Wachstum lockt Insekten: Wie Blatteigenschaften den Verbiss in Mischwäldern steuern
KI-generiert | Nur zur Veranschaulichung

Einleitung: Warum Mischwälder Insekten anziehen

In der Forstwissenschaft gilt der Mischwald seit langem als robuster als die Monokultur. Er trocknet weniger aus, leidet weniger unter einzelnen Schädlingen und liefert in der Regel stabilere Erträge. Eine neue Synthesestudie aus dem Fachjournal Nature Ecology and Evolution zeigt nun allerdings, dass dieser Vorteil eine Schattenseite hat: Je vielfältiger ein Bestand ist, desto stärker wird er tendenziell von Insekten angefressen. Der Befund ist relevant für jede waldbauliche Entscheidung in Mitteleuropa, weil er eine zentrale Frage stellt, die bisher unter dem Tisch fiel: Ist der Mehrzuwachs im Mischwald tatsächlich ein Nettogewinn, wenn die Pflanzenfresser mitverrechnet werden?

Die Studie baut auf einem außergewöhnlich breiten Datensatz auf. Acht forstliche Biodiversitätsexperimente, fast 8800 vermessene Bäume aus 80 Arten, Standorte in gemäßigten und subtropischen Klimazonen. Es handelt sich um eine der ersten Auswertungen, die Wachstum und Insektenverbiss gemeinsam und über mehrere Kontinente hinweg quantifizieren.

So wurde geforscht

Die Autorinnen und Autoren nutzten Daten aus neun großen Biodiversitätsexperimenten, die meisten davon nach dem Standardprotokoll des internationalen TreeDivNet-Netzwerks. In jedem Experiment waren Parzellen mit unterschiedlicher Baumartenanzahl angelegt, von artenarmen Reinbeständen bis hin zu Mischungen mit acht oder mehr Arten. An allen Standorten wurden Wachstumsraten und Schädigungsgrade durch Insektenfraß einheitlich erfasst. Zusätzlich wurden funktionelle Blatteigenschaften wie das Kohlenstoff-Stickstoff-Verhältnis, die Blattmasse pro Fläche und die Blattzähigkeit bestimmt. Diese Trait-Daten wurden mit den Wachstums- und Verbisswerten verknüpft.

Der methodische Ansatz kombinierte klassische gemischte Modelle mit Meta-Analysen über die Standorte hinweg. So ließ sich prüfen, welche Zusammenhänge artspezifisch, welche standortsabhängig und welche generalisierbar sind. Die Stichprobe umfasste 8790 vermessene Einzelbäume, was der Arbeit eine hohe statistische Aussagekraft verleiht. Die Spanne reichte von kühl-gemäßigten Standorten in Mitteleuropa bis zu subtropischen Wäldern in Südchina, wodurch die Ergebnisse über reine Mitteleuropa-Bedingungen hinausweisen.

Die wichtigsten Ergebnisse

Erstens zeigte sich ein klarer positiver Zusammenhang zwischen Baumartenvielfalt und Insektenverbiss. In artenreicheren Parzellen war der Anteil der Blattfläche, der von Insekten entfernt worden war, im Durchschnitt höher als in artenarmen Parzellen. Das widerspricht der verbreiteten Annahme, dass Mischwälder per se weniger Schädlingsdruck haben. Die Begründung der Autorinnen und Autoren: In Mischbeständen treffen Insekten auf ein vielfältigeres Nahrungsangebot und können sich stärker spezialisieren oder opportunistisch ausbreiten.

Zweitens war auch das Baumwachstum selbst positiv mit dem Verbiss korreliert. Schneller wachsende Bäume wurden stärker befressen als langsam wachsende. Dieser Zusammenhang zeigte sich auf drei Ebenen: am Einzelbaum, auf Artebene und auf Bestandesebene. Das passt zu zwei konkurrierenden ökologischen Hypothesen, der Ressourcenverfügbarkeitshypothese und der Pflanzenvitalitätshypothese, die beide vorhersagen, dass gut versorgte, vitale Pflanzen stärker unter Herbivoren leiden, weil sie für Insekten attraktiver oder leichter verdaulich sind.

Drittens spielten die Blatteigenschaften eine entscheidende Rolle als Moderator. Baumarten mit einem hohen Kohlenstoff-zu-Stickstoff-Verhältnis, also nährstoffarme, schwer verdauliche Blätter, zeigten einen überproportional starken Anstieg des Verbisses, wenn ihr Wachstum zunahm. Etwas schwächer, aber signifikant, galt das auch für Baumarten mit zäheren Blättern. Arten mit nährstoffreichen, weichen Blättern zeigten diesen Effekt kaum. Praktisch heißt das: In stickstoffarmen oder trockenen Lagen kann der Verbissdruck mit zunehmendem Wachstum überproportional ansteigen.

Viertens variierte der Zusammenhang zwischen Wachstum und Verbiss je nach Standort. Klimatische Bedingungen und Bodeneigenschaften modulierten die Stärke des Effekts. Auf Standorten mit guter Wasserversorgung und nährstoffreichen Böden war der Zusammenhang zwischen Wachstum und Verbiss tendenziell stärker ausgeprägt als auf stressgeprägten Standorten. Das hat unmittelbare Konsequenzen für die waldbauliche Planung in Regionen mit hoher Wuchsleistung, etwa in den Tieflagen Norddeutschlands oder in den kollinen Bereichen Süddeutschlands.

Was das für die Praxis bedeutet

Die Ergebnisse mahnen zur Vorsicht bei der pauschalen Empfehlung „mehr Mischwald“. Mischwälder bleiben aus vielen Gründen sinnvoll, Risikostreuung, Bodenpflege, Biotopverbund, aber das Argument „weniger Insektenfraß“ lässt sich nicht länger aufrechterhalten. Forstwirtinnen und Forstwirte sollten bei der Anlage artenreicher Bestände das Monitoring der Verbissbelastung von Anfang an mitdenken, gerade in Regionen mit hoher Wuchsdynamik. Pflanzenschutzkonzepte und Jagdmanagement gewinnen in Mischwäldern an Gewicht.

Ein zweiter Praxisaspekt betrifft die Baumartenwahl. Auf Standorten mit bekanntermaßen hohem Verbissdruck durch Eichenwickler, Schwammspinner oder blattfressende Käfer kann es sinnvoll sein, Baumarten mit ungünstigen Blatteigenschaften für die Insekten zu bevorzugen. Also Arten mit hohen C/N-Verhältnissen und kräftigeren Blättern, die nach den neuen Befunden weniger unter Verbiss leiden, wenn das Wachstum anzieht. Allerdings gehen solche Wahlentscheidungen immer zu Lasten anderer Ziele, etwa der Wertholzproduktion, weshalb eine sorgfältige Abwägung nötig bleibt.

Vertiefung: Was passiert, wenn der Verbiss mit dem Klimawandel steigt

Ein noch nicht abschließend geklärter Aspekt ist die Interaktion mit dem Klimawandel. Wärmere und längere Vegetationsperioden können das Wachstum vieler Baumarten in Mitteleuropa weiter ankurbeln, gleichzeitig begünstigen sie die Entwicklung vieler Insektenarten. Wenn die in dieser Studie gefundene Kopplung zwischen Wachstum und Herbivorie unter wärmeren Bedingungen bestehen bleibt oder sich sogar verstärkt, dürfte der Verbissdruck in Mischwäldern künftig tendenziell zunehmen. Genau hier setzen laufende Folgeuntersuchungen an, etwa die Erweiterung der TreeDivNet-Plots um Stickstoffeintrags- und Trockenstress-Gradienten. Bis dahin ist die einzig sichere Empfehlung, das Monitoring in jungen Mischwäldern nicht zu vernachlässigen und die Wildschadenssituation aktiv zu beobachten.

Für die waldbauliche Praxis bedeutet das, dass ein klassisches Reinbestandsdenken in Richtung eines integrierten Verbiss-Managements verändert werden muss. Wo sich Mischbestände etablieren lassen, sollte das Wildmanagement konsequent mitgedacht werden. Gleichzeitig gewinnen trockenheitstolerante Baumarten an Bedeutung, deren Wachstum unter Hitzestress weniger stark ausfällt und damit auch das Risiko eines überproportionalen Verbissanstiegs begrenzt. Die Buche, in Mitteleuropa ohnehin eine Schlüsselbaumart, könnte in dieser Hinsicht an Profil gewinnen, weil sie auf besseren Standorten vital wächst, auf schlechteren jedoch ihr Wachstum drosselt und damit die Kopplung zwischen Wachstum und Insektenfraß teilweise entkoppelt.

Limitations und offene Fragen

Die Studie erfasst ausschließlich Insektenherbivorie und lässt die Frage nach Wildverbiss durch Reh- und Rotwild außen vor. In Mitteleuropa ist der Wildverbiss allerdings oft der wichtigste Einzelfaktor für das Überleben junger Bäume. Eine vergleichbare Meta-Analyse über die Verzahnung von Baumwachstum, Blatteigenschaften und Wildverbiss steht noch aus. Auch wurden in der Synthesearbeit keine pathogenen Effekte wie Pilzbefall oder Wurzelschäden mitberücksichtigt, die in der Praxis häufig mit der Insektenherbivorie interagieren. Schließlich war die Mehrzahl der untersuchten Standorte jünger als 20 Jahre, sodass Aussagen zu älteren Beständen mit etablierter Kronenarchitektur noch fehlen.

Trotz dieser Einschränkungen liefert die Studie einen wichtigen Baustein für die waldbauliche Diskussion. Der Mischwald bleibt richtig, aber die einfache Erzählung „bunt gleich besser“ wird durch eine differenziertere Betrachtung ersetzt, in der das Wachstum selbst zum Attraktor für Schadorganismen werden kann.

Quelle: Wang et al., The tree growth-herbivory relationship depends on functional traits across forest biodiversity experiments. Nature Ecology and Evolution, 2025. DOI: 10.1038/s41559-025-02835-z


Dieser Artikel wurde mit Hilfe von KI erstellt und dient der allgemeinen Information. Keine Rechts- oder Beratungsempfehlung.