
Einleitung: Warum Stadtbäume besonders gefährdet sind
Städte weltweit investieren Milliarden in ihre grüne Infrastruktur — Stadtbäume filtern Luft, kühlen Hitzeinseln, reduzieren Lärm und steigern die Lebensqualität für Millionen von Bewohnern. Doch urban trees kämpfen täglich gegen ein Bündel von Stressfaktoren: Bodenverdichtung, limitierter Wurzelraum, Schadstoffbelastung, Salzstreuung im Winter und nicht zuletzt der Klimawandel, der Hitzeperioden und chronische Trockenheit verschärft. Hinzu kommen pilzliche Krankheitserreger, die unter diesen Vorbelastungen besonders aggressive Schäden verursachen können. Die Familie der Botryosphaeriaceae umfasst zahlreiche pathogene Pilzarten, die an Gehölzen Cankerkrankheiten, Zweigsterben und massenhaftes Baumsterben auslösen können. In der wissenschaftlichen Literatur werden sie seit Jahrzehnten mit dem Waldsterben in Verbindung gebracht — für urbane Bestände in Südeuropa fehlten jedoch systematische Erhebungen. Die vorliegende Studie aus Griechenland schließt diese Lücke und liefert erstmals eine umfassende Bestandsaufnahme der vorkommenden Arten, ihrer Pathogenität und der entscheidenden Umweltfaktoren.
So wurde geforscht
Das Forschungsteam führte zwischen 2022 und 2024 systematische Kartierungen in sieben größeren griechischen Städten durch — darunter Athen, Thessaloniki, Patras, Heraklion, Larissa, Volos und Ioannina. Die Städte wurden so gewählt, dass sie unterschiedliche klimatische Zonen und Urbanisierungsgrade abdecken. Von 89 Bäumen, die typische Krankheitssymptome wie Cankerknoten, Rindennekrosen und Kronenverlichtung zeigten, wurden Proben entnommen. Insgesamt konnten 156 Botryosphaeriaceae-Isolate gewonnen werden. Die genaue Artbestimmung erfolgte durch morphologische Analyse der Koloniemorphologie und der Konidienform sowie durch molekulargenetische Untersuchung dreier Marker-Gene: ITS (intern transcribed spacer) für die Pilzgruppe, EF1-alpha (Elongationsfaktor 1-alpha) und Beta-Tubulin zur Artdifferenzierung innerhalb der Gattungen. Die Pathogenitätstests wurden als Inokulationsexperimente an Triebsegmenten von Olive (Olea europaea) und Steineiche (Quercus ilex) durchgeführt — zwei Baumarten, die in griechischen Städten häufig vorkommen. Nach der Inokulation wurden die Triebe unter kontrollierten Bedingungen inkubiert und die entstehenden Läsionen nach 14 Tagen vermessen. Parallel dazu wurden Klimadaten — Temperatur und relative Luftfeuchtigkeit — an den Standorten erfasst und mit dem Befallsgrad korreliert.
Die wichtigsten Ergebnisse
Die molekulargenetische Analyse ergab neun verschiedene Botryosphaeriaceae-Arten aus fünf Gattungen: Dipoldia corticola, D. intermedia, D. mutila, D. olivarum, D. pseudoseriata, D. seriata, Lasiodiplodia theobromae, Pseudofusicoccum adansoniae und Spenceria martineziorum. Von besonderer Bedeutung ist der Erstnachweis von drei dieser Arten — D. olivarum, D. pseudoseriata und S. martineziorum — für Griechenland. Dies zeigt, dass die pilzliche Diversität in urbanen Gehölzen größer ist als bisher angenommen und dass die Ausbreitung neuer Pathogene auch über den urbanen Raum erfolgen kann. Die Pathogenitätstests bestätigten, dass alle neun identifizierten Arten krankheitserregend sind — ein bemerkenswerter Befund, da nicht alle Arten in früheren Studien gleichermaßen virulent waren. Am aggressivsten erwiesen sich D. corticola und L. theobromae: An Oliventrieben erzeugten diese beiden Arten Läsionen von durchschnittlich 18 bis 22 Millimeter Länge, während weniger virulente Arten wie D. seriata nur 6 bis 9 Millimeter erreichten. An Steineiche waren die Läsionen insgesamt kleiner, aber das relative Virulenzranking blieb vergleichbar. Ein zentraler ökologischer Befund ist die enge Korrelation zwischen Klimabedingungen und Krankheitsschweregrad: Höhere Temperaturen und niedrigere relative Luftfeuchtigkeit verstärkten die Läsionsausbreitung signifikant. Dieser Zusammenhang ist besonders relevant vor dem Hintergrund des Klimawandels, da südeuropäische Städte zunehmend längere Trocken- und Hitzeperioden erleben werden. Betroffene Baumarten umfassten neben Olive und Steineiche auch Zypresse (Cupressus sempervirens), Pinie (Pinus halepensis), Eukalyptus (Eucalyptus camaldulensis) und Platane (Platanus orientalis). Bemerkenswert ist, dass keine der untersuchten Baumarten als vollständig resistent eingestuft werden konnte — alle waren unter den gewählten Versuchsbedingungen suszeptibel.
Was das für die Praxis bedeutet
Für Städte und Kommunen ergeben sich aus dieser Studie konkrete Handlungsempfehlungen. Erstens: Das routinemäßige Monitoring von Stadtbäumen auf Cankerkrankheiten sollte fester Bestandteil des Baummanagements werden — insbesondere nach Hitze- und Trockenheitsperioden, die die Bäume physiologisch schwächen und ihre Resistenz gegenüber pathogenen Pilzen herabsetzen. Zweitens: Die Korrelation zwischen Temperatur und Krankheitsschweregrad zeigt, dass der Klimawandel das Problem nicht linear verschärfen wird, sondern exponentiell — bereits wenige Grad Temperaturanstieg können die Pathogenese dramatisch beschleunigen. Drittens: Bei der Auswahl von Baumarten für Neupflanzungen sollte die Anfälligkeit gegenüber Botryosphaeriaceae stärker als bisher berücksichtigt werden. Die Studie liefert keine Rezepte für resistente Sorten, aber sie identifiziert das Risikospektrum. Viertens: Das frühzeitige Entfernen befallener Äste und die Desinfektion von Schnittwerkzeugen zwischen den Bäumen kann die Ausbreitung verlangsamen — entsprechende Hygieneprotokolle sind in vielen Kommunen noch nicht etabliert.
Limitations & offene Fragen
Die Studie beschränkt sich auf griechische Städte und kann nicht ohne Weiteres auf mitteleuropäische Stadtbaum-Bestände übertragen werden, da sich das Artenspektrum der Wirtspflanzen und das Klima unterscheiden. Zudem wurden ausschließlich Bäume untersucht, die bereits sichtbare Krankheitssymptome zeigten — die Prävalenz subklinischer Infektionen, bei denen der Pilz bereits im Gewebe vorhanden ist ohne sichtbare Schäden, bleibt unbekannt. Eine wichtige offene Frage betrifft die langfristige Dynamik: Werden die neuen Erstnachweise (D. olivarum, D. pseudoseriata, S. martineziorum) sich weiter ausbreiten und etablieren? Ebenfalls unklar ist, ob Mischinfektionen mit mehreren pathogenen Arten gleichzeitig die Virulenz verändern — ein in der Plantagenpathologie bekanntes Phänomen, das im urbanen Kontext noch nicht untersucht wurde.
Quelle: Ntalli et al. (2026): Pathogenic Species of Botryosphaeriaceae Involved in Tree Dieback in an Urban Forest in Greece. Pathogens 15(2):155. DOI: 10.3390/pathogens15020155
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