
Einleitung: Warum diese Frage relevant ist
Wälder gelten als eine der zentralen Säulen im Kampf gegen den Klimawandel. Sie speichern enorme Mengen an Kohlenstoff und können durch nachhaltige Bewirtschaftung und Aufforstung zusätzliches CO2 aus der Atmosphäre binden. Wald-Carbon-Credits sind in den vergangenen Jahren zu einem Milliardenmarkt geworden: Unternehmen und Staaten kompensieren ihre Treibhausgasemissionen durch den Kauf von Zertifikaten, die vermehrte Kohlenstoffspeicherung in Wäldern nachweisen sollen. Doch dieses Versprechen steht auf einem wackeligen Fundament, wie eine neue Untersuchung im renommierten Fachjournal Nature zeigt. Die Studie deckt auf, dass die gängigen Berechnungsmethoden für solche Kohlenstoffzertifikate die Risiken durch klimabedingte Störungen wie Feuer, Dürre und Schädlingskalamitäten massiv unterschätzen.
Die Konsequenzen sind weitreichend. Wenn Carbon-Programme den Verlust von gespeichertem Kohlenstoff durch Waldbrände, Stürme oder Borkenkäferbefall nicht angemessen einkalkulieren, dann sind die ausgestellten Credits im Grunde wertlos. Die Studie quantifiziert erstmals das Ausmaß dieser Fehleinschätzung auf kontinentaler Ebene und liefert räumlich aufgelöste Karten, die zeigen, wo das Risiko besonders groß ist. Für die internationale Klimapolitik und für die Forstwirtschaft gleichermaßen ist diese Analyse ein Weckruf.
So wurde geforscht
Das internationale Forschungsteam kombinierte für seine Analyse mehrere umfangreiche Datensätze. Grundlage war die amerikanische Waldinventur, die über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg Daten zur Biomasse und zum Kohlenstoffgehalt in den Wäldern der gesamten zusammenhängenden USA erhebt. Ergänzt wurden diese Daten durch Landsat-Satellitendaten, mit denen großflächige Waldstörungen identifiziert und zeitlich zugeordnet werden konnten. Daraus erstellten die Forschenden räumlich explizite Karten der Störungsdynamik für den Zeitraum von 2000 bis 2023.
Aufbauend auf diesen Daten entwickelte das Team ein Machine-Learning-Modell, das die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Kohlenstoffverluste durch natürliche Störungen prognostiziert. Berücksichtigt wurden dabei klimatische Variablen, Baumartenverteilungen, Standortseigenschaften und historische Störungsmuster. Die Berechnungen bezogen sich auf die kommenden 100 Jahre und verschiedene Klimaszenarien, um die Bandbreite möglicher Entwicklungen abzubilden. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie groß der sogenannte Buffer Pool — der Risikopuffer eines Carbon-Credit-Programms — dimensioniert sein müsste, um unerwartete Kohlenstoffverluste auszugleichen.
Die wichtigsten Ergebnisse
1. Die Studie zeigt, dass der Klimawandel das Risiko von Kohlenstoffverlusten in den Wäldern der USA deutlich erhöht. Über den Untersuchungszeitraum von 100 Jahren prognostiziert das Modell eine signifikante Zunahme von Störungen — insbesondere in Kalifornien, im Großen Becken und in der Intermountain-Region des Westens. Diese Gebiete sind besonders anfällig für großflächige Brände und langanhaltende Dürren, beides Folgen des sich erwärmenden Klimas.
2. Der Buffer Pool des größten US-amerikanischen Wald-Carbon-Programms ist im Durchschnitt um den Faktor 6,3 zu klein. Das bedeutet: Die heute reservierten Kohlenstoffmengen, die eigentlich dazu dienen sollen, unerwartete Verluste auszugleichen, decken nur einen Bruchteil des tatsächlichen Risikos ab. Je nach Klimaszenario und Annahmen zur Störungsintensität schwankt diese Unterschätzung zwischen dem 2,2- und 8,0-fachen des aktuellen Puffers. Im schlimmsten Fall müssten also achtmal größere Reserven vorgehalten werden, um die Klimaschutzversprechen tatsächlich einzuhalten.
3. Die räumliche Verteilung des Risikos ist sehr heterogen. Während in den östlichen USA, wo gemäßigtes Klima und ausreichend Niederschläge herrschen, das Risiko moderat bleibt, ist die Lage im Westen kritisch. Insbesondere Kalifornien, das in den vergangenen Jahren immer wieder von verheerenden Waldbränden heimgesucht wurde, weist ein extrem hohes Verlustrisiko auf. Die Forschenden liefern detaillierte Karten, auf denen Forstbetriebe, Zertifizierer und politische Entscheidungsträger ablesen können, wo Investitionen in den Risikoschutz am dringendsten nötig sind.
4. Die aktuellen Methoden zur Berechnung der Buffer Pools berücksichtigen die Komplexität natürlicher Störungen nicht ausreichend. Standardisierte Risikoabschätzungen basieren oft auf historischen Mittelwerten, die jedoch durch den Klimawandel zunehmend ihre Gültigkeit verlieren. Die Studie zeigt, dass dynamische Modelle, die künftige Klimaentwicklungen einbeziehen, zu deutlich anderen und vor allem realistischeren Ergebnissen kommen. Die Autoren empfehlen daher eine grundlegende Überarbeitung der Methodik.
5. Die Studie liefert konkrete räumlich aufgelöste Karten des langfristigen Risikos, die als Grundlage für politische Entscheidungen dienen können. Diese Karten zeigen für jede Region, wie hoch die Wahrscheinlichkeit von Kohlenstoffverlusten in den nächsten Jahrzehnten ist und welche Faktoren dabei die größte Rolle spielen. Solche Werkzeuge fehlten bislang, weshalb die Risikobewertung häufig auf pauschalen Annahmen beruhte. Mit den neuen Daten wird es möglich, gezielt dort in den Risikoschutz zu investieren, wo er den größten Nutzen entfaltet.
Was das für die Praxis bedeutet
Für die internationale Klimapolitik und insbesondere für die Gestaltung von Wald-Carbon-Programmen hat die Studie unmittelbare Konsequenzen. Die Europäische Union und Deutschland fördern zunehmend Projekte zur Kohlenstoffbindung in Wäldern, etwa im Rahmen der EU-Verordnung zur Landnutzung und Forstwirtschaft. Wenn die Berechnungsmethoden das Risiko systematisch unterschätzen, dann sind diese Programme klimapolitisch weniger wirksam als angenommen. Die Forderung der Forschenden, die Buffer-Pool-Methodik grundlegend zu überarbeiten, sollte von politischer Seite aufgegriffen werden — nicht zuletzt, um die Glaubwürdigkeit von Wald-Carbon-Zertifikaten langfristig zu sichern.
Für deutsche Forstbetriebe, die sich am freiwilligen Carbon-Markt beteiligen oder staatliche Förderung für klimastabile Wälder beantragen, ist es ratsam, die Risikoabschätzung kritisch zu hinterfragen. Betriebe in Regionen mit hoher Sturm- oder Borkenkäfergefahr — etwa in den Mittelgebirgen, im Bayerischen Wald oder in den Küstenregionen — sollten besonders vorsichtig kalkulieren und gegebenenfalls eigene Risikopuffer einplanen. Auch bei der Anlage von klimastabilen Mischwäldern lohnt sich ein Blick auf die Studienergebnisse: Wälder mit hoher Baumartenvielfalt und guter vertikaler Strukturierung sind in der Regel resilienter gegenüber Störungen und damit auch als Kohlenstoffspeicher zuverlässiger.
Auch für Versicherer und Banken, die Forstbetriebe finanzieren, ist die Studie relevant. Die klimabedingten Risiken für den Wert von Waldflächen werden bislang häufig unterschätzt. Eine realistischere Risikobewertung könnte dazu beitragen, Versicherungsprodukte und Finanzierungsmodelle besser an die tatsächlichen Gegebenheiten anzupassen. Die Bereitschaft, in klimastabile Wälder zu investieren, hängt nicht zuletzt davon ab, wie verlässlich die zugrunde liegenden Annahmen sind.
Limitations & offene Fragen
Die Studie konzentriert sich auf die Wälder der zusammenhängenden USA. Eine direkte Übertragung der konkreten Zahlen auf Mitteleuropa ist nicht möglich, da die klimatischen Bedingungen, die Baumartenverteilung und die Störungsdynamik sich deutlich unterscheiden. Die zugrunde liegenden Methoden und die grundsätzliche Erkenntnis — dass konventionelle Buffer-Pool-Berechnungen das Risiko unterschätzen — sind jedoch übertragbar. Für Europa fehlt bislang eine vergleichbar umfassende Analyse. Auch die Rolle des Menschen, etwa durch aktive Waldbrandbekämpfung oder Borkenkäfermanagement, wurde in der Studie nur am Rand berücksichtigt. Es bleibt offen, inwieweit ein verbessertes Störungsmanagement die Risiken tatsächlich reduzieren kann. Schließlich hängen die Ergebnisse stark von den angenommenen Klimaszenarien ab. Bei einem ungemilderten Klimawandel könnten die Risiken noch deutlich höher ausfallen als in den pessimistischsten Szenarien der Studie. Für die Forstpraxis und die Klimapolitik bedeutet das: Je stärker die globale Erwärmung begrenzt wird, desto zuverlässiger bleiben Wälder als Kohlenstoffspeicher erhalten — ein Argument, das in der aktuellen politischen Debatte oft zu kurz kommt.
Quelle: Forest carbon protocols underestimate climate-driven carbon loss risks, Nature, 2026. DOI: 10.1038/s41586-026-10571-y
Dieser Artikel wurde mit Hilfe von KI erstellt und dient der allgemeinen Information. Keine Rechts- oder Beratungsempfehlung.