
Einleitung: Warum diese Frage relevant ist
Europas Wälder verändern sich tiefgreifend. Stürme, Brände, Dürreperioden und der Borkenkäfer haben die Störungsdynamik in den vergangenen drei Jahrzehnten massiv erhöht. Während die Forstwissenschaft diese Entwicklungen aus Sicht der Holzwirtschaft und der Waldpflege intensiv untersucht hat, blieb eine zentrale Frage bislang offen: Wie reagieren große wild lebende Pflanzenfresser auf diese zunehmend gestörten Waldlandschaften? Besonders für das Schalenwild-Management in Mitteleuropa ist diese Frage entscheidend, denn Rotwild, Rehwild und neuerdings auch der Wisent reagieren empfindlich auf Veränderungen ihrer Lebensräume.
Ein internationales Forscherteam hat nun erstmals die Auswirkungen von Waldstörungen auf die Lebensraumeignung für vier große Huftierarten in Europa quantifiziert. Die im Fachjournal Nature Ecology & Evolution veröffentlichte Studie kombiniert dazu Satellitendaten zur Waldstörung mit GPS-Telemetriedaten von Wildtieren über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahrzehnten. Die Ergebnisse stellen einige Grundannahmen der Forst- und Jagdpraxis infrage und liefern gleichzeitig neue Ansatzpunkte für ein ausgewogenes Wildtiermanagement.
So wurde geforscht
Die Studie stützt sich auf einen außergewöhnlich umfangreichen Datensatz: Die Forschungsgruppe wertete GPS-Ortungsdaten von insgesamt 3.069 Individuen aus, verteilt auf vier große Huftierarten — den Europäischen Wisent, den Elch, das Rotwild und das Rehwild. Diese Tiere wurden in insgesamt 13 europäischen Ländern mit Sendern ausgestattet und über Zeiträume von teils mehr als zehn Jahren überwacht. Damit stand den Forschenden ein kontinentaler Bewegungsdatensatz zur Verfügung, der in dieser Dichte und Vielfalt bislang einmalig ist.
Parallel dazu erstellten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf Basis von Landsat-Satellitendaten Karten der Waldstörungen für den Zeitraum 1985 bis 2023. Störungen umfassten dabei Windwürfe, Brände, Borkenkäferbefall und andere abrupte Bestandesverluste. Durch statistische Modellierung wurde für jeden einzelnen GPS-Standort eines Tieres ermittelt, ob es sich in einer gestörten oder ungestörten Waldfläche aufhielt. Anschließend berechneten die Forschenden die Wahrscheinlichkeit, mit der jede Art Störungsflächen aktiv auswählte — kontrolliert um die generelle Verfügbarkeit solcher Flächen im jeweiligen Streifgebiet.
Die wichtigsten Ergebnisse
1. Über alle vier untersuchten Arten hinweg zeigte sich eine klare Tendenz zur aktiven Auswahl gestörter Waldflächen. Die Tiere suchten solche Flächen also nicht zufällig auf, sondern bevorzugten sie gegenüber ungestörten Waldbereichen. Dieser Effekt war besonders stark in den ersten Jahren nach einer Störung, hielt aber bemerkenswerterweise über mindestens 35 Jahre hinweg an. Die Pflanzenfresser nutzten Störungsflächen demnach nicht nur als kurzfristige Übergangshabitate, sondern als langfristige Ressource im Jahreszyklus.
2. Kleinere Störungsflächen wurden bevorzugt gegenüber großen Kahlflächen. Die Auswahlwahrscheinlichkeit stieg deutlich, wenn die gestörte Fläche mosaikartig in einen ungestörten Wald eingebettet war. Diese Beobachtung deutet darauf hin, dass die Tiere Deckung und gleichzeitig ein reichhaltiges Nahrungsangebot suchen — beides ist auf kleinen Lichtungen am besten kombiniert. Besonders das Rehwild profitierte von dieser Struktur.
3. Die Reaktionen waren artspezifisch und spiegelten die jeweiligen Äsungsstrategien wider. Rotwild und Elch, die sich überwiegend von Gräsern, Kräutern und jungen Trieben ernähren, reagierten am stärksten auf Störungen, da dort die Bodenvegetation kurz nach einem Bestandesverlust besonders üppig wächst. Wisent und Rehwild zeigten ebenfalls positive Reaktionen, jedoch in abgeschwächter Form und abhängig vom Vorhandensein alternativer Nahrungsflächen wie Wiesen oder landwirtschaftlichen Flächen in der Umgebung.
4. Die Verfügbarkeit von Ausweichflächen außerhalb des Waldes war ein entscheidender Moderator. In Regionen, in denen Grasländer und Äcker an Waldflächen angrenzten, war die Auswahl gestörter Waldflächen weniger stark ausgeprägt. Die Tiere konnten offensichtlich zwischen verschiedenen Nahrungsressourcen wechseln. In waldreichen Regionen mit wenig Offenland, wie in großen Teilen Mitteleuropas, war der Effekt dagegen am deutlichsten.
5. Die Modellrechnungen zeigten, dass die Lebensraumeignung für alle vier Arten zwischen 2000 und 2023 in weiten Teilen Europas gestiegen ist. Diese Verbesserung fiel zeitlich mit der Zunahme der Waldstörungen zusammen. Besonders in den vom Borkenkäfer betroffenen Gebieten Mitteleuropas — etwa in deutschen Mittelgebirgen, im Böhmerwald und in den Sudeten — fanden die Modelle deutliche Zunahmen der Habitatqualität für das Schalenwild. Die Forschenden betonen, dass dieser positive Trend eine ambivalente Seite hat: Er erhöht die Wildschadensrisiken in der Forstwirtschaft, kann aber auch zur Wiederherstellung natürlicher Wildtierpopulationen beitragen.
Was das für die Praxis bedeutet
Für die Forstwirtschaft in Deutschland, Österreich und der Schweiz hat die Studie unmittelbare Konsequenzen. Die Zeiten, in denen Störungsflächen konsequent und schnellstmöglich wieder aufgeforstet wurden, sollten überdacht werden. Kleinere, mosaikartige Störungen — etwa nach einem lokalen Sturmereignis oder einem begrenzten Borkenkäferbefall — bieten dem Schalenwild offenbar dauerhaft wertvolle Äsungsflächen. Forstbetriebe könnten diesen Umstand nutzen, indem sie auf solchen Flächen gezielt Wildäcker oder Äsungsverbesserungen anlegen und so das Wild von wirtschaftlich sensiblen Verjüngungsflächen ablenken.
Umgekehrt bedeutet die Erkenntnis, dass eine ständig wachsende Wildpopulation in strukturreichen Wäldern die Verjüngung gefährden kann. Die Forschenden empfehlen ein aktives Wildtiermanagement, das sowohl die Lebensraumansprüche der Tiere als auch die Ziele der Forstwirtschaft berücksichtigt. Insbesondere in Regionen mit hoher Borkenkäferdynamik und in Großschutzgebieten sollte das Monitoring der Wildbestände verstärkt werden, um eine Eskalation der Wildschäden zu vermeiden. Gleichzeitig eröffnen sich Chancen für die Renaturierung großer Pflanzenfresser, etwa durch die Ansiedlung von Wisentpopulationen in geeigneten Waldlandschaften — ein Ansatz, der in den Niederlanden, Rumänien und Norddeutschland bereits erprobt wird.
Auch für die Jagdpraxis sind die Ergebnisse relevant. Die traditionelle Annahme, dass Wildtiere dichte Altholzbestände bevorzugen, gilt offenbar nur eingeschränkt. Revierjägerinnen und -jäger sollten Störungsflächen bei der Bejagung und beim Kirrungsmanagement berücksichtigen. Wo gestörte Waldbereiche nicht aktiv bejagt werden, kann es zu einer Konzentration des Wildes kommen, die sowohl die Waldverjüngung als auch die Tiere selbst belastet.
Limitations & offene Fragen
Die Studie konzentriert sich auf vier große Pflanzenfresserarten. Kleinere Wildtierarten und das Wildschwein wurden nicht systematisch erfasst, obwohl gerade das Schwarzwild in Mitteleuropa erhebliche forstliche Schäden verursacht. Auch die Rolle des Wolfes als Prädator und seine Wechselwirkungen mit den Wilddichten in Störungsgebieten bleibt offen. Darüber hinaus basieren die Habitatmodelle auf Korrelationen — kausale Rückschlüsse, etwa zu den Wirkmechanismen der Attraktivität von Störungsflächen, erfordern weitere experimentelle Untersuchungen. Die Forschenden regen Folgeuntersuchungen an, die gezielt den Einfluss einzelner Störungstypen, Bestandesstrukturen und saisonaler Effekte analysieren. Für die deutsche Forstpraxis wäre zudem eine Studie wünschenswert, die die Ergebnisse auf die spezifischen Verhältnisse der mitteleuropäischen Wälder mit ihrer hohen Wilddichte und ihren kleinflächigen Besitzstrukturen überträgt. Die Datengrundlage der vorliegenden Studie reicht zudem regional nur bis in den westlichen Teil Osteuropas. Russland und die großen borealen Waldgebiete Skandinaviens sind nur teilweise erfasst, obwohl gerade dort die Populationsdichten von Elch und Rentier in den vergangenen Jahren erheblichen Schwankungen unterlagen. Auch die Frage, wie sich der zunehmende Wolfsbestand in Mitteleuropa auf die Dynamik der hier untersuchten Arten auswirkt, bleibt ein offenes Forschungsfeld. Schließlich fehlen bislang Vergleiche mit historischen Daten aus der Zeit vor dem großflächigen Anstieg der Waldstörungen, die eine noch präzisere Einordnung der aktuellen Ergebnisse ermöglichen würden.
Quelle: Increasing forest disturbance enhances habitat suitability for Europe’s large herbivores, Nature Ecology & Evolution, 2026. DOI: 10.1038/s41559-026-03096-0
Dieser Artikel wurde mit Hilfe von KI erstellt und dient der allgemeinen Information. Keine Rechts- oder Beratungsempfehlung.