Struktur schlägt Fläche: Wie Kronenlücken und Totholz Fledermaus- und Vogeldiversität in deutschen Laubwäldern heben
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Einleitung: Wann ist ein Wald strukturell vielfältig

Jahrhunderte lang hat die Forstwirtschaft Wälder vereinfacht: gleichförmige Bestände, wenige Baumarten, wenige Altersklassen, ein stark reduziertes Totholz. Was dabei verloren ging, war nicht nur Lebensraum für einzelne Arten, sondern die räumliche Vielfalt an Lebensbedingungen. Die Annahme, dass sich diese Vielfalt durch wenige waldbauliche Maßnahmen wiederherstellen lässt, ist kaum geprüft. Eine Auswertung von 11 Experimentallandschaften in Deutschland geht dieser Frage nun mit akustischen Aufnahmen von Fledermäusen und Vögeln nach und liefert ein differenziertes Bild.

Die Untersuchung vergleicht strukturell vielfältige Buchenwälder mit strukturell armen Kontrollbeständen anhand von drei Diversitätsmaßen: der Vielfalt innerhalb einzelner Bestandsteile, der Unterschiedlichkeit zwischen den Bestandsteilen und der Vielfalt über die gesamte Landschaft. Das Ergebnis ist bemerkenswert uneinheitlich, und gerade das macht es für die Praxis wertvoll. Fledermäuse und Vögel profitierten beide von der strukturellen Anreicherung, aber auf grundverschiedene Weise und in unterschiedlichen räumlichen Maßstäben. Eine Maßnahme zur Strukturverbesserung wirkt also nicht für alle Artengruppen gleich.

So wurde geforscht: 11 Landschaften, 234 Flächen, zwei Tiergruppen

Die Studie nutzt ein großes, wiederholtes Landschaftsexperiment in elf Waldgebieten, die von den Universitätsforsten über den Bayerischen Wald bis in den Hunsrück, nach Passau, ins Saarland und nach Lübeck reichen. Untersucht wurden 234 Waldflächen auf Höhen zwischen 38 und 1144 Metern, verteilt über ganz Deutschland. Jedes Gebiet enthielt behandelte und unbehandelte Vergleichsflächen, sodass der Effekt an jedem Standort einzeln geprüft werden konnte. Die behandelten Flächen waren zuvor durch Kronenlücken und Totholz strukturell angereichert worden.

Die Erfassung erfolgte mit autonomen akustischen Aufnahmegeräten, die nachts die Rufgeräusche von Fledermäusen und tagsüber die Stimmen von Vögeln aufzeichneten, mit automatischer Artenerkennung. Bei den Vögeln wurde zusätzlich ein Schwellenwertverfahren angewandt: Eine Art galt erst dann als nachgewiesen, wenn sie über eine bestimmte Zahl von Einzelaufnahmen in der Fläche erfasst worden war, damit zufällige Einzelrufe keine seltene Art vortäuschen. Die Auswertung erfolgte auf drei räumlichen Ebenen: innerhalb einer Fläche, zwischen den Flächen eines Gebiets und über das Gebiet hinweg.

Die Rohdaten, den ausgewerteten Code und die erweiterten Abbildungen haben die Forschenden in einem öffentlichen Datenarchiv veröffentlicht. An den 234 Flächen wurden 17 Fledermausarten und 72 Vogelarten erfasst. Für die Fledermäuse lag die Artenzahl je Fläche im Mittel bei 4,4, für die Vögel bei 40,5. Die Veröffentlichung erlaubt es anderen Forschenden, die Auswertung zu prüfen.

Die wichtigsten Ergebnisse

Der erste Befund ist die unterschiedliche Reaktionsweise der beiden Tiergruppen. Bei den Fledermäusen wurde der Anstieg der Vielfalt über die gesamte Landschaft vor allem durch die zunehmende Unterschiedlichkeit zwischen den Bestandsteilen getrieben, also durch das Auseinanderdriften der Artenzusammensetzung von Fläche zu Fläche; die Vielfalt innerhalb einzelner Flächen blieb weitgehend unverändert. Vögel reagierten genau umgekehrt: Bei ihnen stieg die Vielfalt über die Landschaft ausschließlich über die Vielfalt innerhalb der einzelnen Fläche, während die Unterschiedlichkeit zwischen den Flächen unberührt blieb. Der Mechanismus ist plausibel: Fledermäuse reagieren auf räumliche Heterogenität im weiteren Umfeld, Vögel auf die Habitatqualität unmittelbar vor ihnen.

Der zweite Befund betrifft die Art der Vielfalt, die zunimmt. Bei den Fledermäusen handelte es sich überwiegend um taxonomische Vielfalt, also mehr verschiedene Arten; ihre funktionale Ähnlichkeit blieb bestehen. Bei den Vögeln war es genau umgekehrt: Der Zugewinn an funktionaler Vielfalt war am stärksten, die Arten blieben einander in ihren Merkmalen ähnlicher, unterschieden sich aber stärker in ihren Lebensweisen. Für den Artenschutz folgt daraus, dass Taxonomie und Funktionalität nicht dasselbe messen.

Der dritte Befund ist die Größenordnung der metaanalytischen Effekte, die über alle elf Gebiete hinweg berechnet wurden. Auf Landschaftsebene lag der geschätzte Zugewinn an taxonomischer Vielfalt bei plus 1,75 für Fledermäuse und plus 2,00 für Vögel, an funktionaler Vielfalt bei plus 0,51 beziehungsweise plus 2,02. Deutlich unterschiedlich fällt der Blick innerhalb einzelner Flächen aus: Bei den Fledermäusen stieg die Artenzahl dort lediglich um 0,14, bei den Vögeln dagegen um 2,24. Der Landschaftseffekt der Fledermäuse entsteht also fast vollständig aus der unterschiedlichen Zusammensetzung der Flächen, der der Vögel aus der Anreicherung jeder einzelnen Fläche.

Der vierte Befund betrifft die Datenqualität. Für die Vögel lag die abgedeckte Datenmenge der Analyse bei 99,1 Prozent, für die Fledermäuse bei 76,2 Prozent. Die Schätzungen sind damit bei den Vögeln eng abgesichert, bei den Fledermäusen weniger. Zugleich fällt auf, dass die Artenzahl je Fläche bei Fledermäusen stark schwankte und in einzelnen Kontrollflächen sogar null betrug, während sie bei Vögeln nie unter 11 lag. Fledermäuse reagieren empfindlicher auf die Ausgestaltung einzelner Flächen als Vögel.

Der fünfte Befund betrifft die Verteilung der Arten auf die Flächen. Bei den Vögeln wurden auf den behandelten Flächen 71 Arten nachgewiesen, auf den Kontrollflächen 70, bei den Fledermäusen 17 gegenüber 16. Die Artenzahl ist in beiden Gruppen ähnlich hoch, die Verteilung auf die Flächen nicht. Die Zwergfledermaus wurde mit über 15.500 Detektionen am häufigsten erfasst, das Braune Langohr dagegen nur viermal. Solche Konzentrationen in der Nähe von Quartieren und Wasserflächen sind für Fledermäuse typisch und erklären die Schwankung auf kleiner Fläche.

Was das für die Praxis bedeutet

Der praktische Kern der Studie ist die Unterscheidung zwischen Fläche und Landschaft. Wer eine einzelne Waldfläche strukturell anreichert, verbessert die Lebensbedingungen dort messbar, die eigentliche Wirkung entfaltet sich aber erst, wenn mehrere Flächen eines Betriebes behandelt werden. Maßnahmen zur Strukturverbesserung sollten daher über die Flächenscharfe hinaus geplant werden: Eine Fläche mit Kronenlücken und Totholz inmitten homogen bewirtschafteter Nachbarbestände bringt weniger als eine Reihe solcher Flächen im räumlichen Verbund.

Die zweite Konsequenz betrifft die Zielgruppe. Vögel profitieren von der Aufwertung der jeweils betrachteten Fläche, Fledermäuse vom räumlichen Kontext. Eine Maßnahme, die nur die eine Gruppe im Blick hat, verfehlt die andere. Für die Beratungspraxis heißt das, die Zielgruppe vor der Maßnahme zu benennen und die Flächenauswahl daran auszurichten, statt Totholz und Kronenlücken als Selbstzweck zu behandeln.

Drittens liefert die Untersuchung eine realistische Erwartung für die Erfolgskontrolle. Bei Fledermäusen ist der Zugewann an Arten je Fläche mit rund einem Zehntel Art gering, bei Vögeln liegt er bei gut zwei Arten. Das klingt wenig, ist aber nicht enttäuschend, weil die Vielfalt auf Landschaftsebene deutlich stärker zunimmt. Eine Bewertung, die nur die Artenliste einer einzelnen Fläche zählt, wird den Effekt unterschätzen und die Maßnahme vorschnell als wirkungslos einstufen.

Grenzen der Untersuchung

Die Aussagekraft ist durch die Auswahl der Standorte begrenzt. Die untersuchten Wälder sind Laubwälder, überwiegend Buche; die Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres auf Nadelholzbestände übertragen, in denen Totholz anders verrottet. Auch die Zahl der untersuchten Artengruppen ist klein: Fledermäuse und Vögel stehen für zwei wichtige, aber nicht für alle wirbellosen Tiere und Pflanzengruppen, auf die strukturelle Vielfalt wirkt.

Zudem ist der Mechanismus der Maßnahme an die Ausgangslage der Flächen gebunden. Die Anreicherung von Kronenlücken und Totholz setzt Bäume voraus, die gefällt werden können. In Beständen mit geringem Grundbestand oder auf Standorten mit schnell zerfallendem Totholz ist der Effekt kleiner. Hinzu kommt ein zeitlicher Aspekt: Die beiden Gruppen reagieren auf Habitatveränderungen unterschiedlich schnell, und eine Aufnahme kurz nach der Maßnahme bildet den Endzustand nicht ab. Die öffentlich zugänglichen Rohdaten sind ein echtes Plus, weil sie eine spätere Auswertung ermöglichen.

Quelle

Restoring structural complexity in temperate forests increases bat and bird diversity. Current Biology 36 (11), 2840-2852, 2026. DOI: 10.1016/j.cub.2026.04.058


Dieser Artikel wurde mit Hilfe von KI erstellt und dient der allgemeinen Information. Keine Rechts- oder Beratungsempfehlung.