Wenn der Wald zurückkommt – aber auf dem falschen Pfad: Was die grossflächige Verjüngung nach der Dürrekrise 2018–2020 verrät
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Einleitung: Warum diese Frage relevant ist

Die Jahre 2018 bis 2020 haben Mitteleuropa eine Waldkrise beschert, wie sie seit Jahrzehnten nicht mehr beobachtet wurde. Dürre und Borkenkäfer rissen in den Fichten- und Kiefernbeständen Deutschlands, Tschechiens und der angrenzenden Länder grosse Lücken in die Waldlandschaft. Inzwischen hat die Naturverjüngung eingesetzt, Jungbäume spriessen auf den Schadflächen – doch die entscheidende Frage lautet: Sind diese jungen Wälder den künftigen Klimabedingungen gewachsen? Eine neue Studie in Global Change Biology liefert auf der Grundlage einer breit angelegten Inventur in zentraleuropäischen Störungs-Hotspots eine differenzierte Antwort: Die Verjüngung kommt robust, aber möglicherweise falsch aufgestellt zurück.

Die Befunde sind für Forstbetriebe, Waldbesitzer und Forstpolitik gleichermassen relevant. Sie zeigen, dass blosse Hoffnung auf natürliche Regeneration zu kurz greift – die kommenden Jahrzehnte werden zeigen, ob die jetzt aufwachsenden Bestände den klimatischen Herausforderungen standhalten, oder ob waldbauliche Korrekturen notwendig werden. Wer heute Entscheidungen über Pflanzung, Pflege oder Prozessschutz trifft, braucht eine belastbare Datengrundlage – genau die liefert die Studie.

So wurde geforscht

Das Forschungsteam um Maria Potterf von der Professur für Waldbau der Technischen Universität München untersuchte gemeinsam mit Kollegen der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg und weiteren Partnern insgesamt 849 Probeflächen in den am stärksten betroffenen Störungsgebieten Mitteleuropas. Die Flächen verteilten sich über Regionen, in denen zwischen 2018 und 2020 extensive Baumsterben durch die Kombination aus Trockenheit und Borkenkäferbefall aufgetreten waren – darunter namhafte Schadgebiete in Süddeutschland, Tschechien und dem angrenzenden Alpenraum.

Auf jeder Probefläche erfassten die Forschenden die Artenzusammensetzung, Dichte und Höhe der Verjüngung, den Zustand des Oberbestands sowie Standortparameter wie Höhenlage, Bodenbeschaffenheit und Bestandesgeschichte. Ergänzend wurden Klimadaten herangezogen, um die lokale Trockenheitsentwicklung über die vergangenen Jahrzehnte zu rekonstruieren und in Beziehung zur Verjüngungsdynamik zu setzen. Die Datengrundlage erlaubt es, statistisch robuste Aussagen darüber zu treffen, welche Baumarten unter welchen Standortbedingungen auf den Schadflächen dominieren und inwieweit die Verjüngung mit den projizierten Klimaentwicklungen kompatibel ist.

Die wichtigsten Ergebnisse

Die Verjüngung auf den Störungsflächen ist quantitativ robust: Auf den meisten Probeflächen haben sich in den Folgejahren nach dem Hauptsterben vitale Jungbestände aus Pionier- und Folgebaumarten entwickelt. Die durchschnittliche Verjüngungsdichte liegt deutlich über den Schwellenwerten, die für eine erfolgreiche Walderneuerung als notwendig gelten. Aus waldbaulicher Sicht ist das eine grundsätzlich gute Nachricht – die Wälder Mitteleuropas sind demnach nicht kollabiert, sondern befinden sich in einem lebendigen Regenerationsprozess.

Das zweite, kritischere Ergebnis betrifft die Qualität der Verjüngung im Hinblick auf den Klimawandel. Die aktuell dominanten Verjüngungsbaumarten sind häufig dieselben, die bereits in den Altbeständen stockten – Fichte und Kiefer vor allem, aber auch Buche und andere Laubhölzer. Diese Arten gelten in weiten Teilen Mitteleuropas als zunehmend trockenheitsanfällig. Die Verjüngung bildet demnach die Artenpalette der Vergangenheit ab, nicht aber unbedingt diejenige, die unter den projizierten Klimaverhältnissen der kommenden Jahrzehnte bestehen könnte.

Besonders auffällig ist die Beobachtung, dass wärmeliebende, trockenheitstolerante Baumarten wie Traubeneiche, Elsbeere, Feldahorn oder Vogelkirsche nur sehr kleinflächig in der Verjüngung vertreten sind, obwohl ihre ökologischen Nischen mit dem Klimawandel tendenziell wachsen würden. Die Studie identifiziert mehrere Ursachen für dieses Ungleichgewicht: zum einen die dominante Rolle der Fichtensamen aus dem Oberbestand und der umliegenden Flächen, zum anderen Wildverbiss, der gerade die konkurrenzschwachen Mischbaumarten selektiv dezimiert.

Über alle Probeflächen hinweg zeigt sich zudem, dass die Verjüngung in tieferen Lagen und auf trockeneren Standorten besonders anfällig für eine klimatische Fehlentwicklung ist. Wo die Wasserversorgung schon heute grenzwertig ist, schreitet die Verjüngung zwar voran, aber die Jungbäume starten unter verschärften Bedingungen in ihr Wachstum. Ohne waldbauliche Steuerung – etwa durch Pflanzung trockenheitstoleranter Arten, Wildschutz oder gezielte Pflegeeingriffe – dürfte sich der Klimastress in diesen Lagen in den kommenden Jahrzehnten zuspitzen.

Insgesamt zeichnet die Studie das Bild eines Waldes, der sich grundsätzlich erholt, aber möglicherweise auf dem falschen Pfad in eine Zukunft mit wärmeren Sommern und häufigeren Dürreperioden läuft. Die Autorinnen und Autoren sprechen in diesem Zusammenhang von einer „robusten, aber fehlangepassten“ Verjüngung – eine pointierte Formulierung, die die Diskrepanz zwischen Quantität und Qualität der Regeneration auf den Punkt bringt.

Was das für die Praxis bedeutet

Für Forstbetriebe in den mitteleuropäischen Schadgebieten liefern die Ergebnisse mehrere konkrete Handlungsoptionen. Erstens: Auch wenn die Naturverjüngung zahlenmässig gut dasteht, lohnt sich die gezielte Pflanzung klimatoleranter Mischbaumarten. Traubeneiche, Elsbeere, Feldahorn, aber auch eingeführte Arten wie die Flaumeiche oder trockenheitstolerante Herkünfte der Walnuss können in den Jungbeständen etabliert werden, um die Artenpalette zu erweitern und das Risiko zu streuen.

Zweitens: Das Wildmanagement rückt stärker in den Fokus. Wenn Rehwild und Rotwild die ohnehin seltenen Mischbaumarten selektiv verbeissen, kann selbst eine gut gemeinte Pflanzaktion ihr Ziel verfehlen. Forstbetriebe sollten in den kritischen Verjüngungsphasen – typischerweise in den ersten zehn Jahren nach der Störung – für ausreichend Ruhe in den Flächen sorgen, etwa durch gezielte Jagd, temporäre Zäunung oder andere Schutzmassnahmen.

Drittens: Die waldbauliche Pflege der Jungbestände wird in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen. Wo sich Fichtendickichte ohne Mischung entwickeln, ist eine frühzeitige Steuerung sinnvoll, um die Stabilität und Resilienz der Bestände zu erhöhen. Dazu gehören Mischwuchsregulierung, gegebenenfalls selektive Eingriffe zugunsten trockenheitstoleranter Arten und der Aufbau stufiger Bestandesstrukturen.

Viertens: Die Studie unterstreicht die Bedeutung von langfristigem Monitoring. Forstbetriebe, die den Zustand ihrer Verjüngung über Jahre hinweg systematisch beobachten, können frühzeitig gegensteuern, wenn sich Probleme abzeichnen. Insbesondere die Entwicklung in trockenen Tieflagen sollte aufmerksam verfolgt werden.

Vertiefung: Warum „robust“ und „angepasst“ nicht dasselbe sind

Auf den ersten Blick klingt es widersprüchlich, dass eine erfolgreiche Naturverjüngung gleichzeitig „fehlangepasst“ sein kann. Die Auflösung liegt in der Unterscheidung zwischen kurzfristiger Resilienz und langfristiger Anpassungsfähigkeit. Kurzfristig – also in den nächsten Jahren bis Jahrzehnten – werden die jungen Bäume aufwachsen, sich gegenseitig Konkurrenz machen und allmählich einen neuen Wald bilden. In diesem Zeitraum ist die Robustheit entscheidend: Wie viele Bäume kommen durch, wie vital sind sie, wie schnell schliessen sie den Bestand?

Langfristig – also in einem Zeithorizont von 50 bis 100 Jahren – wird die Anpassungsfähigkeit an die klimatischen Bedingungen zum entscheidenden Faktor. Wenn die heute verjüngten Fichten in fünfzig Jahren unter Sommertrockenheit leiden, die für sie physiologisch kaum noch tolerierbar ist, dann hat der „robuste“ Jungbestand sein ökologisches Ziel verfehlt. Anpassung bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Artpalette eines Bestandes zu den künftigen Standortbedingungen passt – nicht zu den heutigen.

Für die forstliche Praxis folgt daraus: Robustheit und Anpassung sind zwei Seiten derselben Medaille, die unterschiedliche waldbauliche Eingriffe erfordern. Während Robustheit vor allem durch Pflege und Mischung gefördert wird, verlangt Anpassung oft aktive Steuerung – also Pflanzung, Wildmanagement und gegebenenfalls auch den Mut, sich von nicht-mehr-zukunftsfähigen Baumarten zu verabschieden.

Limitations und offene Fragen

Die Studie erfasst den Zustand der Verjüngung einige Jahre nach der Hauptstörung. Wie sich die Jungbestände über die nächsten Jahrzehnte entwickeln, bleibt abzuwarten – insbesondere unter verschärften Klimabedingungen, die in den zugrundeliegenden Modellen zwar angedeutet, aber nicht in voller Schärfe abgebildet sind. Auch die Rolle des Wildverbisses wäre vertiefungswürdig: Die Autorinnen und Autoren identifizieren ihn als einen der Haupttreiber für die Verschiebung der Artenpalette, aber exakte Verbissquoten und standörtliche Unterschiede werden nicht im Detail quantifiziert. Künftige Forschung müsste zudem prüfen, inwieweit sich die Befunde aus den untersuchten Störungs-Hotspots auf andere mitteleuropäische Regionen übertragen lassen, etwa auf den norddeutschen Tieflandbereich mit seinen eigenen Standort- und Baumartenverhältnissen. Schliesslich bleibt offen, welche waldbaulichen Massnahmen in welcher Reihenfolge am wirksamsten sind, um die Diskrepanz zwischen Quantität und Qualität der Verjüngung zu schliessen.

Quelle: Potterf M, Schattenberg C, Krüger K, Hochholzer K, Rammer W et al. (2026). „Tree Regeneration After Unprecedented Forest Disturbances in Central Europe Is Robust but Maladapted to Future Climate Change.“ — Global change biology. PMID 41652657 | DOI: https://doi.org/10.1111/gcb.70734


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