Im Karpatenbecken brach im Sommer 2023 ein Fichtensterben herein, das in seinem Ausmaß selbst erfahrene Forstleute überraschte. Innerhalb weniger Wochen verfärbten sich die Nadeln tausender Fichten in Parks, Gärten und entlang von Straßen braun, viele Bäume starben noch im selben Jahr ab. Eine ungewöhnliche Datengrundlage erlaubt es nun, das Ausmaß dieses Ereignisses erstmals flächendeckend zu beziffern: Über 4.000 Bäume, gemeldet von Bürgerinnen und Bürgern aus allen Komitaten Ungarns, zeigen eine Sterblichkeitsrate von knapp 60 Prozent. Die Studie, die diese Daten auswertet, ordnet das Geschehen in einen größeren klimatischen Zusammenhang ein und liefert eine wichtige Botschaft für die mitteleuropäische Forstwirtschaft.

Hintergrund
Die Gemeine Fichte (Picea abies) ist eine der ökologisch und wirtschaftlich wichtigsten Nadelbaumarten Europas. Sie prägt natürliche boreale Wälder, subalpine Lagen der Alpen und große Teile der Karpaten. Darüber hinaus wurde sie über Jahrhunderte auch außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets angepflanzt, etwa in Mittel- und Westeuropa, wo sie dank ihres schnellen Wachstums und ihrer Formerstärke lange als Brotbaum der Forstwirtschaft galt. Diese künstlichen Vorkommen, oft in tieferen Lagen und auf Standorten, die klimatisch deutlich von ihrem natürlichen Optimum abweichen, sind heute besonders anfällig für die Folgen des Klimawandels. Während das Fichtensterben in deutschen Mittelgebirgen seit den 2000er-Jahren gut dokumentiert ist, blieben ähnliche Entwicklungen im Karpatenbecken bisher weniger genau erfasst.
So wurde geforscht
Das Forscherteam nutzte einen ungewöhnlichen, aber wirkungsvollen Ansatz: Über eine offene Bürgerwissenschaftsplattform wurden Privatpersonen in ganz Ungarn aufgerufen, kranke oder abgestorbene Fichten in ihrer Umgebung zu melden. Insgesamt gingen 4.081 Datensätze aus allen Komitaten ein, die jeweils Standort, Baumzustand und Foto dokumentierten. Die Auswertung kombinierte diese Beobachtungen mit regionalen Klimadaten: Mittlere Sommertemperaturen der Vorjahre, Jahresniederschlagssummen und Temperaturabweichungen gegenüber dem langjährigen Mittel wurden mit den gemeldeten Mortalitätsraten korreliert. Zusätzlich verglichen die Forscherinnen und Forscher die Ergebnisse mit historischen Vitalitätsdaten aus Fichtenwäldern, um den Trend über mehrere Jahrzehnte einzuordnen.
Was die Daten zeigen
Die zentrale Zahl ist eindeutig: 2.422 der 4.081 gemeldeten Bäume, also 59,1 Prozent, waren 2023 abgestorben oder zeigten deutliche Krankheitssymptome. Der Befund korreliert statistisch signifikant mit den Sommertemperaturen der vorangegangenen Jahre: Je höher die mittlere Sommertemperatur, desto höher die Mortalitätsrate. Umgekehrt verhielt es sich mit dem Jahresniederschlag: Höhere Niederschlagssummen waren mit geringeren Ausfällen verbunden. Besonders betroffen waren Regionen, in denen die Sommertemperatur-Anomalie mehr als ein Grad Celsius über dem langjährigen Mittelwert lag. Diese Schwelle, so die Autorinnen und Autoren, entspricht einem kritischen Punkt, an dem die klimatische Toleranz der Fichte in den kontinental geprägten Tieflagen des Karpatenbeckens überschritten wird.
Die Ergebnisse passen zu einem Muster, das Försterinnen und Förster in Mitteleuropa seit Jahren beobachten: Wiederkehrende Dürre- und Hitzejahre setzen vor allem Fichten in tieferen Lagen unter Stress, schwächen die Abwehr gegen Borkenkäfer und Wurzelpilze und führen zu schlagartigem Absterben, oft innerhalb einer einzigen Vegetationsperiode. Die ungarischen Daten zeigen zusätzlich, dass sich dieser Trend in den letzten Jahren merklich verstärkt hat: Die durchschnittliche Jahrestemperatur im Becken nähert sich einem Niveau, das die klimatische Eignungsgrenze der Fichte in außeralpinen Tieflagen voraussichtlich bald überschreitet. Damit wird die Fichte in Ungarn und vergleichbaren Regionen Mitteleuropas zunehmend zum Indikator für die Geschwindigkeit des Klimawandels.
Bedeutung für die Forstpraxis
Für die Forstwirtschaft in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist die Studie ein weiteres Puzzleteil in einem Bild, das sich seit den Hitzesommern 2018, 2019 und 2022 immer deutlicher abzeichnet: Die Fichte in tieferen und mittleren Lagen ist kein Selbstläufer mehr. Wo standortfremde Fichtenreinbestände auf bisherigen Wirtschaftsflächen gehalten werden sollen, steigt das Risiko eines schlagartigen Zusammenbruchs deutlich. Die ungarischen Befunde legen nahe, dass eine Sommertemperatur-Anomalie von einem Grad über dem Mittel bereits ausreicht, um in den Randbereichen des Verbreitungsgebiets katastrophale Ausfälle auszulösen. In Süddeutschland und im Alpenvorland, wo ähnliche Anomalien in den vergangenen Jahren mehrfach erreicht wurden, ist eine vergleichbare Dynamik plausibel.
Konkrete Handlungsoptionen ergeben sich vor allem für Waldumbau und Risikomanagement: Fichtenreinbestände in warmen Tieflagen sollten prioritär in Mischbestände aus Buche, Tanne, Douglasie und standortgerechten Laubhölzern umgebaut werden. Wo dies nicht kurzfristig möglich ist, helfen gezielte Durchforstungen und ein konsequentes Borkenkäfer-Monitoring, das Risiko zu begrenzen. Auch die Baumartenwahl bei Neuanpflanzungen im urbanen Raum, etwa in Parks und an Straßen, sollte überdacht werden, da die ungarischen Daten gerade für diese Standorte hohe Ausfallraten zeigen. Bei Pflanzungen außerhalb des natürlichen Verbreitungsgebiets empfehlen die Autorinnen und Autoren, regionale Klimamodelle heranzuziehen, um die künftige Eignung realistisch einzuschätzen.
Vertiefung
Die Studie nutzt Bürgerwissenschaft in einer Größenordnung, die für forstliche Fragestellungen bislang selten ist. Mehr als 4.000 gemeldete Bäume in einem einzigen Jahr übertreffen die Stichproben vieler klassischer Forstinventuren. Gleichzeitig hat der Ansatz Grenzen: Die Daten sind selbstberichtet, nicht standardisiert erhoben, und die geografische Verteilung der Meldungen spiegelt die Siedlungsdichte wider, nicht die tatsächliche Bestandsdichte. Trotzdem liefern sie einen flächendeckenden Überblick, der mit herkömmlichen Methoden in diesem Umfang kaum zu erreichen wäre. Für die mitteleuropäische Forstpraxis zeigt sich hier ein Modell, wie sich künftig auch in Deutschland ähnliche Crowd-Science-Erhebungen zu Trockenheits- und Schädlingsereignissen aufbauen ließen, ergänzend zu den bestehenden Waldzustandserhebungen.
Ein weiterer Aspekt ist die Geschwindigkeit des Wandels. Die Autorinnen und Autoren betonen, dass sich ökologische Verschiebungen schneller vollziehen als bisher angenommen. Die klimatische Eignungszone der Fichte verschiebt sich innerhalb weniger Jahrzehnte messbar nach Norden und in höhere Lagen, während sie in den Tieflagen wegfällt. Für die forstliche Planung bedeutet das, dass Anpassungsstrategien nicht in Generationenzeiträumen, sondern in den nächsten ein bis zwei Jahrzehnten umgesetzt werden müssen, um katastrophale Verluste zu vermeiden. Lokale Maßnahmen, gestützt auf regionale Klimamodelle, seien dabei entscheidend, solange es keine globalen Lösungen gibt.
Limitations und offene Fragen
Die Studie hat zwei wesentliche Einschränkungen. Erstens stammen die Daten ausschließlich aus einem einzigen Land, dem Karpatenbecken mit seinem kontinentalen Klima. Die Übertragbarkeit auf maritime Klimaräume Westeuropas ist nicht ohne weiteres gegeben. In Regionen mit ausgeglicheneren Niederschlägen und geringeren Temperaturschwankungen verläuft das Fichtensterben häufig gradueller und ist stärker an Sekundärschädlinge wie den Borkenkäfer gebunden. Zweitens erfasst die Untersuchung gezielt Einzelbäume im urbanen und suburbanen Raum, nicht den geschlossenen Wirtschaftswald. In Forstbeständen spielen zusätzliche Faktoren wie Bestandesdichte, Wasserkonkurrenz und Wurzelraum eine Rolle, die in dieser Studie nicht abgebildet werden. Eine offene Frage bleibt, inwieweit die beobachtete Temperaturschwelle von etwa einem Grad über dem Mittel regional variiert und ob vergleichbare Schwellenwerte auch für andere Nadelbaumarten wie Tanne, Kiefer oder Douglasie bestehen.
Originalstudie: „Climate-driven decline of Norway spruce in Central Europe: a threshold crossing in the warming Carpathian Basin“, veröffentlicht 2026 im International Journal of Biometeorology. DOI: 10.1007/s00484-026-03174-9.
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