Wie Genetik und Waldbau zusammenspielen: Norwegens Weg zu multifunktionalen Fichtenwäldern
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Einleitung: Warum diese Frage relevant ist

Die Wälder Norwegens sind mit der Fichte als dominanter Baumart ein wichtiger Vergleichsraum für die mitteleuropäische Forstwirtschaft. Doch die Ansprüche an den Wald sind vielfältiger geworden: Neben der Holzproduktion erwarten Gesellschaft und Politik zunehmend Beiträge zur Biodiversität, zum Klimaschutz und zur Erholung. Wie lässt sich ein Wald so bewirtschaften, dass er all diese Funktionen gleichzeitig erfüllt? Eine neue Studie im Journal of Environmental Management geht dieser Frage mit einem umfassenden Simulationsansatz nach und prüft, welche Rolle genetisch verbessertes Pflanzgut bei der Lösung des Spannungsfelds spielen kann.

Die Ergebnisse sind nicht nur für Norwegen relevant. Auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz wird seit Jahren diskutiert, ob und wie weit Züchtungsfortschritt in der Forstpflanzenproduktion zur Bewältigung der multifunktionalen Herausforderungen beitragen kann. Norwegen hat dabei den Vorteil einer langen Tradition in der Fichtenzüchtung und einer gut dokumentierten Datengrundlage – beides erlaubt es, langfristige Effekte verschiedener Bewirtschaftungsstrategien quantitativ zu vergleichen.

So wurde geforscht

Das norwegische Forschungsteam kombinierte drei leistungsfähige Datenquellen und Modelle: Die norwegische nationale Waldinventur lieferte flächendeckende Informationen zu Baumarten, Vorrat und Wachstum. Ein klimasensitives Einzelbaum-Simulationsmodell ermöglichte es, das Wachstum einzelner Bäume unter verschiedenen Klimaszenarien und Bewirtschaftungsregimen über lange Zeiträume zu projizieren. Schliesslich kam eine multikriterielle Optimierung zum Einsatz, um die zahlreichen Zielgrössen – Holzproduktion, Biodiversität, Kohlenstoffspeicherung, Bioenergie – gleichzeitig zu berücksichtigen.

Die Forscher verglichen drei Strategien über einen Simulationszeitraum von 100 Jahren: Eine Variante ohne genetischen Züchtungsfortschritt, eine Variante mit ausschliesslich wachstumsorientierter Verbesserung, und eine dritte Variante, die Wachstum und Holzqualität kombiniert verbessert. Für jede Strategie wurden zahlreiche Bewirtschaftungsregime simuliert, von eher extensiver Pflege bis hin zu intensiver Durchforstung. Die Modellergebnisse zeigen, wie sich Holzernte, ökologische Hotspots, Totholzanteile, Kohlenstoffspeicherung in Biomasse und Holzprodukten sowie verschiedene Biodiversitätsindikatoren im Laufe eines Jahrhunderts entwickeln.

Die wichtigsten Ergebnisse

Die deutlichsten Effekte zeigten sich, wenn genetische Verbesserung nicht nur das Wachstum, sondern auch die Holzqualität adressiert. In dieser kombinierten Variante stieg der Netto-Holzerntewert, die Fläche ökologischer Hotspots vergrösserte sich, und es konnten grossflächigere Schutzgebiete (Set-aside-Flächen) eingerichtet werden, ohne dass die nationale Holzerntemenge dadurch sank. Mit anderen Worten: Die gleiche Holzmenge konnte auf weniger Fläche produziert werden, wodurch Raum für Naturschutz und Biodiversitätsförderung frei wurde.

Die Kohlenstoffspeicherung in geernteten Holzprodukten – also in Schnittholz, Plattenwerkstoffen und anderen langlebigen Holzprodukten – nahm in der kombinierten Variante ebenfalls zu. Interessanterweise zeigte die Kohlenstoffspeicherung in lebender Biomasse allerdings keinen konsistenten Trend: Zwar wuchsen die Bäume schneller, wurden aber auch früher geerntet, sodass sich beide Effekte weitgehend ausglichen. Dieses Ergebnis verdeutlicht, dass Züchtungsfortschritt nicht automatisch zu mehr Kohlenstoff im Wald führt – entscheidend ist, was nach der Ernte mit dem Holz geschieht.

Ein weiteres zentrales Ergebnis betrifft die Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Waldfunktionen: Genetischer Züchtungsfortschritt verstärkte die positiven Synergien zwischen Bioenergie und Klimaschutz, liess jedoch die meisten anderen Beziehungen zwischen Ökosystemleistungen weitgehend unverändert. Die Studie zeigt damit, dass Züchtung ein Hebel ist, aber kein Allheilmittel – sie kann bestimmte Zielkonflikte entschärfen, andere bleiben bestehen.

Überraschend war die Beobachtung, dass die exakte Höhe des Züchtungsgewinns für die meisten Indikatoren nur eine untergeordnete Rolle spielte. Viel entscheidender war die Frage, wie das verbesserte Pflanzgut in das jeweilige Bewirtschaftungssystem eingebettet wurde. Eine flexible, an Standort und Marktsituation angepasste Behandlung erwies sich als wirksamer als die blosse Maximierung des genetischen Potenzials.

Insgesamt stützen die Befunde die These, dass Züchtungsfortschritt als komplementäres Werkzeug in einem multifunktional ausgerichteten Waldmanagement sinnvoll eingesetzt werden kann – vorausgesetzt, die Bewirtschaftung ist ausreichend flexibel, um auf veränderte Rahmenbedingungen reagieren zu können. Eine reine Fokussierung auf maximale Wuchsleistung, wie sie in der traditionellen Forstpflanzenzüchtung mitunter verfolgt wurde, ist mit den heutigen Ansprüchen an den Wald kaum noch vereinbar.

Was das für die Praxis bedeutet

Für Forstbetriebe in Mitteleuropa liefert die norwegische Studie mehrere konkrete Hinweise. Erstens: Bei der Pflanzenauswahl sollte nicht nur die Wuchsleistung, sondern auch die Holzqualität – etwa Astreinheit, Holzdichte, Faserausrichtung – berücksichtigt werden. Zwar gibt es in Deutschland erst in Ansätzen vergleichbare Züchtungsprogramme wie in Norwegen, doch die Ergebnisse sprechen dafür, in entsprechende Forschungs- und Vermehrungsinitiativen zu investieren.

Zweitens: Die Waldbehandlung sollte so gestaltet werden, dass Spielräume für unterschiedliche Nutzungsintensitäten bestehen bleiben. Extensive Bereiche mit Hotspot-Funktion, intensivere Bereiche für die Holzproduktion, und ein Netz von Schutzflächen – diese Mischung ist mit Züchtungsfortschritt eher erreichbar als ohne. Drittens: Wer genetisch verbessertes Pflanzgut einsetzt, sollte sich bewusst sein, dass die Vorteile erst in Jahrzehnten sichtbar werden. Kurzfristige Ertragssteigerungen sind nicht der primäre Hebel – langfristige Anpassungsfähigkeit und multifunktionale Leistungsfähigkeit stehen im Vordergrund.

Für Waldbesitzer, die selbst nicht in Forstpflanzenzüchtung investieren können, empfiehlt sich die Nutzung von forstlichem Vermehrungsgut aus anerkannten Herkünften. In Deutschland regelt das Forstvermehrungsgutgesetz die Zulassung und Kennzeichnung; die Auswahl sollte standortangepasst und an den jeweiligen Verwendungszweck angepasst erfolgen. In Regionen mit hohem Fichtenanteil und erwarteter Klimaerwärmung kann die Wahl trockentoleranter Herkünfte oder die Beimischung anderer Baumarten wichtiger sein als die blosse Verwendung von Hochleistungssorten.

Vertiefung: Multifunktionalität als Optimierungsaufgabe

Multifunktionalität lässt sich nur schwer in einer einzigen Kennzahl messen. Die Studie verwendet daher einen indikatorbasierten Ansatz, der mehr als ein Dutzend verschiedene Leistungen des Waldes quantifiziert. Dazu gehören klassische Produktionsindikatoren wie Erntevolumen und Netto-Holzerntewert ebenso wie ökologische Kennzahlen – Totholzmenge, Habitatbäume, Flächenanteil extensiv bewirtschafteter Bestände – und Klimaschutzindikatoren wie Kohlenstoffvorrat in Biomasse und geernteten Holzprodukten.

Ein interessanter methodischer Aspekt ist die multikriterielle Optimierung: Statt eine Zielfunktion zu maximieren, sucht das Verfahren nach Kompromisslösungen, die unter allen betrachteten Zielen gleichzeitig akzeptable Werte erreichen. Das ist methodisch anspruchsvoller als klassische Ertragsoptimierung, entspricht aber eher der Realität einer Forstwirtschaft, die heute viele Ansprüche gleichzeitig bedienen muss. Forstliche Entscheidungsträger können sich an diesem Rahmen orientieren, wenn sie auf betrieblicher Ebene Zielkonflikte zwischen Holz, Biodiversität und Klima abwägen müssen.

Limitations und offene Fragen

Die Studie basiert auf norwegischen Daten und einem für norwegische Wälder kalibrierten Modell. Eine direkte Übertragung auf deutsche Mittelgebirgs- oder Tiefland-Forstbetriebe ist nur eingeschränkt möglich, da Baumartengarnitur, Standortsbedingungen und Bewirtschaftungstraditionen abweichen. Zudem behandelt die Simulation einen idealisierten 100-Jahres-Horizont; kurzfristige Risiken wie Sturmereignisse, extreme Dürre oder Schädlingskalamitäten werden nur teilweise abgebildet. Auch werden die Biodiversitätsindikatoren als Proxy-Grössen verwendet, die nur einen Ausschnitt der tatsächlichen ökologischen Vielfalt abbilden – reale Artvorkommen etwa werden nicht modelliert. Schliesslich bleibt offen, wie sich die Ergebnisse unter verschärften Klimaszenarien verändern, etwa bei deutlich häufigeren Sommerdürren, wie sie für Mitteleuropa bis 2050 erwartet werden. Künftige Forschung müsste das Modell auf europäische Buchen-, Eichen- und Mischwälder ausdehnen und dabei insbesondere die Wechselwirkung zwischen Züchtungsfortschritt und Klimaanpassung in den Blick nehmen.

Quelle: Vergarechea M et al. (2026 Sep 15). „Wie Genetik und Waldbau zusammenspielen: Norwegens Weg zu multifunktionalen Fichtenwäldern“ — Journal of environmental management. PMID 42759125 | DOI: https://doi.org/10.1016/j.jenvman.2026.130968


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