
Einleitung: Wenn mehrere Insektenstörungen dieselbe Landschaft erreichen
Borkenkäfer und blattfressende Insekten werden in der Forstpraxis meist als getrennte Probleme betrachtet. Für die Widerstandsfähigkeit eines Waldes ist jedoch entscheidend, ob einzelne Störungen räumlich und zeitlich zusammenfallen. Ein Bestand, der zunächst durch wiederholten Blattverlust geschwächt wird und anschließend von Borkenkäfern besiedelt wird, steht unter einem anderen Risiko als ein Bestand mit nur einem kurzen Störungsereignis. Mit der Erwärmung können sich außerdem Gebiete verändern, in denen Insekten dauerhaft günstige Bedingungen vorfinden.
Eine neue Untersuchung in den Ecological Applications rekonstruiert diese Entwicklung im pazifischen Nordwesten Nordamerikas. Die Region ist nicht Deutschland, liefert aber ein besonders langes Beobachtungsfenster für klimabedingte Veränderungen in Nadelwäldern. Die Forschenden zeigen, dass sich Ausbrüche mehrerer Borkenkäferarten räumlich stärker bündeln und dass sich Überschneidungen zwischen Borkenkäfern und Entlaubern in jüngeren Jahrzehnten häufen. Das Ergebnis ist kein einfacher Beleg dafür, dass jede Insektenart überall zunimmt. Es zeigt vielmehr, dass die räumliche Organisation von Störungen selbst ein Warnsignal für nachlassende Resilienz sein kann.
So wurde geforscht
Ausgewertet wurden jährliche Luftbild- und Luftbeobachtungsdaten aus Oregon, Washington und British Columbia für den Zeitraum 1960 bis 2019. Die Datengrundlage deckt damit fast sechs Jahrzehnte ab und umfasst zusammen etwa 1,45 Millionen Quadratkilometer durch Borkenkäfer verursachte Baumsterblichkeit sowie 449.335 Quadratkilometer durch Entlauber geschädigte Waldfläche. Die Flächenangaben sind Summen der kartierten Störungen über den Untersuchungszeitraum und nicht die Größe eines einzigen zusammenhängenden Schadens.
In die Analyse gingen sechs Borkenkäferarten und fünf Entlauberarten ein. Untersucht wurden sowohl lokale Muster in Rasterzellen von 10 mal 10 Kilometern als auch größere räumliche Reichweiten. Die Autoren berechneten für jedes Jahr räumliche Autokorrelationen und verwendeten gleitende Zehnjahresfenster mit fünf Jahren Überlappung. Zusätzlich prüften sie zeitverzögerte Kreuzkorrelationen über ein bis zehn Jahre. So ließ sich testen, ob ein Ausbruch einer Gruppe später mit einem Ausbruch einer anderen Gruppe am selben Ort verbunden war. Die Unsicherheit der räumlichen Schätzungen wurde mit 250 Bootstrap-Wiederholungen bewertet.
Die wichtigsten Ergebnisse
Erstens: Borkenkäferausbrüche waren räumlich stärker gebündelt als Ausbrüche der Entlauber. Über die gesamte Periode bildeten sie größere zusammenhängende Muster. Besonders deutlich war dieser Trend bei Arten, deren Entwicklung durch niedrige Temperaturen begrenzt wird. Die räumliche Autokorrelation und die Reichweite der Ausbrüche nahmen bei Bergkiefernkäfer, Fichtenborkenkäfer und westlichem Balsam-Borkenkäfer im Zeitverlauf signifikant zu.
Zweitens: Die Veränderung betraf nicht alle Borkenkäfer gleich. Bei Douglasien-Borkenkäfer und westlichem Kiefernkäfer zeigte sich kein vergleichbarer Anstieg der lokalen räumlichen Autokorrelation. Das ist forstlich wichtig, weil ein pauschaler Satz wie „der Klimawandel macht alle Insektenausbrüche größer“ die tatsächliche Dynamik verfehlt. Temperaturgrenzen, Wirtsbaumverteilung, Trockenstress und die Verfügbarkeit geeigneter Brutbäume wirken artspezifisch.
Drittens: Auch bei den Entlaubern blieb das Grundmuster überwiegend stabil, mit einer auffälligen Ausnahme. Beim zweijährigen Fichtenwickler nahmen sowohl die lokale räumliche Bündelung als auch die räumliche Reichweite der Ausbrüche zu. Die Art verhielt sich damit ähnlich wie mehrere Borkenkäfer, obwohl Entlauber insgesamt weniger einheitliche Veränderungen zeigten. Das spricht dafür, dass Erwärmung vor allem solche Arten begünstigen kann, deren Verbreitung bisher durch Kälte begrenzt war.
Viertens: Überschneidungen zwischen Borkenkäfer- und Entlauberausbrüchen wurden in jüngeren Jahrzehnten häufiger. Das war besonders in historisch kälteren Wäldern höherer Breiten und Lagen zu beobachten, trat aber auch in wärmeren Regionen auf. Auf Douglasien überschnitten sich beispielsweise Muster von Douglasien-Borkenkäfer, westlichem Fichtenwickler und Douglasien-Tussockmotte. Bei Fichte und subalpiner Tanne nahm die zeitliche und räumliche Verbindung zwischen Fichtenborkenkäfer und westlichem Balsam-Borkenkäfer zu.
Fünftens: Die Hypothese, dass Entlauber grundsätzlich den Weg für spätere Borkenkäferausbrüche bereiten, wurde nicht bestätigt. Auf der Ebene der zusammengefassten Gruppen war die lokale Kreuzkorrelation unabhängig davon gering, welche Insektengruppe zuerst auftrat. Bei einzelnen Wirtsbaumkombinationen gab es jedoch spezifische Trends. Wenn etwa bestimmte Entlauber zuerst auftraten, nahmen spätere räumliche Zusammenhänge mit Borkenkäfern in einigen Zeitabständen zu. Die Wirkung ist somit nicht universell, sondern an Baumart, Insektenart und Zeitfenster gebunden.
Was das für die Praxis bedeutet
Für Forstbetriebe folgt daraus, dass Monitoring nicht bei einer einzigen Schadorganismengruppe enden sollte. Luftbilder, Waldschutzmeldungen und terrestrische Kontrollen sollten möglichst gemeinsam ausgewertet werden. Ein Bestand mit wiederholtem Nadel- oder Blattverlust verdient besondere Aufmerksamkeit, auch wenn aktuell noch keine frischen Borkenkäferbohrmehlzeichen sichtbar sind. Umgekehrt sollte ein Borkenkäferherd Anlass sein, die angrenzenden Bestände auch auf Entlaubung und verzögerten Vitalitätsverlust zu prüfen.
Die Studie spricht außerdem für eine stärkere Priorisierung von Landschaften, in denen sich mehrere Risikofaktoren räumlich überlagern. Hohe Wirtsbaumanteile, trockene Standorte, geschlossene gleichaltrige Bestände und eine Lage an der warmen Verbreitungsgrenze können zusammen ein höheres Risiko erzeugen als jeder Faktor allein. Für die Einsatzplanung bedeutet das, Befliegungen und Bodenaufnahmen nach der räumlichen Bündelung zu priorisieren, statt nur die größte Einzel-Schadfläche des Vorjahres zu betrachten.
Bei der Baumarten- und Bestandesplanung sollte die Erkenntnis langfristig in die Risikostreuung einfließen. Mischungen mit mehreren standortgerechten Baumarten können die Abhängigkeit von einem einzelnen Wirt reduzieren, auch wenn sie keinen vollständigen Schutz vor Insekten bieten. Gleichzeitig bleiben saubere Brutraumerfassung, rasche Aufarbeitung geeigneten Frischbefalls und die Beachtung von Verkehrssicherung und Arbeitsschutz unverzichtbar. Die Studie rechtfertigt keine pauschale Bekämpfung, sondern ein genaueres, räumlich vernetztes Risikomanagement.
Für die tägliche Waldschutzpraxis bedeutet der Befund auch, dass Schadmeldungen nicht isoliert nach Kalenderjahr bewertet werden sollten. Eine räumliche Häufung über mehrere Jahre kann aussagekräftiger sein als ein einzelnes extremes Befallsjahr. Werden wiederholt dieselben Höhenlagen, Expositionen oder Wirtsbaumgruppen getroffen, sollte der Betrieb diese Muster in der Forsteinrichtung und in der mittelfristigen Hiebs- und Pflegeplanung berücksichtigen.
Limitations & offene Fragen
Die Datengrundlage beruht auf Luftbeobachtungen. Kleine Befallsherde, einzelne geschädigte Bäume und Unterschiede in der Kartiergenauigkeit können dadurch untererfasst werden. Zwischen 1997 und 1998 fehlen für British Columbia Daten; außerdem wechselten die Kartierverfahren teilweise von handgezeichneten Karten zu digital unterstützten Verfahren. Die Flächenstatistik beschreibt deshalb robuste Landschaftsmuster, erlaubt aber nicht für jede einzelne Rasterzelle eine gleich genaue Aussage.
Unklar bleibt zudem, wie direkt sich die nordamerikanischen Ergebnisse auf mitteleuropäische Arten wie Buchdrucker und Kupferstecher übertragen lassen. Übertragbar ist vor allem das Prinzip: Erwärmung kann bisher getrennte Störungsräume verbinden und mehrere Belastungen im selben Bestand wahrscheinlicher machen. Der nächste Forschungsschritt muss deshalb Prognosen zu konkreten europäischen Wirtsbaumarten, Trockenstress und Managementmaßnahmen verbinden.
Quelle: „Spatial and temporal patterns of bark beetle and defoliator outbreaks, and their interactions, in the Pacific Northwest“, Ecological Applications, 2026. DOI: 10.1002/eap.70270.
Dieser Artikel wurde mit Hilfe von KI erstellt und dient der allgemeinen Information. Keine Rechts- oder Beratungsempfehlung.