Thematisches Foto zur Studie (forst-wissen.de)

Hintergrund und Forschungsfrage

Die Frage, welche Pflanzenarten das Reh (Capreolus capreolus) in unterschiedlichen Regionen Europas bevorzugt, beschäftigt die Wildbiologie seit Jahrzehnten. Rehe sind die häufigsten Schalenwildarten Mitteleuropas und haben eine zentrale Bedeutung für die Waldverjüngung, für Verbissschäden und für die waldbauliche Planung. Eine neue, im European Journal of Wildlife Research veröffentlichte Studie geht dieser Frage nun mit einer neuartigen Methodik nach: Statt einzelne Länder oder Klimazonen zu vergleichen, nutzt das Autorenteam das Konzept der europäischen biogeographischen Regionen (EBR) als analytischen Rahmen. Damit gelingt es, die enorme ökologische Vielfalt des europäischen Lebensraums systematisch zu ordnen und regionale wie saisonale Unterschiede im Äsungsverhalten sauber voneinander zu trennen.

Die zentrale Hypothese der Studie lautet, dass Rehe innerhalb biogeographischer Regionen konsistentere Nahrungsgewohnheiten zeigen als über klimatische oder politische Grenzen hinweg. Sollte das zutreffen, hätte das weitreichende Konsequenzen für das Wildmanagement: Hegemaßnahmen, Abschussplanung und Verbissmonitoring müssten sich stärker an ökologischen Raumeinheiten orientieren als an administrativen Zuständigkeiten.

Methodik

Das Forschungsteam analysierte mikrohistologische Daten aus 55 publizierten Studien, die zwischen 1972 und 2024 an 69 Standorten in ganz Europa durchgeführt wurden. 54 dieser Studien lieferten verwertbare statistische Daten. Die Mikrohistologie erlaubt es, anhand winziger Pflanzenfragmente in Kotproben die Zusammensetzung der aufgenommenen Nahrung bis auf Artebene zu rekonstruieren. Diese Methode ist seit Langem etabliert, wurde aber bisher meist kleinräumig eingesetzt.

Die statistische Auswertung erfolgte mit linearen Mixed-Effects-Modellen, in denen biogeographische Region, Jahreszeit und Pflanzenhauptgruppe als fixe Effekte und die einzelne Studie als zufälliger Effekt eingingen. Ursprünglich sollten sechs EBRs abgedeckt werden, also Atlantisch, Kontinental, Mediterran, Borealer Bereich, Pannonisch und Alpin. Wegen unzureichender Datenlage flossen in die statistische Analyse jedoch nur drei Regionen ein: Atlantisch, Kontinental und Mediterran. Dieser Datenengpass in Boreal, Pannonisch und Alpin ist eine der wichtigen Nebenbotschaften der Studie und benennt klar, wo die Forschungslücken klaffen.

Zentrale Ergebnisse

Die Auswertung zeigt, dass Rehe in allen untersuchten Regionen ein erstaunlich konsequentes saisonales Muster bei der Aufnahme von Kräutern (forbs) aufweisen. Deren Anteil an der Nahrung erreicht im Frühling und Sommer seinen Höhepunkt und fällt im Herbst und Winter deutlich ab. Dieses Muster scheint weniger von der geographischen Lage als vom jahreszeitlichen Wachstumszyklus der krautigen Vegetation bestimmt zu sein.

Innerhalb dieses übergeordneten Musters zeigen sich jedoch deutliche regionale Differenzierungen. In der atlantischen Region nehmen Rehe signifikant mehr Gräser, Seggen und Binsen zu sich als in der kontinentalen Region. Diese Befunde lassen sich ökologisch gut einordnen: Atlantische Standorte in Westeuropa und im westlichen Mitteleuropa bieten ganzjährig ein hohes Angebot an graminoiden Pflanzen, während kontinentale Standorte mit kälteren Wintern und ausgeprägterer Sommertrockenheit ein anderes Artenspektrum aufweisen.

Eine besondere Eigenheit zeigt die mediterrane Region: Hier verändern Rehe im Herbst ihre Nahrungszusammensetzung in einer Weise, die sich von den anderen Regionen abhebt. Vermutlich spiegelt dies das verfügbare Nahrungsangebot in den hartlaubdominierten Ökosystemen Südeuropas wider, in denen sommerliche Dürre die Verfügbarkeit krautiger Pflanzen stark einschränkt und dafür Strauch- und Baumkomponenten in den Vordergrund rücken.

Die Zusammensetzung aus Nadelhölzern, Laubhölzern, Sträuchern und Halbsträuchern variiert ebenfalls regional, wobei die atlantische und die kontinentale Region näher beieinander liegen als jede von ihnen zur mediterranen Region. Diese Befunde untermauern die Grundannahme des biogeographischen Ansatzes: Ökologisch definierte Raumeinheiten sagen das Nahrungsverhalten besser vorher als einfache Länder- oder Klimazonenvergleiche.

Praxisrelevanz für Waldbau und Wildmanagement

Für die mitteleuropäische Forstpraxis sind die Befunde unmittelbar relevant, weil das Reh in nahezu allen deutschen, österreichischen und schweizerischen Wäldern die häufigste Schalenwildart ist. Hegemaßnahmen und Abschussplanung orientieren sich bisher oft an historischen Reviergrenzen, Jagdbezirken oder politischen Zuständigkeiten. Die Studie legt nahe, dass eine stärkere Ausrichtung an biogeographischen Raumeinheiten die Wirksamkeit des Wildmanagements erhöhen könnte.

Im Bereich der waldbaulichen Planung hilft die Kenntnis regional typischer Nahrungszusammensetzungen dabei, Verbissprognosen zu präzisieren. Wo der Anteil graminoiden Materials in der Rehährung hoch ist, wie in vielen atlantisch geprägten Mittelgebirgslagen, ist eine Verschiebung der Konkurrenz zwischen Gräsern und Forstpflanzen um Licht und Wasser wahrscheinlich weniger wildbestimmt als in Regionen mit knapperem Grasangebot, in denen Rehe stärker auf Forstgehölze ausweichen.

Praktikerinnen und Praktiker in Revieren mit hohem Laubholzanteil und mediterranem Einschlag, etwa in Südtirol oder im Wallis, sollten zudem berücksichtigen, dass die herbstliche Nahrungszusammensetzung dort deutlich von mitteleuropäischen Mustern abweicht. Dies kann die Planung von Jagdzeiten, die Wahl von Äsungsflächen und die Auswahl von Verbissschutzmaßnahmen beeinflussen.

Vertiefung: Datenlücken und Forschungsausblick

Eine zentrale Schwäche der Studie ist die ungleiche Datenlage. Boreal-, Pannonisch- und Alpinregion sind statistisch unterversorgt. Gerade die alpine Zone wäre für die deutschsprachige Forstwissenschaft besonders interessant, da dort standörtliche Extreme und Wilddichten in besonders enger Wechselwirkung stehen. Das Autorenteam regt explizit weitere mikrohistologische Studien in diesen Regionen an, um die biogeographischen Muster robuster absichern zu können.

Auch die methodische Weiterentwicklung wird diskutiert. Moderne DNA-Metabarcoding-Ansätze, also die Analyse von Pflanzen-DNA im Kot, könnten die Auflösung der Nahrungsanalysen in Zukunft deutlich erhöhen und auch schwer bestimmbare Pflanzenfragmente sicher zuordnen. Eine Kombination aus Mikrohistologie und DNA-basierten Methoden verspricht die genauesten Ergebnisse.

Schließlich ist bemerkenswert, dass die Studie trotz der regionalen Unterschiede ein starkes gemeinsames saisonales Muster bei der Kräuteraufnahme findet. Dies deutet darauf hin, dass bestimmte Aspekte des Äsungsverhaltens evolutionsbiologisch tief verankert sind und sich auch unter veränderten Klimabedingungen nicht kurzfristig auflösen. Für die mittelfristige Anpassung des Wildmanagements an den Klimawandel ist das eine wichtige Botschaft: Die Grundrhythmik bleibt, die Art der verfügbaren Pflanzenarten verschiebt sich jedoch regional.

Ausblick: Wechselwirkung mit dem Klimawandel

Die biogeographische Studie wirft auch ein Schlaglicht auf künftige Anpassungserfordernisse. Wenn sich das Klima in Mitteleuropa weiter erwärmt, könnten sich die Vegetationsperioden für krautige Pflanzen verlängern, während sie in südeuropäischen Regionen durch zunehmende Sommertrockenheit eher verkürzt werden. Beide Entwicklungen würden das saisonale Muster der Kräuteraufnahme verschieben und die ohnehin beobachteten regionalen Unterschiede weiter verstärken.

Für die deutsche Forstpraxis bedeutet das, dass sowohl die Hegemaßnahmen als auch die waldbaulichen Eingriffe künftig stärker regional differenziert werden sollten. In atlantisch geprägten Lagen bleibt das hohe Grasangebot voraussichtlich erhalten, sodass hier klassische Verbissschutzmaßnahmen an jungen Forstpflanzen weiterhin im Vordergrund stehen. In kontinentalen Trockenregionen könnte die Konkurrenz um knapper werdende Kräuter hingegen zunehmen, was den Verbissdruck auf Forstgehölze weiter erhöhen würde.

Eine stärkere Vernetzung zwischen Wildbiologie, Forstwissenschaft und Vegetationskunde wäre daher wünschenswert. Längerfristig könnten gemeinsame Datenplattformen entstehen, in denen Wildnahrungsanalysen, Verbissmonitoring und forstliche Standortskartierung miteinander verknüpft werden, um regional maßgeschneiderte Managementempfehlungen zu entwickeln.

Limitations und offene Fragen

Die zugrunde liegenden Studien decken einen Zeitraum von über fünf Jahrzehnten ab. Veränderungen der Vegetation durch Klimawandel, Landnutzungswandel und Waldumbau sind in diesem Datensatz nur grob erfasst. Aussagen zur aktuellen Nahrungszusammensetzung sollten daher mit aktuellen Vegetationsdaten und Verbissmonitoring kombiniert werden. Auch die Übertragbarkeit auf andere Schalenwildarten wie Dam-, Muffel- oder Sikawild ist nicht ohne weiteres gegeben, da sich deren Nahrungspräferenzen teilweise deutlich vom Reh unterscheiden.


Dieser Artikel wurde mit Hilfe von KI erstellt und fasst die folgende Originalstudie zusammen: DOI 10.1007/s10344-025-02038-8 | PMID 41409804 | European Journal of Wildlife Research (2026).