
Einleitung: Warum ändert sich das Verhältnis von Waldbrand und Klima?
In Südeuropa gehören Waldbrände fest zum Sommerrhythmus – doch wo die Brandsaison heute zunimmt und warum, das ist nicht für alle Regionen gleich zu beantworten. Eine neue Analyse aus Griechenland mit Datenreihen bis ins Jahr 1997 zurück zeigt, dass sich die Beziehung zwischen Waldbrandgeschehen und Klima in Teilen des Landes grundlegend verschoben hat. Das Forschungsteam um Nikolaos Koutsias von der Universität Patras hat in Science of the Total Environment veröffentlicht, dass sich Nordgriechenland offenbar von einem klimatisch begrenzten hin zu einem brennstofflich stärker mitbestimmten Feuer-Regime entwickelt – ein Hinweis mit unmittelbarer Relevanz auch für südeuropäische Nachbarn und für zunehmend trockenheitsgefährdete Mittelmeerregionen.
Die Studie ist die erste griechenlandweite Langzeit-Analyse, die das Fire-Climate-Verhältnis systematisch entlang eines Nord-Süd-Gradienten kartiert. Sie testet gleichzeitig eine klassische ökologische Hypothese aus der Feuerökologie – die sogenannte Intermediate-Fire-Productivity-Hypothese – an einem realen Datensatz über 37 Jahre.
So wurde geforscht
Die Autor:innen verknüpften dokumentierte Feuerereignisse aus dem griechischen Feuerregister (für den Zeitraum 1961–1997) mit monatlichen Wetterdaten, insbesondere dem Bagnouls-Gaussenschen Ariditäts- bzw. Xerotherm-Index (BGI). Dieser Index fasst die kombinierte Wirkung von Niederschlag und Temperaturextremen zusammen und gilt in der mediterranen Klimatologie als robuster Trockenheits-Indikator. Für jeden Feuereintrag berechneten sie den regionalen Klimakontext und gruppierten die Daten nach Höhenstufen sowie nach einem Nord-Süd-Gradienten.
Statistisch prüften die Forscher:innen, ob der Zusammenhang zwischen jährlicher Brandfläche bzw. Brandanzahl und dem BGI-Index sich über die 37 Jahre verändert hat – getrennt für Nord- und Südgriechenland sowie für Höhenstufen. Eine Veränderung über die Zeit würde darauf hindeuten, dass nicht nur das Wetter, sondern auch das Klima (langfristige Trends) die Feuerdynamik mitprägt.
Die wichtigsten Ergebnisse
1. Zwei gegensätzliche Fire-Regime in Nord- und Südgriechenland. Die Daten bestätigen die Intermediate-Fire-Productivity-Hypothese sehr klar: In Nordgriechenland, wo die Wälder produktiv und biomassareich sind, ist Feuer vor allem durch das Klima limitiert (klimatisch-moisture-limitiertes Regime). In Südgriechenland, wo die Biomasse knapper ist, brennt es weniger, weil schlicht Brennstoff fehlt – ein brennstoff-limitiertes Regime. Diese Unterscheidung ist statistisch robust und räumlich stabil.
2. Nordgriechenland verschiebt sich vom Klima- zum Brennstoff-Regime. Über die 37 Jahre schwächt sich der Zusammenhang zwischen Klima (BGI) und Brandgeschehen in Nordgriechenland signifikant ab. Das bedeutet: Wo Feuer früher vor allem dann ausbrach, wenn es besonders trocken war, ist heute zunehmend auch die Brennstoffsituation entscheidend. Die Forschenden interpretieren das als Folge der Klimaerwärmung, die auch in Nordgriechenland längere Trockenperioden und damit eine dichtere, leichter entzündliche Streuschicht erzeugt.
3. Südgriechenland bleibt stabil brennstoff-limitiert. Im Süden ändert sich der Feuer-Klima-Zusammenhang über die Zeitspanne kaum – hier brennt es weiterhin vor allem dann, wenn genügend Biomasse nachgewachsen ist. Die Dürre als Auslöser spielt südlich der Klimascheide eine geringere Rolle, weil ohnehin weniger Brennstoff zur Verfügung steht.
4. Höhenstufen verschärfen den Kontrast. In höheren Lagen Nordgriechenlands ist der Klima-Effekt auf das Feuerregime am stärksten, in tieferen Lagen schwächt er sich am schnellsten ab. Das stützt die These, dass klimatische Veränderungen zunächst in den oberen Lagen – wo die Wälder ohnehin produktiver sind – als veränderte Feuerdynamik sichtbar werden.
5. Die Daten gehen bis 1997 zurück und sind dadurch besonders aussagekräftig. Studien, die nur die letzten 20 Jahre analysieren, laufen Gefahr, kurzfristige Wetterkapriolen mit langfristigen Trends zu verwechseln. Die hier genutzten 37 Jahre erlauben eine echte Trendanalyse, die über das übliche Signal-Rauschen kurzlebiger Feuersaisons hinausgeht.
Was das für die Praxis bedeutet
Für die mitteleuropäische Forstpraxis ist die direkte Übertragung begrenzt – Griechenland hat andere Baumarten und ein anderes Feuermanagement als Deutschland oder Österreich. Aber die Mechanik ist übertragbar: Wo Klimaerwärmung die Vegetationsperiode verlängert und Trockenphasen verschärft, verschiebt sich auch bei uns der Zusammenhang zwischen Wetter und Waldbrandgeschehen. Die griechischen Daten liefern damit eine Art Frühwarn-Vignette dafür, was in trockenheitsgefährdeten Mittelgebirgswäldern Süddeutschlands oder in den Kiefern-Trockenregionen Brandenburgs und Sachsens passieren könnte, wenn die Sommerdürre weiter zunimmt.
Für den griechischen Forstsektor zeigen die Ergebnisse, dass die Brandschutzplanung Nord- und Südgriechenland unterschiedlich behandeln muss. Im Norden, wo sich das Regime gerade verschiebt, sind gezielte Brennstoff-Management-Maßnahmen – etwa kontrollierte Brenneinsätze, Pflege von Brandschneisen und Aufbau eines dichten Brennstoff-Monitorings – dringender als je zuvor. Im Süden bleibt das Management brennstofforientiert: Pflege und Erhalt der schütteren Macchien-Landschaften, Schutz der Wiederbewaldungsflächen.
Was das für die Praxis bedeutet – Vertiefung
Eine zentrale Botschaft der Studie ist, dass Klimaerwärmung sich nicht in jedem Waldgebiet gleich auf die Feuerdynamik auswirkt. In produktiven Wäldern mit hohem Brennstoffangebot kann der Klimatrend die Wahrscheinlichkeit extremer Brände überproportional steigern, weil mehr Biomasse unter trockeneren Bedingungen zur Verfügung steht. Diese Einsicht deckt sich mit Modellrechnungen, die für Süddeutschland und Österreich eine Zunahme der Tage mit hoher und sehr hoher Waldbrandgefahr prognostizieren – bisher aber oft ohne den Nord-Süd- oder Höhen-Gradienten im Detail aufzulösen.
Für Forstbetriebe, die aktuell Wiederbewaldungsflächen nach Trockenheit und Borkenkäfer-Kalamitäten betreuen, ist das ein wichtiges Warnsignal: Frische Kulturen und junge Stangenhölzer, die in der Aufbauphase viel oberirdische Biomasse produzieren, können unter Sommertrockenheit selbst zum Brandbeschleuniger werden – nicht nur als Brennstoff, sondern auch als Austrittsfläche für schwer kontrollierbare Stamm- und Kronenbrände. Das spricht für eine stärkere Beimischung von laubabwerfenden Baumarten, für gestaffelte Altersklassen und für ein gezieltes Brennstoffmanagement entlang von Wegen und Siedlungsrändern.
Limitations & offene Fragen
Der Datensatz endet im Jahr 1997, neuere Entwicklungen sind nicht abgebildet – gerade in der Phase nach 2000 hat sich das mediterrane Feuerregime weiter verschärft. Eine Fortschreibung mit aktuellen Branddaten würde zeigen, ob der in den 1990er-Jahren beobachtete Trend sich stabilisiert oder beschleunigt hat. Außerdem beschränkt sich die Analyse auf Griechenland: Eine vergleichbare Studie über den gesamten Mittelmeerraum oder für Südeuropa insgesamt wäre der nächste Schritt, den Übergang vom klimatisch- zum brennstoff-limitierten Regime regional zu kartieren. Schließlich fehlt eine direkte Verknüpfung mit Landnutzungsänderungen (Aufforstung, Nutzungsaufgabe, Brachfallen landwirtschaftlicher Flächen), die in Südgriechenland das Brennstoffangebot mit beeinflussen. Eine integrierte Fire-Climate-Landuse-Studie wäre methodisch der logische nächste Schritt und hätte unmittelbare Relevanz für die EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur.
Quelle: Koutsias N, Fotiadi A, Alatsaris M (2026): Changing patterns of forest fires-climate relationships during 1961–1997 in Greece: Is it the effect of climate change? Science of the Total Environment. DOI: 10.1016/j.scitotenv.2026.182051
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