde nur eine Region in Süddeutschland untersucht. Die Übertragbarkeit auf andere Waldtypen, etwa auf Fichten- oder Kiefernforste im Norden und Osten Deutschlands, ist nicht ohne weiteres gegeben. Zweitens ist die Studie mit fünf Jahren Beobachtungszeitraum mittelfristig, aber nicht langfristig genug, um dauerhafte Effekte auf die Regenwurmpopulation sicher zu belegen. Drittens wurde der Einfluss weiterer Bodenorganismen wie Springschwänze oder Milben nicht untersucht. Ein nächster Forschungsschritt könnte diese Organismengruppen einbeziehen und die Studie auf weitere Standorte und Bestandestypen ausdehnen.
Die hier vorgestellten Ergebnisse stehen im Einklang mit bzw. ergänzen neuere Erkenntnisse zur Thematik. Ein Vergleich mit einer Vorgängerstudie aus dem Jahr 2020 aus derselben Region zeigt, dass die damaligen Befunde zur Einzelwirkung von Rehwild auf Regenwürmer durch die neue Analyse deutlich erweitert und in den Kontext von Waldstrukturveränderungen eingeordnet werden.
Quelle: Native earthworms and roe deer in temperate forests: Friends in the sun, foes in the shade. Ecology, 2026. DOI: 10.1002/ecy.70520. PMID: 42772742.
Dieser Artikel wurde mit Hilfe von KI erstellt und dient der allgemeinen Information. Keine Rechts- oder Beratungsempfehlung.